An der deutsch-französischen Grenze in Schweigen-Rechtenbach hat Gudrun Zoller einen ehemaligen Schul- in einen Skulpturengarten verwandelt. Dorthin lädt sie Künstler:innen aus der Pfalz, aus Baden und dem Elsass ein, um ihre Werke zwischen alten Bäumen, in verwunschenen Ecken und bunten Blumenbeeten zu zeigen.

Gudrun Zoller ist aufgeregt. Sie steht im Vorgarten ihres alten Wohnhauses, inmitten von Heckenrosen und Lavendel, und schaut neugierig auf das Nachbargrundstück: „Da ist eine richtig große Besuchergruppe angekommen“, freut sie sich. Tatsächlich strömen nebenan gerade etwa 20 munter plaudernde Menschen, viele in bunter Sommerkleidung und mit Sonnenhüten, auf das Gelände. Sie alle sind gekommen, um die Kunstwerke, die dort in Blumenrabatten, zwischen Sträuchern und alten Bäumen aufgestellt und gehängt sind, zu betrachten. „Normalerweise würde ich mich jetzt unter die Leute mischen, ein wenig zu den Arbeiten erzählen und mir anhören, wie sie auf die Einzelnen wirken“, erklärt Zoller.

Besucher:innen zwischen Kunstwerken, Blumen, Bäumen und Sträuchern.

Dabei leuchten ihre blauen Augen mit dem kräftigen Blau des gigantischen Kunstwerks an ihrer Hauswand um die Wette. Es stammt von der Künstlerin Gabi Streile, die von Mai bis Oktober 2026 im Skulpturengarten am Alten Schulhaus ihre Arbeiten zeigt, während andere Kunst wiederum dauerhaft zu entdecken ist. Der Name verrät es schon: Gudrun Zollers Anwesen ist kein gewöhnliches Domizil, sondern war einst die Schule des deutsch-französischen Grenzortes Schweigen-Rechtenbach.

Schöne Ausblicke: Kunstwerk im Skulpturengarten, im Hintergrund das alte Schulhaus.

Das 1894 erbaute Gebäude ist nur einen Steinwurf vom Deutschen Weintor in der örtlichen Hauptstraße entfernt. Als Ende der 1970er-Jahre die Schülerzahl im rund 1500-Seelen-Dorf immer weiter sank, wurde der Schulbetrieb vor Ort eingestellt. Nach diversen Nutzungen – unter anderem durch den hiesigen Gesangsverein – ging das stattliche Anwesen von der Gemeinde in Privatbesitz. Im Jahr 2010 stieß Gudrun Zoller auf eine Immobilienanzeige, die das Haus im Internet zum Verkauf anbot. Sie setzte sich sofort in ihr Auto und fuhr los, um es sich anzusehen. „Es hat keine Woche gedauert, bis alles unter Dach und Fach war“, erinnert sie sich. Sie zog aus dem elsässischen Stundwiller, wo sie zuvor 20 Jahre lang gelebt hatte, über die Grenze und weckte das Anwesen aus dem Dornröschenschlaf.

Dazu gehörte eine komplette Sanierung, bei der Zoller auch selbst mit Hand anlegte, etwa um die alten Fliesen abzuklopfen. Die großen lichten Schulräume mit ihren hohen Decken, so war der ehemaligen Kunstlehrerin und begeisterten Sammlerin sofort klar, boten nicht nur die perfekten Voraussetzungen zum Wohnen, sondern auch für Ausstellungen, kreativen Austausch, Workshops. Kurz: Für alles, was Zoller am Herzen liegt.

Meist habe ich für Kunstwerke schon einen ganz konkreten Ort im Garten im Sinn, und bislang konnte ich die Künstlerinnen und Künstler immer dafür begeistern.

