Das zauberhafte Rohrbacher Schlösschen liegt ein wenig versteckt auf dem Gelände der Heidelberger Thorax-Klinik. Es erzählt nicht nur von historisch interessanten Menschen, die hier wohnten oder zu Besuch kamen. Es beherbergt auch das deutschlandweit einzige Museum, das sich ausschließlich der Tuberkulose widmet. Und das an einem Ort, der passender nicht sein könnte.
Betritt man das kleine Rohrbacher Schlösschen in Heidelberg, öffnet sich eine eigene Welt. Eine Welt von Königen und Adeligen. Aber auch eine Welt von Krankheit und Tod. Denn das Anwesen, in dem der Bayernkönig Ludwig I. unbeschwerte Kindheitstage verbrachte oder in dessen Festsaal 1815 Zar Alexander I. von Russland mit Kaiser Franz I. von Österreich zu Abend aß, war zwar 1770 als Jagd- und Sommerschlösschen erbaut wurden – im Ersten Weltkrieg aber verwandelte man es in ein Lazarett und später in eine Heilstätte für Tuberkulosekranke. Das schöne klassizistische Schloss gilt seitdem als Keimzelle der heutigen Thorax-Klinik, in dem Lungenkrankheiten als Teil des Universitätsklinikums Heidelberg behandelt werden.
Klassizistische Pracht: Das Rohrbacher Schlösschen erzählt vom Schrecklichen im Schönen.
Im Festsaal, in den angrenzenden Kabinetten oder dem Blauen Salon sind zwar nur noch die Kachelöfen und teilweise die Fußböden im Original erhalten. Die Atmosphäre ist dennoch eindrucksvoll: Dafür sorgen Gemälde und detailgetreu nachgebaute Möbel, stilvolle Wandbemalungen und Tapeten in zartem Grün oder Rosé. Sie beschreiben eine Zeit, in der sich in Rohrbach das Who is Who des europäischen Adels die Klinke in die Hand gab. Aber auch eine Zeit, in der die furchtbare Tuberkulose wütete: Die bodentiefen Fenster öffnen sich zu den gepflegten Resten des ehemaligen Schlossparks, in dem einst unzählige Kranke täglich viele Stunden auf ärztliche Anordnung hin an der frischen Luft verbrachten.
Das Tuberkulose-Museum ist einzigartig in Deutschland.
Seit 2019 ist Oswinde Bock-Hensley die 1. Vorsitzende des Fördervereins, der die Arbeit des Tuberkulose-Museums betreibt. „Die Sammlung existiert schon länger, als sie im ersten Stock zu finden ist“, sagt die Kinderärztin, die eher zufällig zum Museum kam – und blieb. Das Rohrbacher Schlösschen ist eines von rund 50 medizinhistorischen Museen in Deutschland und das einzige, dass sich ausschließlich mit der Tuberkulose beschäftigt. Nicht alltäglich ist auch die Anbindung an das Universitätsklinikum Heidelberg über die Thorax-Klinik, die die Räume mietfrei zur Verfügung stellt. „Es ist wirklich großartig, dass wir hier einziehen durften“, sagt Oswinde Bock-Hensley, „so ist eine sehr gute Kooperation entstanden“.
Das Rohrbacher Schlösschen in Heidelberg....
...liegt etwas versteckt auf dem Gelände der Thorax-Klinik.
Hier erholten sich früher unzählige Tuberkulose-Kranke...
...von der gefährlichen Lungenkrankheit.
Oswinde Bock-Hensley ist die 1. Vorsitzende des Fördervereins...
...der das Tuberkulose-Museum betreibt.
Das Schloss erzählt aber auch viel...
...von der Pracht vergangener Zeiten.
Seit 2019 sitzt mit Claudia Denkinger, der Ärztlichen Direktorin der Infektions- und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg, eine ausgewiesene Expertin für Tuberkulose-Diagnostik im Vorstand des Fördervereins. Dass die benachbarte Klinik so eng mit dem Museum zusammenarbeitet, hat aber auch mit Oswinde Bock-Hensley zu tun: Rund 30 Jahre war sie beim Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises für den Infektionsschutz zuständig. „In dieser Zeit bin ich in der Thorax-Klinik ein- und ausgegangen – und über den Verein hier hängengeblieben.“ Nicht nur für sie ist das Schlösschen der perfekte Platz: „Es ist zwar im Verhältnis klein, hat aber im Vergleich mit anderen derartigen Museen mit Abstand das schönste Ambiente.“
Uns ist wichtig, die historischen Exponate immer wieder auch in einen aktuellen Kontext zu stellen.
Oswinde Bock-Hensley
Bei rund 60 Führungen im Jahr zeigen Oswinde Bock-Hensley und ihre Kolleg:innen Rainer Eickhoff und Ingrid Erhard ehrenamtlich, was das 1996 in Fulda von Lungenfacharzt Robert Kropp gegründete Deutsche Tuberkulose-Archiv so alles zusammengetragen hat. Mit winzigen Spritzen aus Metall und Glas, Laborbüchern, chirurgischen Instrumenten, Mikroskopen und hochkomplizierten Apparaturen vermittelt das Team einen Eindruck vom verzweifelten Kampf von Medizin und Wissenschaft gegen die Tuberkulose – seit Jahrhunderten eine der tödlichsten Infektionskrankheiten, die hauptsächlich die Lunge betrifft.
Oswinde Bock-Hensley und Rainer Eickhoff führen regelmäßig Besucher:innen durch das Museum.
