In Ramberg führt Harald Klein mit seiner Familie den letzten Bürstenbinderbetrieb der Pfalz. Dabei hat der kleine Ort eine große Handwerksgeschichte.
Harald Klein streicht mit der flachen Hand über die schwarz-weißen Borsten des Handfegers, nimmt eine überdimensionierte Schere in die Hand und schneidet mehrfach längs über die Büschel. Scheren nennt sich das. Es ist der letzte Schritt der Besen- und Bürstenherstellung, um die herausstehenden Borsten zu beseitigen. Schließlich sollen der Stubenbesen und der Handfeger, die Tassenbürste und der Kuchenpinsel, der Staubwedel und die Möbelbürste am Ende perfekt bürsten und fegen.
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Zu Besuch in der Besen- und Bürstenfabrik der Familie Klein.
Klein steht im Halbdunkel im obersten Stockwerk seiner Besen- und Bürstenfabrik im pfälzischen Ramberg. Inmitten von Kartons, die mit sorgfältig nebeneinander liegenden Bürsten verschiedener Größen gefüllt sind. Wobei Fabrik vielleicht nicht das richtige Wort ist, vielmehr handelt es sich um einen Kleinstbetrieb, den er mit seinem Bruder Hans-Dieter, dessen Ehefrau, Harald Kleins Ehefrau und Tochter führt, dazu kommen ein festangestellter Mitarbeiter und eine Handvoll Handarbeiterinnen.
Die Kleins sind die letzten verbliebenen Besen- und Bürstenbinder von Ramberg, einem Dorf im südlichen Pfälzerwald in der Verbandsgemeinde Annweiler, das einst als Metropole des Bürstenbinderhandwerks galt. Im 19. Jahrhundert lebte der ganze Ort direkt oder indirekt davon, heute sind es nur noch die Kleins. Ramberg, das sind bewaldete Berge rechts und bewaldete Berge links, dazwischen Häuser und eine Hauptstraße, die durch den Talkessel führt. Von der Rheinebene sind es 20 Minuten bis nach Ramberg, das den Zusatz „Staatlich anerkannter Erholungsort“ tragen darf. In der Mitte des Dorfes steht die rosafarbene katholische Kirche St. Laurentius. Als sie 1836 eingeweiht wurde, sah das Leben der Menschen noch anders aus: Die Bewohner hatten nicht viel, vor allem im Tal nicht genug Platz, um Landwirtschaft zu betreiben. Also verlegten sie sich aufs Besen- und Bürstenbinden. Das hatten sie sich von den Franzosen abgeguckt. „Viele Menschen wanderten in jener Zeit nach Frankreich aus, in der Hoffnung auf ein besseres Leben“, erzählt Harald Klein. Doch als das Leben nicht besser wurde, kehrten sie in ihre alte Heimat zurück – und brachten das Bürstenbinderhandwerk mit.
In Ramberg hat das Bürstenbinden eine lange Tradition.
Heute hält es nur noch Harald Klein mit seiner Familie aufrecht.
In seiner kleinen Besen- und Bürstenfabrik.
In der aus Holz...
...und Borsten....
...Produkte werden, die ein Leben lang halten.
1850 waren in dem 1300-Seelen-Ort 130 Bürstenmacher:innen tätig, und wenn die „Buckelkrämer“ mit ihren gewaltigen „Keetzen“, den Tragekörben, in den Städten auftauchten, im benachbarten Frankreich, Holland oder gar Skandinavien, riefen die Menschen: „Die Ramberger kommen.“ Sie wussten: Hier gibt es Qualität, keine Ramschware.
Ein handgemachter Hausbesen hält ein Leben lang
Harald Klein
„Heute wollen die meisten Leute eher Besen und Bürsten aus Plastik, das ist billiger“, sagt Klein bedauernd und hebt schwarz-weiße Borsten, säuberlich eingewickelt in Packpapier und mit einer Kordel festgezurrt, aus einem Karton. Ziegenhaar aus dem tibetischen Hochland, das er über einen Importeur aus China bezieht. „Die Haare sind weich und können den Staub wegen des eigenen Fettgehalts gut binden“, sagt er. Auch die Borsten von Haus- und Wildscheinen bekommt Klein aus China. „Die eignen sich für Kuchenpinsel, aber auch als Haarbürste.“ Und der gängige Stubenbesen? Der bestehe aus Rosshaar, der Mähne oder dem Schweifhaar des Pferdes. Für robuste Straßenbesen oder Handfeger greift Klein auf Fasern von Palmen oder Kokosnüssen aus Indonesien, Brasilien oder Indien zurück.