Gudrun Zoller

Die Liebe zur Kunst, wann sie begonnen hat, vermag sie nicht zu sagen, irgendwie sei sie immer da gewesen. Geboren 1941 in Berlin und aufgewachsen in Stuttgart, war sie zunächst als Englisch- und Kunstlehrerin tätig, bevor sie ans Kultusministerium in Stuttgart wechselte. Dort entdeckte sie als Referentin für Schulkunst ihre Leidenschaft für die Vermittlungsarbeit. Seitdem ziehen sich Projekte mit Kindern und Jugendlichen durch ihr Leben, sei es bei der Umgestaltung des Spielplatzes hinter ihrem Haus oder bei der sogenannten „Lavendellinie“, auf der Bahnhöfe entlang der historischen Pfälzischen Maximiliansbahn künstlerisch gestaltet und mit Lavendel bepflanzt wurden. Grenzübergreifend modellierte sie mit verschiedenen Jugendgruppen Tierskulpturen, als die Außenanlagen der Bahnhöfe zwischen Wissembourg und Winden neugestaltet wurden.

Kunst und Lavendel: Die Bahnhöfe entlang der historischen Pfälzischen Maximiliansbahn sind einen Besuch wert.

Jedes Jahr werden außerdem Kunstobjekte von den Schüler*innen der Grundschule des Nachbarorts Dörrenbach im Park gezeigt. Denn dorthin gehen die Kinder aus Schweigen-Rechtenbach zur Schule. Quallen und Bienen aus Dosen sowie Schlangen aus Kronkorken sind Ergebnisse eines schulischen Upcycling-Projektes. „Mir ist wichtig, dass auch die Kinder schon einen Bezug zu unserem Park haben, so achten alle darauf“, ist Zoller überzeugt. Finanziert wird das Projekt durch Sponsoren, dem Verein zur Förderung von Kunst und Kultur an der Südlichen Weinstraße und der Josef-David-Stiftung.

Zoller in ihrem Haus: Zu Kunst hatte sie schon immer eine besondere Beziehung.

Außen wie innen muss man Kunst beim Alten Schulhaus nicht suchen. In den umgebauten Klassenzimmern, in denen Zoller eine Mietwohnung, eine Ferienwohnung sowie ihre eigene Wohnung eingerichtet hat, wissen die Augen kaum, wo sie zuerst hinschauen sollen: Werke regionaler und überregionaler Künstler*innen, Designobjekte und besondere Souvenirs aus fernen Ländern wechseln sich hier ab. Vieles sind Erinnerungsstücke eigener Reisen. Denn Zoller zieht es regelmäßig in die Ferne. Nach ihrer Pensionierung im Jahr 2004 ging sie gleich im Anschluss auf Weltreise. Auf eigene Faust. Mit kleinem Rollköfferchen. Durch Südamerika. Durch Südostasien. Mittlerweile, mit über 80 Jahren, bevorzugt sie Reisen in der Gruppe. Südafrika und der Oman waren ihre letzten Ziele. Demnächst soll es unbedingt nach Japan gehen.

Das alte Schulhaus steckt voller Kunst und Reiseerinnerungen.

Trotz der Fülle an Dingen, die es hier zu entdecken gibt, ist es kein Sammelsurium – alles wirkt ausgewogen, klar und stilvoll. Zoller hat einen Sinn für Räume; das kommt ihr auch bei ihrer Arbeit für den Skulpturengarten zugute. „Mir ist es ganz wichtig, dass ich die Künstlerinnen und Künstler erst einmal in ihren Ateliers besuche“, erzählt Zoller. Dafür ist sie schon in die abgeschiedensten Ecken der sogenannten PAMINA-Region, der deutsch-französischen Europaregion zur Zusammenarbeit zwischen Südpfalz, Baden und dem Elsass, gereist. Danach folgt traditionell der Gegenbesuch: Die Künstler*innen kommen zur Ortsbegehung nach Schweigen-Rechtenbach. „Meist habe ich dann schon einen ganz konkreten Ort im Garten im Sinn, und bislang konnte ich die Künstlerinnen und Künstler immer dafür begeistern.“

Die Orte für die Kunstwerke in ihrem Skulpturengarten wählt Zoller sorgfältig aus.