Naturgetreue Darstellungen aus Wachs, sogenannte Moulagen, und eine Wirbelsäule aus der Jungsteinzeit mit durch Tuberkulose verursachten Veränderungen verdeutlichen die Krankheitsverläufe, denn neben der Lunge können auch Haut oder Knochen betroffen sein. Geradezu modern wirken im Vergleich dazu Brillen mit knallroten Gläsern, die man nutzte, um Röntgenbilder bewerten zu können. Filmplakate und Plakate zur Volksaufklärung zeichnen das lebendige Bild einer Zeit, in der Tuberkulose ein allzeit präsentes Thema war.
Die Ausstellungsstücke zeigen, wie sich Tuberkulose auf den Körper auswirkt.
Oswinde Bock-Hensley ist fast täglich für das Museum unterwegs. Mit ihren Mitstreiter:innen im Verein kuratiert sie die Ausstellung, organisiert Veranstaltungen oder pflegt Kontakte zu Unterstützer:innen und Kolleg:innen. „Wir würden uns über neue Vereinsmitglieder sehr freuen.“ Für die Mitarbeit kann die Vorsitzende nur werben: „Wir sind offen für neue Ideen, aber auch für Vorschläge für unser Archiv und die Bibliothek.“
Mit den knallroten Gläsern werteten Ärzt:innen früher Röntgenbilder aus.
Im Raum, der sich mit Heilstätten beschäftigt, herrscht eine Atmosphäre, wie man sie sonst nur aus Romanen oder Filmen kennt. Ein Original-Liegestuhl verschmilzt darin optisch mit einem historischen Foto: Auf ihm sind Patient:innen zu sehen, die aufgereiht in der frischen Luft ruhen. Dazu der „Blaue Heinrich“, ein hübscher, knallblauer Spucknapf zum Mitnehmen oder die „Stumme Schwester“, ein Fieberthermometer ohne Skala, um Manipulationen auszuschließen. Rainer Eickhoff erzählt, wie eine Behandlung vor rund 100 Jahren ablief: „Eine kalorienreiche Ernährung und körperliche Ruhe waren wichtig“, so der Kinderarzt. „Tuberkulosekranken wurden Freiluftliegekuren verordnet, hinzu kamen aber auch chirurgische Eingriffe.“
Im schönsten Schloss-Ambiente erholten sich früher unzählige Tuberkulose-Kranke.
Die Bibliothek zeigt rund ein Drittel des mehrere tausend Bücher und Zeitschriften umfassenden Archivs – ein Schatz nicht nur für die Forschung. Zu sehen sind dort auch beleuchtete Original-Röntgenbilder, die betroffene Lungen zeigen. Sie sind vermutlich nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Dazu gibt es ein Porträt von Robert Koch – seine Entdeckung des Tuberkulose-Erregers 1882 gilt als Meilenstein in der Medizin. „Uns ist wichtig, die historischen Exponate immer wieder auch in einen aktuellen Kontext zu stellen“, sagt die Ärztin. Denn nach wie vor sei die Infektionskrankheit potentiell tödlich, auch wenn sie in Deutschland selten geworden und mit Medikamenten heilbar ist. Das war jedoch nicht immer so. Davon zeugt eine lange Liste von Namen, die man dieser Erkrankung über die Jahrhunderte gab: Man nannte sie Schwindsucht oder „Weißer Tod“. Unzählige literarische oder filmische Meisterwerke kreisen um sie: Dazu gehört etwa Alexandre Dumas’ „Kameliendame“ oder – der Klassiker – der „Zauberberg“ von Thomas Mann.
Früher ging Oswinde Bock-Hensley beruflich in der Thorax-Klinik ein und aus, heute ehrenamtlich.
Wie falsch die Symptome oft eingeschätzt wurden, zeigt ein Gemälde von Auguste Wilhelmine Marie von Hessen-Darmstadt. Auf den ersten Blick sieht man eine gesund aussehende, junge Frau. Doch Rainer Eickhoff erklärt: „Die geröteten Wangen sind Zeichen hohen Fiebers, ein typisches Symptom der Tuberkulose.“ Auch die vermeintlich vornehme Blässe gilt zusammen mit dem ausgezehrten Körper als eindeutiges Krankheitszeichen. Die junge Patientin war die Mutter von König Ludwig I. von Bayern und starb mit nur 30 Jahren in Rohrbach an der Tuberkulose. Sie ist übrigens nicht das einzige prominente Opfer dieser „hässlichen Erkrankung“, wie Oswinde Bock-Hensley sie nennt. Dazu zählen auch Karl Marx, Franz von Assisi oder Emily Brontë, die mit nur 30 Jahren vermutlich an einer Lungentuberkulose verstarb.
Auguste Wilhelmine Marie von Hessen-Darmstadt starb an Tuberkulose.
Eindrücklich ist auch der futuristisch anmutende, silberne, überdimensionale Stecknadelkopf, den die Ausstellung zeigt. Er wurde zum ersten Mal 1920 im Hygienemuseum Dresden ausgestellt und zeigt in 500-facher Vergrößerung, wie winzig die gefährlichen Tuberkulose-Erreger im Verhältnis sind. Ein weiteres, künstlerisch wertvolles Exponat ist eine Büste des Herzforschers Albert Fraenkel: Er hatte selbst eine Tuberkuloseerkrankung überwunden und mit Strophantin ein wichtiges Herzmedikament entwickelt. Und es war er, der in den 1920er Jahren dafür sorgte, dass in Heidelberg eine Tuberkolose-Klinik entstand – dort, wo einst Adelige lebten. Und unzählige Menschen wieder gesund wurden.
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