Sie tun es in Mannheim und Heidelberg, Speyer und Landau, in Australien, Österreich, Finnland, Japan und Malaysia, Norwegen und Namibia: Jeden Samstagmorgen um 9 Uhr treffen sich Menschen, um gemeinsam zu joggen oder zu gehen. Aber warum? Das hat WO SONST David Sweeney gefragt, der den „parkrun“ nach Deutschland gebracht hat.
Es war am Strand von Kroatien, da dachte David Sweeney plötzlich: ans Joggen. Ausgerechnet im Urlaub kam ihm der Gedanke, wie gut es doch wäre, mit anderen Leuten gemeinsam und regelmäßig laufen zu gehen. Seine Frau Michelle kannte eine Initiative aus ihrer Heimat England und wusste gleich, wie: „Dann gründe doch einen parkrun.“ Seitdem hat eine weltweite Initiative die Wochenenden der beiden verändert: Samstagmorgens um 9 Uhr organisieren sie einen Lauf im Mannheimer Waldpark mit.
David Sweeney (in der orangefarbenen Jacke) joggt gerne, aber ungern allein.
David Sweeney joggt seitdem regelmäßig. Und nicht mehr allein. Der Weg ist dabei das Ziel. Denn bei „parkruns“ gilt: Wer rennt, der rennt, wer geht, der geht, wer eine persönliche Bestleistung erbringen will, bitte! Menschen mit Einschränkungen sind ebenso dabei wie Babys im Kinderwagen und Hunde an der Leine. Es gibt kein Zeitlimit. Die Teilnahme ist kostenlos und vor allem: niederschwellig. Denn als Letzte kommen immer die Schlussbegleiter:innen ans Ziel, wenn sie zuvor die aufgestellten Hütchen, die den Parcours markieren, eingesammelt haben. Läufer:innen als Schlusslichter? Gibt es bei „parkruns“ nicht.
Auch Hunde sind beim „parkrun“ willkommen.
Zu jener Zeit war David Sweeney jeden Morgen unter der Woche nach Ramstein gependelt, um Autos an dort stationierte US-Militärs zu verkaufen. „Gebrauchte Wagen aus den USA.“ Eigentlich hatte sich der gebürtige Ire gerade einer Laufgruppe in seinem Stadtteil angeschlossen. „Doch oft kam ich so spät von der Arbeit zurück, da war das Treffen längst vorbei.“ Er hätte allein laufen können. „Doch ich wollte Zeit mit Menschen aus der Nachbarschaft verbringen.“ Noch vom Strand in Kroatien aus schrieb er eine E-Mail an die „parkrun“-Organisatoren, eine englische Charity Organisation.
Jeden Samstagmorgen um 9 Uhr...
...treffen sich die "parkrunner" auf dem Parkplatz am Strandbad.
Vor dem Start wird erstmal geplauscht.
Auf die Plätze, fertig...
los!
Sie Streckenposten feuern natürlich auch an...
...und am Ende werden alle Markierungen wieder eingesammelt.
Zu jener Zeit hatten auch Leute aus Leipzig und Hannover angefragt, ob sie sich der Initiative anschließen könnten. So kündigte der Erfinder von „parkrun“, der Engländer Paul Sinton-Hewitt, einen Besuch in Deutschland an – und erklärte David, Michelle und einer Handvoll weiterer Mitstreiter:innen die Regeln: „Parkrun muss an jedem Samstag zur selben Zeit am selben Ort stattfinden, es dürfen keine Straßen überquert werden, und die Behörden müssen ihr OK geben.“
Es dreht sich alles um die Gemeinschaft.
David Sweeney
Auf die Idee war Paul Sinton-Hewitt gekommen, weil er nach einer Verletzung nicht mehr mit Profiläufern mithalten konnte. Also trommelte er ein Dutzend Leute zusammen und startete im Oktober 2004 den ersten „parkrun“. Jeder in der Szene kennt seitdem den Bushy Park, den Ort in Richmond im Südwesten Londons, wo die weltweite Bewegung ihren Anfang nahm. Es existiert sogar noch ein Foto von jenem Tag, als 13 Läufer:innen an den Start gingen: teils in kurzen Hosen, einige frierend und auf das „Go“ wartend.
Warten auf den Start – aber immerhin im Sonnenschen.
In Mannheim hatte die Stadt zunächst den Dossenwald als Austragungsort vorgeschlagen. „Doch dort gibt es kein Café“, sagt David, während er nach einem „parkrun“ ein Rührei löffelt. Er sitzt in einem Restaurant am Strandbad in Mannheim, der Blick geht hinaus auf den Rhein, der in der Frühlingssonne glitzert. Wer Lust und Zeit hat, kommt nach dem Lauf zu einem gemeinsamen Frühstück zusammen. „It’s all about Community“, sagt David, es dreht sich alles um die Gemeinschaft. Er schlug dem Förster, der seitens der Stadt mit der Anfrage betraut war, den Waldpark in Neckarau vor – mit dem Strandbad als Startpunkt, weil es dort einen großen Parkplatz gibt. „Er schrieb zurück, solange wir keine permanenten Markierungen aufbauen und keine Laufgebühren verlangen, können wir das machen.“
Der „parkrun“ hinterlässt keine Spuren: Alle Markierungen werden nach dem Lauf wieder eingepackt.
