Im 16. Jahrhundert ließ Kurfürst Friedrich II. im Bellheimer Wald ein Jagdschlösschen errichten. Doch abgesehen von einem Wassergraben und einem unauffälligen Gedenkstein erinnerte dort lange Zeit nichts mehr daran. Bis der Kommunikationsdesigner Kilian Kunz bei einem Museumsbesuch das einstige Portal entdeckte und einen kühnen Entschluss fasste, um seinem südpfälzischen Heimatdorf ein Stück Geschichte wiederzugeben.

„Das Licht ist perfekt“, freut sich Kilian Kunz, als auf einer Lichtung ein Monument erscheint. Beim Näherkommen erkennt man einen Torbogen. Fast mysteriös, einsam, steht er mitten in der Landschaft. Die Stelle im südpfälzischen Bellheimer Wald hat der Familienvater unzählige Male besucht, das Gelände durchstreift, Sonnenstand, Bodenbeschaffenheit, Wasserstände beobachtet, um die Geschichte dieses Stückchen Erde zu rekonstruieren. 

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Mittlerweile kennt er diesen Ort wie seine Westentasche. Und auch die Menschen, die an diesem Vormittag zum Joggen oder Gassigehen unterwegs sind, grüßen ihn herzlich: hier ein Winken, da ein freundliches Hallo. Er sei selbst gerne in der Natur, erzählt der sportliche, dunkelhaarige Pfälzer, der 1976 in Landau geboren ist, in Rülzheim aufwuchs und seit vielen Jahren nun in Bellheim lebt. Er liebe das Wandern, entweder beim Familienurlaub in Südtirol oder gerne auch hier, in der Südpfalz. 

Schöne Ausblicke sind an den Kanälen der Queich garantiert – auch in Richtung des ehemaligen Schlosses Friedrichsbühl. Foto: Julian Beckmann

Die Strecke ist beliebt, vom Bellheimer Schützenhaus, wo sich in der Nachbarschaft ein großer Abenteuerspielplatz befindet, führt der Friedrichsbühl-Rundwanderweg vorbei an einem Pflanzfeld für neue Bäume und in Richtung der nahegelegenen Holzwiesen, die als Teil der Queichbewässerung seit 2023 zum UNESCO-Welterbe zählen (hier geht’s zu unserer WO-SONST-Geschichte). Kurz davor zweigt der Weg ab und führt nach etwa drei Kilometern zum Ziel: der Erlebnisstation Friedrichsbühl. 

An diesem Vormittag liegt der Sommer in der Luft, die Mittagssonne bricht sich durchs saftig grüne Blätterdach. An einem Baum erklärt eine Info-Tafel mit QR-Codes, wo man sich befindet. 1550/1552 errichtete Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz an dieser Stelle unter großem Aufwand ein Lustschloss, denn an dieser Stelle lag zu dieser Zeit eines der besten Jagdreviere der Kurpfalz. Hier empfing der Kurfürst Gäste, pflegte politische Kontakte und veranstaltete opulente Feste.

Beim Scan eines der QR-Codes erscheint eine 3D-Rekonstruktion, die zeigt, wie das Schloss einst ausgesehen haben könnte. „Wir können nur mutmaßen, da keine Pläne, Zeichnungen oder Gemälde erhalten sind“, sagt Kunz, der eine Kommunikationsagentur in Bellheim betreibt und im Auftrag der Gemeinde schon öfter in die Geschichte eingetaucht ist – nach historischen Überlieferungen hat er etwa einen Film über die Entstehung des Ortes produziert. Doch die Entdeckung, die er mit Friedrichsbühl machte, brachte einiges an Recherchen mit sich: „Wir haben überlieferte Reparaturrechnungen und Bestandsaufnahmen genutzt, um dem Aussehen des Jagdschlosses ein kleines Stück näher zu kommen.“ Bekannt ist, dass es sich um einen dreistöckigen Bau handelte, der vollständig von einem Wassergraben umgeben war und nur über eine Brücke erreicht werden konnte. 

Wahrscheinlich wollte man mithilfe der Wassergräben Wölfe fernhalten, die damals in der Region ihr Unwesen trieben.

