Im 14. Jahrhundert erschien der gekreuzigte Jesus auf einem Leinentuch in Walldürn – seitdem pilgern jedes Jahr tausende Menschen in den Odenwald. In Empfang nimmt sie dann meist der polnische Franziskaner-Minorit Josef Bregula, der seit zwei Jahrzehnten die Blutswallfahrt organisiert.

Pater Josef sitzt in einem schwarzem Gewand am Schreibtisch. Der Tisch seines Arbeitszimmers ist leer, nichts deutet darauf hin, dass in wenigen Wochen hier im Odenwald die Hölle los sein wird. Wobei Hölle in diesem Zusammenhang wohl das falsche Wort ist. Denn es geht um ein Wunder, das sich wenige hundert Meter von Pater Josefs Schreibtisch vor fast 700 Jahren ereignet haben soll – und das Walldürn unter Katholiken weltweit bekannt gemacht hat. Wie tief der Glaube in der Region selbst verankert ist, zeigt sich auch allein an der Bezeichnung „Madonnenländchen“ – ungewöhnliche viele Wegkreuze, Madonnenstatuen und Bilderstöcke sind hier zu finden (mehr dazu in unserer Wo-Sonst-Geschichte „Steinerne Zeugen an Hausmauern und Hecken“).  

Aus rotem Sandstein gebaut: Die Wallfahrtsbasilika liegt im Herzen von Walldürn.
Der Erzbischof von Mainz ließ im 17. Jahrhundert die heutige Basilika errichten, 30 Jahre dauerte der Bau.

Dabei war das Wunder zunächst ein Versehen: Im Jahr 1330 soll der Priester Heinrich Otto in der heute nicht mehr existierenden Kirche des Heiligen Georg zu Walldürn während des Gottesdienstes einen Kelch umgestoßen haben. In diesem befand sich der bereits geweihte Wein – nach katholischem Verständnis das Blut des Herrn. Er floss auf die Korporale, ein quadratisches Leinentuch, das bei der Eucharistiefeier auf dem Altar ausgebreitet wird, und formte das Bild des gekreuzigten Jesus – umgeben von elf dornengekrönten Häuptern. Heinrich Otto erschrak, er versteckte das Tuch hinter einem Stein am Altar und erzählte erst auf seinem Sterbebett davon. Der Pfarrer, der die Generalbeichte entgegennahm, eilte schließlich zur Kirche und fand das Korporale – so kam das Wunder in die Welt. Seitdem sorgt es jedes Jahr dafür, dass in den vier Wochen nach Pfingsten zehntausende Pilger in das 12.000-Seelen-Örtchen im Neckar-Odenwald-Kreis, das nur zehn Autominuten vom Odenwälder Freilandmuseum, der Bibliothek des Judentums in Buchen oder vom Hettinger Eiermann-Haus entfernt liegt, strömen.

Der Blutaltar wurde in der Barockzeit von Zacharis Juncker aus Alabaster und Sandstein geschaffen.
Der Blutaltar wurde in der Barockzeit von Zacharis Juncker aus Alabaster und Sandstein geschaffen.

Doch noch herrscht Ruhe an diesem Frühlingsmorgen in Walldürn. Im Ort und in der Basilika. Pater Josef geht in die Sakristei, um den Schlüssel für den Blutaltar zu holen. Geschaffen hatte ihn Zacharis Juncker aus Alabaster und Sandstein. Nur die Schritte des Geistlichen sind zu hören, der mit einem Schlüsselbund und einer Holzleiter zurückkommt, die Altarschranke öffnet, die vier Stufen der Leiter emporsteigt und nun auf dem Altar steht. Bis zur Reliquie, die in einem kostbaren Silberschrein aufbewahrt wird, sind es nur noch zwei Türen, die sich wie Fensterläden öffnen. Und da steht er, der Schrein: Hinter Glas zeigt sich ein graues Tuch. 