Weiches Ziegenhaar bindet den Staub besonders gut.
Es bimmelt. Harald Klein holt sein Handy aus der Hosentasche. „Da rufe ich später zurück“, sagt er und steckt das Telefon wieder ein. Es wird noch mehrere Male in den nächsten Stunden klingeln, jemand will eine Bestellung aufgeben, eine Frau erkundigt sich nach Besengrößen. Klein lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nicht durch die Fragen. Nicht durch die Kartons zu seinen Füßen, die den Weg zu den Kunden finden müssen. Nicht von der Arbeit, die vor ihm liegt, den Aufträgen, Anfragen, Rechnungen, die sich in geöffneten und ungeöffneten Briefumschlägen im Büro auf dem Tisch stapeln. Auf dem Gelände, auf dem die Kleins produzieren, stand mal die Mühle von Ramberg. Harald Kleins Urgroßvater Josef hatte hier die Besen- und Bürstenfabrik Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Danach übernahm der Erstgeborene Josef die Geschäfte, der Großvater von Harald Klein – er war es auch, der die ehemalige Mühle 1931 ersteigerte.
Kisten, Kästen, Kartons und dazwischen jede Menge Borsten, Bürsten und Besen.
Heute erzählen die Räume von einer langen Betriebsgeschichte: Hier gibt es Kisten, Kästen, Körbe, die sich fast bis zur Decke stapeln, Regale voller Besenstiele, frisch angeliefert aus Kanada und Brasilien, Holzbretter, ungehobelt oder bereits zu Holzkörpern gehobelt, in die die Bohrspindel später die Löcher einbringt, und natürlich die Borsten und Fasern, ohne die der Besen oder die Bürste am Ende nichts wäre. Die Maschinen hat noch Großvater Josef angeschafft oder dessen Sohn Arnold, der Vater von Harald und Hans-Dieter. Eine der wichtigsten Investitionen hat der Großvater nicht mehr miterlebt – dabei hatte er ihre Anschaffung noch kurz vor seinem Tod 1972 auf einer Messe selbst in die Wege geleitet: eine Stanzmaschine, die vollautomatisch Löcher in die Holzkörper bohrt und gleichzeitig Borstenbündel mit Hilfe eines Stanzdrahtes in das Holz schießt.
Die Stanzmaschine erleichterte die Arbeit der Bürstenbinder:innen enorm.
An diesem Tag ist der Maschinenpark nicht mehr in Betrieb, deshalb demonstriert Harald Klein das Vorgehen an einem Halbautomaten. Der Holzkörper, schon präpariert mit Löchern, muss dabei händisch geführt werden, alles andere funktioniert maschinell. „Das verlangt Präzision“, sagt der Bürstenbinder, während er die Maschine anwirft. Es brummt und rattert, ein Kreisbogen nimmt eine zuvor bestimmte Menge Borsten aus dem Borstenkanal, gleichzeitig legt eine Art Zunge eine Drahtschlinge vor, die schnappt sich das Borstenbündel und schießt es mit einem „Klack“ in das Loch im Holzkörper, das Klein exakt positioniert hat. „Das geht schnell, pro Minute 130 Bündel.“ Harald Klein nutzt den Halbautomaten für Spezialbestellungen in geringen Stückzahlen, etwa Bürsten, die Staubsauger reinigen können, oder Linienkehrbesen für Tennisplätze.
Pro Minute landen 130 Borstenbündel in einem Holzstück.