Für die Anlage Friedrichsbühls als Wasserschlösschen gibt es mehrere Erklärungen. Neben der repräsentativen Funktion waren die Gräben nützlich zur Bewässerung der großen Gemüsegärten, die außerhalb des Schlossgeländes lagen. Darüber hinaus fand sich in zeitgenössischen Kirchen- und Gemeinderatsprotokollen eine weitere Spur: „Hier in der Region trieben Wölfe ihr Unwesen. Wahrscheinlich wollte man sie mithilfe der Gräben fernhalten und das erlegte Jagdwild auf diese Art schützen.“ 

Die Wassergräben sind heute noch zu sehen. Sie speisen sich aus der Sollach, einem künstlich angelegten Nebenarm der Queich. „Je nach Jahreszeit ist hier mehr oder weniger Wasser“, berichtet Kunz. Heute ist nur ein schwaches Rinnsal zu sehen. „Die Gräben verlaufen in einem quadratischen Bereich, mit ungefähr 100 Meter in der Länge und in der Breite“, erklärt der Hobbyhistoriker. „In der Mitte vermuten wir die Schlossanlage.“ Am südlichen Ende der Grabenanlage stand wohl auch – frei im Gelände, so mutmaßt er – das Eingangsportal, das heute wieder dort steht. Zumindest irgendwie. 

Ein Teil des Friedrichsbühler Tores, nachgebaut aus Holz. Foto: K2 Fachbüro
Ein Teil des Friedrichsbühler Tores, nachgebaut aus Holz. Foto: Schreinerei Kraus

Denn was auf den ersten Blick wie Sandstein wirkt, ist gar keiner: Die Steinmetzarbeiten sehen ein wenig verwaschen aus, ein leichtes Raster zeichnet sich ab. Befühlt man den vermeintlichen Stein, klopft mit den Fingern dagegen, so wird schnell deutlich, dass hier kein Renaissancetor steht. „Es ist eine Rekonstruktion aus Holz.“ Gemeinsam mit seinem Cousin Sebastian Kraus, der in Bellheim eine Schreinerei betreibt, hat er das Portal als einzig noch erhaltenes Relikt nachgebildet und wieder an seinen Ursprungsort gebracht. 

Das Tor aus Friedrichsbühl im Original ist in Speyer zu finden. Foto: Historisches Museum der Pfalz
Das Tor aus Friedrichsbühl im Original ist in Speyer zu finden. Foto: Historisches Museum der Pfalz

Der entscheidende Impuls war Kilian Kunz bei einem Besuch im Historischen Museum der Pfalz in Speyer gekommen – bei der Kindergeburtstagsfeier seiner Tochter. Gerade hatte er sich eine kleine Auszeit im Museumscafé gegönnt, als sein Blick plötzlich an etwas hängen blieb. „Ich habe Jahre zuvor an einer Publikation mitgearbeitet und dabei einigermaßen überrascht von einem ehemaligen Schloss in Bellheim erfahren“, erinnert sich Kunz. In Speyer sah er aber das Portal von Schloss Friedrichsbühl zum ersten Mal – aus gelbem Sandstein, über vier Meter hoch, ein Meter tief und drei Meter breit. Geriffelte Pfeiler säumen einen mit dekorativen Ornamenten besetzten Rundbogen, dessen Mitte ein kunstvoller Schlussstein ziert. 

Lange Jahre hatte der Torbogen nur achtlos im Garten des örtlichen Pfarrhauses gelegen, nachdem er zuvor im Eingangsbereich der katholischen Kirche verbaut war und dort im Zuge einer Renovierung ausrangiert wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts holte das Historische Museum das Tor dann nach Speyer, um es dort professionell zu konservieren und geschützt vor Wind und Wetter als eines der ersten Exponate der dortigen Sammlung auszustellen. So kam eins zum anderen: Kunz kam die Idee, eine Replik des Portals zu erstellen. Gerade arbeitete er mit 3D-Scan, und dachte, dass sich das Tor auf diese Weise vermessen lassen würde. Schnell war aber klar, dass ein Sandsteintor in diesen Maßen finanziell und logistisch nicht zu stemmen wäre. Als er bei seinem Cousin nachfragte, ob das Ganze aus Holz mit dessen automatisierten Fräsen nachzubilden sei, war dieser sofort Feuer und Flamme. „Ich musste ihn fast bremsen“, berichtet er. 

