Von Mai bis Anfang Oktober fährt ein historischer Schienenbus von Neckarbischofsheim durch das malerische Krebsbachtal. Was nach Schienen-Nostalgie klingt, hat einen zukunftsweisenden Hintergrund: Mit den Ausflugsfahrten hält der Förderverein Krebsbachtalbahn die Nebenbahn in Betrieb. Damit hier eines Tages wieder reguläre Züge fahren können.
Gemächlich kommt die Bahn angerollt. Ein knallroter Fleck, der langsam größer wird. Vor grünen Bäumen und einem blauen Himmel. Jürgen Heß wartet schon auf sie, in voller Montur eines Zugbegleiters, farblich abgestimmt. In schwarzer Hose und dunkelblauer Jacke, mit roter Krawatte und Schaffnermütze mit goldenem Flügelrad, dem Symbol der Eisenbahn. Ein Bild, das auch eine Postkarte aus den 1960er-Jahren schmücken könnte. Ein kleiner Ausflug in die Zeit des Wirtschaftswunders, aus der der Uerdinger Schienenbus stammt, der gerade in den Bahnhof von Neckarbischofsheim Nord einrollt.
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Einsteigen, bitte! Kommt mit unserem Video mit auf die Fahrt durchs Krebsbachtal.
Die Bahn pfeift einmal, lang und schrill, dann öffnet sie klappernd ihre Türen. Heß und die Fahrgäste steigen ein: einige Familien mit kleinen Kindern, ein Vater mit seinem Sohn, ein paar ältere Herren. Die meisten von ihnen nutzen die Fahrt für einen Ausflug auf Schienen durch das Krebsbachtal, aber es ist auch ein junger Mann aus Untergimpern dabei, der es ausnutzt, dass heute eine Bahn in sein Heimatdorf fährt. Denn die Krebsbachtalbahn ist zwar optisch eine besondere, aber dennoch ganz reguläre Bahn der DB Regio, unterwegs unter dem Kürzel RB 79. Niemand muss einen speziellen Fahrschein lösen für die Fahrt, auch mit einem Ticket des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar oder einem Deutschlandticket kann man hier einsteigen. Nur pünktlich sollte man sein, denn die Krebsbachtalbahn ist eingetaktet in den regulären Fahrplan der Region.
Die RB 79 ist zwar eine spezielle Bahn, aber einen speziellen Fahrschein brauchen Fahrgäste nicht.
Sie pfeift noch einmal, dann fährt sie los. Sie rattert und knattert, ruckelt und zuckelt, klappert und plappert. Nur dampfen und rauchen tut sie nicht wie James Krüss berühmte Henriette Bimmelbahn. Sie tuckert eher durch die hügelige Landschaft des Krebsbachtals, die hinter blau-weiß gestreiften Vorhängen vorbeizieht. Seit 2010 fährt die Ausflugsbahn durch das Tal, gut ein Jahr nachdem der offizielle Linienverkehr auf der Strecke eingestellt wurde. „Sie galt als unrentabel“, erklärt Heß. Doch ganz aufgeben wollte man die Nebenbahn nicht. „Also hat man entschieden, einen Freizeitverkehr einzurichten, damit die Schienen weiter befahren werden und die Strecke gepflegt wird.“
Abfahrt von Neckarbischofsheim Nord.
Hier bricht der Schienenbus ins Krebsbachtalbahn auf.
Auch für die Lokführer ist die Fahrt eine besondere,...
...für die sie eine extra Prüfung ablegen müssen.
Vorbei an Felder und Wälder...
geht es bis Hüffenhardt, dann wechselt die Bahn die Richtung.
Jürgen Heß plaudert mit Fahrgästen.
Die erste Fahrt der Saison findet traditionell am Ostermontag statt, mit Eiersuche und Figurentheater. Die zweite Fahrt, am letzten Samstag im April, führt einmal durch das Krebsbachtal bis nach Mannheim, pünktlich zum Start des Maimarkts. Ab Mai bis Anfang Oktober fährt sie dann immer sonn- und feiertags, mehrmals am Tag dann die 17 Kilometer lange Strecke von Neckarbischofsheim Nord nach Hüffenhardt und zurück. An jedem dritten Mittwoch und letzten Samstag des Monats tourt sie dann auch nach und wieder ab Mannheim.
Schienenbusfahren ist was Feines
Fahrgast Christian Schürholz
Mittlerweile hat die Bahn Siegelsbach erreicht und taucht ein in den Wald. „Ein Fuchs!“ ruft ein Mädchen aufgeregt. Ihr Bruder widerspricht. „Das war viel größer, das war ein Reh.“ Wenig später drückt Heß dem Zehnjährigen seinen Schlüsselbund in die Hand. Stolz steigt er mit ihm aus, öffnet einen Kasten und aktiviert die Signale für den nächsten Bahnübergang. Mehrmals im Monat begleitet Jürgen Heß die Fahrten als ehrenamtlicher Zugbegleiter. Er ist Gründungsmitglied des Fördervereins Krebsbachtalbahn und entwirft auch ihre Fahrpläne.