Doch Klein kann noch mehr: Er beherrscht das Handwerk wie die ersten Bürstenbinder von Ramberg. Um das zu zeigen, läuft er die Treppe wieder hinauf in einen Raum, wo noch die sogenannten Einziehtische stehen. Was aussieht wie ein banaler Holztisch, war seinerzeit das Herzstück der Bürstenherstellung. Klein deutet auf die runde Aussparung in der Mitte der Werkbank, hier steckte früher ein Drahtstock, nebenan lag der vorgebohrte Bürstenkörper. Der Draht wird durch das vorgebohrte Loch von unten durchgesteckt, und durch diese Schlaufe wird dann das mit einem geschulten Handgriff von einem Stapel abgenommene Bündel Borsten „durchgeschlauft“, in der Mitte umgelegt und schließlich ins Holz reingezogen. „Wenn das Bündel reinschlupft, gibt das einen Ton“, erklärt Harald Klein, während er mit seinen großen Händen die Borsten portioniert. „Grätschen“ nennen das die Besenbinder, der Ton entstehe, wenn das Bündel richtig voll sei und ins Loch mit Kraft reingezogen werde. Erklingt er, weiß Harald Klein: Die Borste sitzt!
Egal mit welchem Gerät: Die Borsten sitzen garantiert.
Als er ein Kind war, saßen an den Einziehtischen um die zehn Männer und Frauen. Auch er habe mitgeholfen, und wenn am Nachmittag der Eiswagen gebimmelt habe, durfte er sich eine Kugel Eis holen. Später sei er dann richtig bezahlt worden: mit 50 Pfennig pro Stunde. Je mehr Löcher, desto mehr Borsten, desto gründlicher reinigen Besen und Bürsten. „Ich habe das mit den Augen gestohlen“, sagt er. Wie sein Bruder habe er im väterlichen Betrieb eine kaufmännische Lehre gemacht, sein Vater erhielt damals eine Ausnahmegenehmigung, damit er überhaupt ausbilden konnte. Gelernt aber hat er durchs Zusehen. In einer Stunde schafft er vier Straßenbesen – die Maschine dasselbe in vier Minuten. Doch Harald Klein sagt, das sei nicht dasselbe. „Ein handgemachter Hausbesen hält ein Leben lang.“ Bis heute fertigen Frauen in Ramberg für ihn Ware in Handarbeit an. Sie sitzen nur nicht mehr am Einziehtisch, sondern zu Hause.
Ob der Betrieb eine Zukunft hat, weiß Harald Klein nicht. Es gebe mehrere Enkel, aber der älteste sei erst 14. Auf der anderen Seite legten die Menschen wieder mehr Wert auf regional hergestellte Produkte, das merke er, wenn er auf Bauern- oder Kunstmärkten unterwegs sei, um seine Besen und Bürsten zu verkaufen.
Museumsreif – aber heute durchaus wieder geschätzt: handwerklich gefertigte Bürsten und Besen.
Immerhin, es gibt einen Ort in dem Dorf, der dafür sorgt, dass das Handwerk und all die Geschichten, die damit in Verbindung stehen, nicht in Vergessenheit geraten: Das ist das Bürstenbindermuseum. Hier stehen dieselben Maschinen wie in Harald Kleins Werkstätten und noch ältere. Hier hängen Fotos von Bürstenbinderfamilien und dem letzten Krämer des Dorfes mit Keetze auf dem Rücken. Hier erinnert eine Fahne an den Ramberger Bürstenbinderstreik 1907, ein beispielloses Aufbegehren der Arbeiterschaft gegen schlechte Löhne und harte Arbeitsbedingungen, der das ganze Dorf fast ein Jahr lang erfasste.
Das Bürstenbindermuseum erzählt Geschichten aus dem Beruf und aus Ramberg.
Zum Schluss zeigt Harald Klein noch, wie seine Produkte richtig behandelt werden. Er nimmt einen Besen mit Stiel in die Hand und erklärt: „Hand owwe druff uff die Rundung, weil mer so uffrecht stehe bleibt, un dann schiebe, net drigge.“ So liegt der Dreck vor dem Besen.“ Zweitens: Niemals einen guten Besen oder eine Bürste auf die Borsten stellen. „Das tut mir weh.“
Ein Ort in der Heidelberger Altstadt, wie er individueller nicht sein könnte.
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