Er liegt etwas verborgen und erzählt von geheimnisvollen Kräften: Hinter der Zehntscheune des UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Lorsch liegt der Kräutergarten zum Lorscher Arzneibuch. Eine Arbeitsgemeinschaft des Heimat- und Kulturvereins hegt und pflegt hier nicht nur über 200 Pflanzenarten, sondern auch das Wissen um das älteste erhaltene medizinische Buch des frühen Mittelalters.
Der Kräutergarten schläft noch. Morgens liegen seine Terrassen im Schatten der Zehntscheune. Doch mit jedem Meter, den die Frühlingssonne höher steigt, erwacht Terrasse um Terrasse, Beet um Beet. Bettina Walter geht die Trockenmauern entlang, unter ihren Schuhen knirscht der Kies. Sie geht vorbei am Goldlack, der seine kräftigen, gelb-orangefarbenen Blüten öffnet, und am Rosmarin, um dessen zart-lila Blüten nun zahlreiche Hummeln und Bienen summen. Vorbei am Mönchspfeffer und an der Madonnen-Lilie, die noch im Winterschlaf sind, bis sie vor einem hohen Beet stehen bleibt. „Hier wächst das Hustenrezept“, erklärt Walter.
Die Terrassen des Kräutergartens in der Frühlingssonne.
Hustensaft lässt sich aus den kleinen Pflänzchen allerdings noch nicht machen. Doch im Sommer, wenn der Ysop mit seinen intensiven violetten Blüten dem Lavendel Konkurrenz macht und der Andorn weiß blüht, könnte man die Blätter tatsächlich als Tee verwenden. So, wie es die Mönche des Kloster Lorsch schon vor über 1000 Jahren gemacht haben. So, wie sie es in einem der vielen Rezepte festgehalten haben, die bis heute überliefert sind. In einer Handschrift, die schlicht und unscheinbar daherkommt, aber das Wissen von Jahrhunderten versammelt: dem Lorscher Arzneibuch. Es ist eine der bedeutendsten medizinischen Handschriften des Frühmittelalters, die Wissen aus der Antike bewahrt – und der Kräutergarten seine begehbare Version.
Der Goldlack kam früher bei Herz- und Magen-Darm-Beschwerden zum Einsatz.
Bettina Walter geht weiter den Kiesweg entlang, bis er hinter der Zehntscheune verschwindet. Hier steht, in einer Nische zwischen alter Klostermauer und Scheune, eine kleine Gartenhütte. Sie ist vollgepackt mit Kisten und Gießkannen, Schaufeln und Rechen. Jeden Mittwoch trifft sich die Arbeitsgemeinschaft des Heimat- und Kulturvereins Lorsch, die sich um den Kräutergarten kümmert. Seit 2017 ist Bettina Walter Sprecherin der AG. Nach und nach trudeln die Mitglieder ein, die alle ehrenamtlich tätig sind. „Wir sind gut 15 Menschen und alle bringen ihre eigene Expertise mit“, erklärt Walter. Es gibt Berufs- und Hobbygärtner:innen, aber auch Menschen, die sich um die Wege kümmern oder das Bewässerungssystem in Schuss halten, hier hat der Verein auch hauptamtliche Unterstützung.
Das Weltkulturerbe Kloster Lorsch birgt nicht nur die bekannten Schätze.
Etwas versteckt hinter der Zehntscheune...
...liegt der Kräutergarten zum Lorscher Arzneibuch.
Liebevoll gepflegt von Ehrenamtlichen,...
...die sich hier jeden Mittwoch treffen.
Die Pflanzen, die hier wachsen...
tauchen alle im Arzneibuch auf.
Einen Kräutergarten gibt es in Lorsch bereits seit 1982. Damals entstand an der Nibelungenstraße ein kleiner Garten nach dem Gedicht des Mönches Walahfrid Strabo über die 24 Pflanzen seines Gärtchens. Es war vor allem Adelheid Platte vom Heimat- und Kulturverein, die mittlerweile verstorben ist, die sich damals für den Kräutergarten einsetzte. Sie wollte damit den Besucher:innen der Klosteranlage zeigen, wie die Mönche damals Gartenbau und Heilkunde betrieben. Die Verbindung zum Lorscher Arzneibuch knüpfte der Verein erst einige Jahre später.
Wenn man seine Sommersprossen loswerden will, muss man einen Gecko kochen.
Bettina Walter über ein Rezept des Lorscher Arzneibuchs
Zwar war das Arzneibuch schon lange bekannt, doch erst in den 1960er Jahren fand der Historiker Bernhard Bischoff heraus, dass der Codex medicinalis (Bamberger Codex) mit seinen 482 Rezepturen im Scriptorium des Klosters Lorsch niedergeschrieben wurde. Walter zeigt ein Faksimile des Werks (hier kann man das Werk online einsehen). Seite für Seite sind darin vollgeschrieben, in gleichmäßiger karolingischer Minuskel in lateinischer Sprache. Adelheid Platte erkannte die Bedeutung des Werks für die Stadt und der Heimat- und Kulturverein erreichte schließlich, dass die Stadt Lorsch mit Unterstützung des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim Ende der 1980er Jahre eine Promotionsstelle an der Universität Würzburg finanzierte. Ulricht Stoll übersetzte den Text ins Deutsche und machte ihn so auch Menschen ohne Lateinkenntnisse zugänglich.