Eine Drohnenaufnahme zeigt den Weg des rekonstruierten Friedrichsbühler Tors in den Bellheimer Wald. Foto: K2 Fachbüro
Eine Drohnenaufnahme zeigt den Weg des rekonstruierten Friedrichsbühler Tors in den Bellheimer Wald. Foto: K2 Fachbüro

Schließlich galt es, eine Finanzierung zu finden und die Baugenehmigung zu bekommen. Aber die Hürden wurden genommen, der Gemeinderat unterstützte das Vorhaben und das Projekt erhielt Förderungen durch EU, Bund und Land. Spezielle Anforderungen, die es durch die Lage im Vogelschutzgebiet zu beachten galt, etwa eine passende Lasur zu finden, die sowohl witterungsbeständig als auch umweltverträglich ist und zugleich optisch Sandstein ähnelt, wurden ebenfalls gemeistert. „Das ist uns schon ganz gut gelungen“, sagt Kilian Kunz stolz und streicht über das Holz. „Wenn sich über die Jahre Moos ansetzt und das Ganze der Witterung ausgesetzt ist, wird es noch besser aussehen.“ 

Technisch bestand die größte Herausforderung darin, das Tor in einzelne Frästeile zu zerlegen und anschließend passgenau zusammenzusetzen. Einige Probleme mussten unterwegs gelöst werden – „Learning by doing“, sagt Kunz und lacht. Eine 1:1-Kopie ist das Ganze übrigens nicht: „Unser Tor ist etwas tiefer als das Original“, erklärt er und zeigt auf ein in die breite gezogenes Herzornament. „In Speyer stützen Metallstäbe das Portal, wir gleichen die Statik so aus.“ 

Das Lust- und Jagdschloss Friedrichsbühl - virtuell rekonstruiert. Foto: K2 Fachbüro
Das Lust- und Jagdschloss Friedrichsbühl – virtuell rekonstruiert. Foto: K2 Fachbüro

Seit Januar 2026 erinnert nun das nachgebildete Tor an das historische Schloss Friedrichsbühl und seine bewegte, wenn auch kurze Geschichte. Im Dreißigjährigen Krieg war der Adelssitz erstmals 1622 durch die Truppen Erzherzog Leopolds V. zerstört worden. 1623 ließ dieser das Schloss wieder instandsetzen. Unter seiner Frau Claudia de’ Medici gewann die Anlage erneut als Jagdschloss und Gestüt an Bedeutung. Hier wurden Pferde für den kaiserlichen Hof in Innsbruck gezüchtet – den enormen Bedarf an Heu deckte man auch durch die Erträge, die das Bewässerungssystem der Queichwiesen sicherstellte. Das Schicksal von Friedrichsbühl besiegelte dann aber eine weitere Zerstörung wahrscheinlich durch schwedische Truppen. Die Schäden waren so gravierend, dass ein Wiederaufbau verworfen wurde. Um 1725 verschwanden die letzten Ruinen dann, die Steine wurden anderweitig verwendet. „Manche hat man verbaut in den Schleusen der Queichwiesen wiedergefunden“, sagt Kunz. 

Die Erforschung von Schloss Friedrichsbühl ist längst nicht abgeschlossen, der Kulturverein Bellheim arbeitet nach wie vor daran. „Gerade versuchen einige Mitglieder anhand von Bodenproben herauszufinden, was damals in den Nutzgärten angebaut wurde. Die Sämlinge halten sich über viele Jahrhunderte in der Erde“, berichtet Kunz, während er sich auf einer Bank an einem kleinen überdachten Häuschen mit Schachbrett-Tisch niederlässt. Der Pfälzerwald-Verein hat den Rastplatz errichtet. Er packt eine Tüte mit Backwerk und eine Kanne aus, mit der er auch unterwegs frischen Espresso brühen kann. Ob das so sein Ding sei, Neues auszuprobieren? Der Hobbyhistoriker lacht verschmitzt. Auch Friedrich II. hat nach ungewöhnlichen Lösungen Ausschau gehalten – nicht zuletzt, indem er Friedrichsbühl errichten ließ. Ein Wasserschlösschen mitten im Nirgendwo.  

https://friedrichsbühl.de



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