Kleine Helfer – bei der Ausflugsfahrt dürfen auch mal Kinder die Signale einschalten.
Heß wohnt in Meckesheim und arbeitet beim kommunalen Rechenzentrum in Heidelberg als Ausbilder im technischen Bereich. Zu Beginn seiner eigenen Laufbahn in den 1980er Jahren bei der Stadt Heidelberg pendelte er jeden Tag mit der Bahn von Meckesheim nach Heidelberg. „Dabei habe ich mich immer gewundert, warum wir in Neckargemünd so lange halten und dachte, das müsste man doch besser takten können.“ Er schrieb an die Bahn, kam ins Gespräch mit Verantwortlichen und half dabei, die Fahrpläne durch das Elsenztal zu optimieren. Seit 1991 engagiert er sich im Verkehrsforum 2000, einer Bürgerinitiative, die sich für eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs im Elsenz- und Schwarzbachtal einsetzt und in den 2000er Jahren erreichen konnte, dass die Strecke zwischen Aglasterhausen und Meckesheim elektrifiziert und in das S-Bahn-Netz einbezogen wurde. „Damals mussten wir jedoch auf die Strecke durch das Krebsbachtal bis nach Hüffenhardt verzichten“, sagt Heß.
Doch er gibt die Hoffnung nicht auf, dass hier irgendwann wieder reguläre Züge fahren. Gespräche gibt es über eine Reaktivierung der Strecke. Sie soll ebenfalls elektrifiziert und von Obergimpern über eine neue Strecke mit der Elsenztalbahn verbunden werden. Doch die Gespräche ziehen sich – kein Wunder bei einer Strecke, bei der fünf Städte und Gemeinden, drei Landkreise, zwei Verkehrsverbünde, die DB Regio als Betreiber und die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft als Eigentümerin mitreden. „Mal treibt der eine und bremst der andere, dann ist es wieder umgekehrt“, schildert Heß. Frühestens 2035 rechnet er mit den ersten Zügen, die wieder Kinder aus den Dörfern des Tals in die Schule fahren könnten.
Heß hofft, dass im Krebsbachtal irgendwann wieder ganz reguläre Züge fahren.
Dann natürlich nicht mehr in einem schicken roten Schienenbus, für den eine extra Fahrprüfung notwendig ist und auf die sich Alexander Schlott gerade vorbereitet. Während die Aufgaben als Zugbegleiter und die Instandhaltung der Strecke bei den ehrenamtlichen Mitgliedern des Fördervereins liegen, sind die Lokführer bei der DB Regio angestellt. „Immer wieder wird im Kollegenkreis gefragt, wer Lust hat, auf dieser Strecke zu fahren – und eigentlich finden sich immer genügend Freiwillige“, sagt Robin Hoffmann, der seit zwei Jahren die Krebsbachtalbahn steuert und heute Schlott einweist. Plötzlich ruckelt der Schienenbus und bleibt stehen, mitten auf der Strecke. Hoffmann grinst. „Das passiert am Anfang öfter – in modernen Zügen müssen wir immer wieder vom Sicherheitsfahrschalter gehen – auch zur Kontrolle, das wir noch da und bei Bewusstsein sind. Aber wenn man das in so einer alten Bahn macht, dann bleibt die eben auch mal stehen.“
Die Krebsbachtalbahn bietet Ein- und Ausblicke.
Ungewohnt ist auch, dass der Fahrgastbereich und Führerstand nicht getrennt sind. „Und die Fahrgäste auch sehr gerne mal Fragen stellen“, sagt Hoffmann. „Das muss man mögen.“ Er selbst genießt die Abwechslung und zuckelt gerne mit dem Schienenbus durchs Krebsbachtal. Hinter ihm fachsimpelt Heß gerade mit Christian Schürholz. Er ist mit seinem Vater extra aus Geislingen angereist, um mit der Krebsbachtalbahn zu fahren. „Weil Schienenbusfahren was Feines ist“, sagt der Jugendliche. Außerdem engagiert er sich in seiner Heimat ebenfalls für die Reaktivierung einer alten Bahnstrecke – der kleinen Teckbahn nach Weilheim.
Abendstimmung über dem Krebsbachtal – besonders schön durch die Panoramafenster der Bahn.
Mittlerweile hat der Schienenbus in Hüffenhardt die Richtung gewechselt und fährt wieder in den Bahnhof in Neckarbischofsheim ein. Es ist die letzte Fahrt an diesem Feiertag, die erst in Mannheim endet. Doch dafür muss die Krebsbachtalbahn erstmal ein bisschen rangieren und auf die Schienen der S-Bahn wechseln. Dann fährt sie weiter, nach Neckargemünd, das Neckartal entlang über Heidelberg bis nach Mannheim. An jedem Bahnhof blicken dem roten Schienenbus erstaunte Augen entgegen. Erst irritiert, dann erfreut, dass das tatsächlich der angezeigte Zug ist. Also: wenn die Fahrplanauskunft das nächste Mal die RB 79 anzeigt – unbedingt einsteigen!
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