Bettina Walter zeigt ein Faksimile des Arzneibuchs – in karolingischer Minuskel.
Mit der Veröffentlichung seiner Arbeit 1992 entstand schließlich die Idee, den Garten auszubauen und Kräuter anzupflanzen, die im Lorscher Arzneibuch erwähnt werden. Doch 2013 musste der Kräutergarten, genauso wie das Pfingstrosenbeet, der Neugestaltung des Klostergeländes weichen. Die Pfingstrosen zogen in den Garten der evangelischen Kirche, die Kräuter hinter die Zehntscheune. Etwas versteckt liegt er nun – hat aber in seiner Abgeschiedenheit auch etwas von einer wild-romantischen Ruheoase. Ein deutlicher Gegensatz zur klaren, minimalistischen Landschaftsplanung des heutigen Klostergeländes.
Eine idyllische Ruheoase auf dem Klostergelände.
In dieser Zeit stieß auch Bettina Walter zur Kräutergarten-AG. Walter kommt ursprünglich aus Tübingen, hat Biologie und Geographie auf Lehramt studiert und lehrt heute an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. 2007 zog sie zu ihrem Mann nach Lorsch. Als der Heimat- und Kulturverein Lorsch mit der Stadt 2009 Stadtführer:innen ausbildete, nutzte Walter die Gelegenheit. „Für mich war das eine tolle Möglichkeit, meine Heimat besser kennenzulernen“, erzählt sie. Durch ihre neue Tätigkeit lernte sie auch Adelheid Platte und die AG kennen. „Die Kombination von praktischem Gärtnern mit diesem historischen und medizinischen Hintergrund fand ich sehr spannend.“ Und als Biologin wuchs sie schnell in die AG hinein.
Für Bettina Walter ein besonderer Schatz des Gartens: Die über 200 Jahre alte Kornelkirsche.
Walter zieht nun die deutsche Übersetzung des Arzneibuchs aus dem bordeauxroten Schuber, die zwar weniger hübsch, dafür übersichtlicher und einfacher lesbar ist. Sie bleibt an einem Rezept gegen Gürtelrose hängen. „Ahja, dafür braucht man Schierlingssaft“, murmelt sie. Der gefleckte Schierling wächst jedoch nicht hier. „Zu giftig für einen Schaugarten“, erklärt Walter. „Das kann Sokrates sicher bestätigen“, fügt sie noch hinzu. Der antike Philosoph wurde durch einen Schierlingsbecher hingerichtet. Doch Koriander und schwarzer Holunder, weitere Pflanzen des Rezepts, wachsen in Lorsch. „Dann kommt Eigelb dazu“, liest Walter weiter. „Dann pinselt man die Mischung mit einer Feder auf und streut die Asche von verbrannter Hirse darauf.“
Gekochte Geckos und Nacktschneckenasche: Manche Rezepte des Arzneibuchs sind etwas ungewöhnlich.
Walter lächelt und deutet auf das nächste Rezept gegen Mutterkornvergiftung, bei dem in Essig gekochte Regenwürmer zum Einsatz kommen. „Und wenn man seine Sommersprossen loswerden will, muss man einen Gecko kochen“, berichtet sie. Ihre Kollegin Ulrike Pavel ergänzt: „Und gegen Fußweh hilft die Asche einer Nacktschnecke!“ Die zwei Frauen lachen. So sei es oft, sagt Pavel. „Einiges ist für uns heute doch eher befremdlich. Aber neben Aberglauben gibt es im Arzneibuch auch exakte wissenschaftliche Beobachtungen und Erkenntnisse.“ Heilpflanzen wie Ysop, Andorn oder Efeu kommen schließlich noch heute in Hustensäften zum Einsatz.
Ulrike Pavel (rechts) und eine Vereinskollegin beim Fachsimpeln.
Seine historische Bedeutung habe das Arzneibuch auch aufgrund seines Vorworts erlangt, erklärt Walter. „Es ist eine Rechtfertigung der Heilkunde, in der die Mönche sie gegen die Vorbehalte einige Christen verteidigen, die darin einen unzulässigen Eingriff in Gottes Plan sahen.“ Der Verfasser argumentiert, dass die Kräfte der Heilpflanzen genauso gottgegeben sind und das Helfen mit medizinischem Wissen ein Gebot der Nächstenliebe ist. 2013 nahm die UNESCO die Handschrift als Weltdokumentenerbe in die Liste „Memory of the World“ auf.
Wer sich gerne mit Kräutern und Pflanzen beschäftigt, kann hier gerne mitgärtnern.
Inzwischen wird in jedem Beet geharkt und geschnitten, gepflanzt und beschriftet. In der AG können alle mitmachen, die sich gerne mit Kräutern und Pflanzen beschäftigen. Wer lieber nur schauen will, kann auch eine Führung der Ehrenamtlichen mitmachen. Darüber hinaus bieten auch andere Veranstalter Programme im Kräutergarten an, etwa eine Weinprobe im Garten oder ein Kräutermenü, bei dem Kräuter aus dem Garten zum Einsatz kommen oder ein Workshop für Familien, in dem zwei Rezepte aus dem Lorscher Arzneibuch nachgekocht werden. Aber keine Sorge, die Rezepte gegen Gürtelrose, Sommersprossen und Fußweg sind mit Sicherheit nicht dabei.
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