Neben ihrem Kunstraum im Schulhaus, den Zoller bis 2020 betrieb, hatte sie noch eine weitere Idee. Diese betraf den ehemaligen Schulgarten. Während ihrer Zeit als stellvertretende Leiterin der Landesakademie für Lehrerfortbildung in Bad Rotenfels hatte sie dort bereits einen Skulpturengarten inklusive Sommerakademien für regionale Künstler*innen ins Leben gerufen. An ihrem neuen Zuhause wollte sie ein ähnliches Konzept realisieren. Und so machte die Kunstliebhaberin dies kurzerhand zur Bedingung dafür, dass die Gemeinde den Schulgarten wieder zurückerwerben durfte.

Durch Zollers Konzept ist der Schulgarten heute ein lebendiger Ort.

Seit 2012 verwandelt sich dieser nun zwischen Mai und Oktober in eine Open-Air-Galerie, wo Künstler*innen aus der Pfalz, Baden und dem Elsass großformatige Skulpturen ausstellen. Zoller legt bei der Auswahl Wert darauf, dass neben den Regionen, eine Vielfalt an Materialien zu finden ist: Holz, Stein, Keramik und Stahl zählen zu den verwendeten Werkstoffen. Außerdem sei auch eine gewisse Größe und Monumentalität wichtig, um in der Landschaft nicht verloren zu wirken – tatsächlich überragen viele der Exponate die Ausstellungsmacherin. Gewachsen ist diese ihrer Aufgabe aber allemal, Zoller hat alles im Blick und ihre Kriterien: Der Frauen- und Männeranteil soll ungefähr ausgeglichen sein. „Figürliche Darstellungen erleichtern es zudem den meisten Besucher*innen, einen Zugang zur Kunst zu finden. Das ist mir wichtig“, erklärt Zoller. Ein aktuelles Beispiel ist 2026 der sogenannte „mann“, der einen am Parkeingang buddhagleich lächelnd und lässig in T-Shirt und schwarzer Hose gekleidet begrüßt. Die freundlich dreinblickende Aluminiumfigur mit den überdimensionierten Händen und Füßen stammt vom Künstler Daniel Wagenblast.

Mitten auf der Wiese, im Zentrum des Parks, steht ein besonderes Highlight: „Illusionen“ lautet der Titel der überlebensgroßen Holzbüste mit auffälligem Kopfschmuck, geschaffen von der in Ostfildern lebenden Künstlerin Birgit Rehfeldt. Als Material diente ihr das Holz eines im Zuge von Stuttgart 21 gefällten Blauglockenbaums. Und, wer genau hinsieht: In Sichtweite der Figur ist ein alter Blauglockenbaum im Vorgarten des Schulhauses zu finden. Denn nicht nur zwischen den Kunstwerken gibt es optische und thematische Verbindungslinien, die Kunst geht auch in Dialog mit dem Garten.

Werk mit besonderer Geschichte: „Illusionen“ entstand aus dem Holz eines im Zuge von Stuttgart 21 gefällten Blauglockenbaums.

Abseits der Saison sind neben einem Denkmal für die Kriegsgefallenen des Zweiten Weltkriegs einige bleibende Skulpturen zu finden. Unter anderem eine Frau im roten Badeanzug der pfälzischen Künstlerin Gabriele Köbler. Sie überblickt nahe am Parkeingang das ganze Areal. Nicht nur der hiesige Bürgermeister hat sich in die elegante Dame verliebt, berichtet Zoller. „Hier kamen schon Leute im roten Badeanzug oder mit roter Badehose an und haben sich neben ihr posierend fotografiert“, sagt sie, lacht und schaut zu ihrer leicht bekleideten Nachbarin. Das Beet, in dem diese steht, hat Zoller übrigens eigenhändig mit einer Freundin bepflanzt. Wie könnte es anders sein…


www.schulhaus-schweigen.com

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