So kamen am 2. Dezember 2017 um 9 Uhr schließlich in drei Städten in Deutschland, in Mannheim, Leipzig und Hannover vier, fünf Dutzend Menschen zusammen, um gemeinsam fünf Kilometer zu laufen. Der „Neckarau parkrun“ wurde seitdem mehr als 360 Mal ausgetragen, mehr als 2800 Läufer:innen haben sich registriert, manche von ihnen kommen aus den umliegenden Stadtteilen oder von noch weiter her, um beim Event dabei zu sein. Auch an weiteren Standorten der Metropolregion Rhein-Neckar sind „parkruns“ entstanden: in Speyer, Heidelberg und Landau. Deutschlandweit existieren inzwischen mehr als 70 Standorte, auf der ganzen Welt sind es fast 2900 in 23 Ländern, in Australien und Österreich, Deutschland und Finnland, Japan und Malaysia, Norwegen und Namibia. Zwölf Millionen Menschen haben sich offiziell als „parkrunner“ registriert.
Die Mannheimer Strecke führt vom Parkplatz auf zunächst asphaltiertem Weg, später am Rhein entlang bis hinunter in den Stadtteil Lindenhof, nach rund zweieinhalb Kilometern erfolgt eine Kehre, und es geht zurück zum Ausgangspunkt. Streckenposten, manchmal als ebensolche verkleidet, weisen mit aufmunternden Worten den Weg, daneben sorgen bunte Hütchen und weiße Kreidepfeile dafür, dass sich wirklich niemand verläuft.
Blinde Läufer:innen werden von einem Netzwerk an Guides unterstützt.
Freiwillige spielen bei „parkrun“ eine zentrale Rolle. Zwar steht hinter der Initiative eine gemeinnützige Organisation, die britische parkrun Global Limited, die die Gruppen berät und bei der Anschaffung von Material unterstützt. Getragen wird das Projekt aber vor Ort von den Helfer:innen. „Wir brauchen jeden Samstag einen Laufleiter, der den Hut aufhat, dazu kommen die Streckenposten, die Zeitmesser, die Scanner und die Schlussbegleitung“, erzählt David. Anders als bei Lauftreffs üblich, kann jeder, der will, seine Zeit messen lassen. Bei der erstmaligen Registrierung wird ein Barcode generiert, der dann zusammen mit dem ausgeteilten Chip beim Zieleinlauf gescannt wird; die Daten werden anschließend zusammengeführt, und so erhält jeder seine persönliche Laufzeit. „Wir stellen immer ein Whiteboard auf, da können sich Interessierte als Helfer eintragen, und das Schöne ist: Es bleibt eigentlich nie ein Feld für die nächsten Wochen frei.“
Der Helferplan: zum Glück immer gut gefüllt.
Doch bevor sich die Läufer:innen auf die Strecke begeben, spricht der Leiter: Wer hat heute einen Meilenstein erreicht? „Wer 25 oder 50 oder gar 100 Mal dabei war oder als Freiwillige:r geholfen hat, wird aufgerufen und die Gruppe applaudiert“, sagt David. Passend dazu gibt es T-Shirts, zu kaufen im „parkrun“-Merchandise-Shop. Genauso wichtig: Die Begrüßung der Gäste aus anderen Städten und Ländern. Da ist die Besucherin aus den USA oder der Student aus Südafrika, die Läufer aus Frankfurt oder Berlin. Eingefleischte „parkrun“-Fans lassen selbst in Urlauben oder bei Wochenendtrips keinen Lauf aus, manche gehen sogar so weit, dass sie gezielt Städte ansteuern, um das Alphabet zu komplettieren. Das heißt, für jeden Buchstaben des Alphabets muss ein Standort auf der Welt erlaufen werden. Wobei nicht der Name der Stadt, sondern die Location den Buchstaben stellt: „N“ für „Neckarau parkrun“. Im Internet finden sich „parkrun Alphabet Challenges“ und Blogs, in denen Menschen von ihren Reisen zu unterschiedlichen Ausrichtungsorten auf der Welt berichten.
Ob David das ABC schon voll hat? „Noch nicht“, sagt der Ire lachend. „Michelle aber verpasst so gut wie keine Woche.“Viele Jahre sei er auch „Botschafter für neue Veranstaltungen“ bei „parkrun“ gewesen. Das Rührei ist inzwischen ausgelöffelt, an den Nachbartischen wird noch geplaudert, viele kennen sich hier seit Jahren. „Es gibt Leute, die sich bei parkrun kennen gelernt haben, die jetzt ein Paar oder verheiratet sind“, sagt David. Zum Beispiel Cathy, eine „Parkrunnerin“ der ersten Stunde, und Klaus. Ja – es geht eben um Gemeinschaft!
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