„Die Augustiner haben in den 1950er Jahren nachgewiesen, dass es auf dem Stoff tatsächlich Spuren eines Bildes gibt“, sagt Pater Josef. Für die Wallfahrer spielen derartige Belege aber kaum eine Rolle. „Die Menschen kommen in der Überzeugung, dass der Weg auch heilen kann.“ Jedes Jahr reisten um die hundert „Fußwallfahrergruppen“ in Walldürn an, sagt der dunkelhaarige Pater mit der schwarzen Hornbrille anerkennend. „Doch die Gruppen selbst werden von Jahr zu Jahr kleiner.“

Im 14. Jahrhundert war das freilich anders: Die Nachricht vom „Blutwunder“ von Walldürn verbreitete sich wie ein Lauffeuer, die Menschen kamen in Scharen, um die Reliquie des Korporale zu verehren. 1445 erkannte Papst Eugen IV. das Ereignis tatsächlich als Wunder an. Menschen, die am achten Tag nach Fronleichnam zur Reliquie pilgerten, wurde ein Ablass gegeben – ein Erlass ihrer Sünden. So erklärt sich bis heute die Hauptwallfahrtszeit von Walldürn nach Pfingsten. Der Erzbischof von Mainz – Walldürn gehörte kirchenrechtlich damals noch zu der Domstadt – ließ im 17. Jahrhundert schließlich die heutige Basilika errichten, 30 Jahre dauerte der Bau.

„Der Glaube ist in unserer Familie tief verwurzelt.

Pater Josef

Seitdem kümmern sich Geistliche in Walldürn um die Pilgergruppen: Seit 1938 führten Augustinermönche die Basilika, als der Nachwuchs ausblieb, zogen schließlich 2007 die Franziskaner-Minoriten in das Gebäude vis-à-vis der Kirche ein. Seitdem ist Pater Josef der Wallfahrtsleiter. Zur Welt gekommen war er als Josef Bregula Anfang der 1960er Jahre in Königshütte in Polen. Mit Mitte 20 wurde er zum Priester geweiht und trat in den Orden der Franziskaner-Minoriten ein. „Der Glaube ist in unserer Familie tief verwurzelt“, sagt Pater Josef, als man ihn nach seinem Weg in die Kirche fragt. Sowohl der Bruder als auch die Schwester seiner Mutter, also Onkel und Tante, seien Ordensleute. Sein Onkel sei sogar Maximilian Kolbe begegnet, dem berühmten Franziskanerpater, der 1941 im Konzentrationslager Auschwitz starb. 

Pater Josef selbst kam eher zufällig nach Deutschland: 1990 wurde er zunächst nach Duisburg beordert – obwohl er damals kein Wort Deutsch sprach. „Du bist in Schlesien geboren, da gibt es Deutsche“, sei damals die Begründung gewesen. Auf fast zwei Jahrzehnte im Ruhrgebiet folgte schließlich sein Amtsantritt in Walldürn. Seitdem organisiert er die Wallfahrt – wobei orchestriert vielleicht das bessere Wort ist: Denn zusammen mit drei Mitbrüdern und rund 60 Ehrenamtlichen plant der Pater die Abläufe der Pilgergruppen rund um die Basilika genau und wochenlang: Während draußen die Vögel über dem leeren Kirchplatz zwitschern, die große, Gras bewachsene Freitreppe vor dem imposanten Kirchenbau noch viel Platz bietet, die Devotionaliengeschäfte ihre Waren, darunter Kerzen in allen Größen, in Körben auf die Straßen schieben, wischt Pater Josef mit der Hand über den Tisch, als gäbe es etwas aufzuräumen. Er sagt: „Für jeden Tag gibt es eine Liste.“ 28 To-Do-Listen für 28 Tage. 

Auf ihnen steht zum Beispiel, welche Pilgergruppe an welchem Tag um wie viel Uhr ankommen wird. Die meisten Wallfahrer:innen kämen zu Fuß nach Walldürn, sagt Pater Josef. Der am weitesten entfernte Ausgangsort sei Köln, das dauere dann sieben Tage. Die größte Gruppe komme aus Fulda mit insgesamt 500 bis 600 Pilgern. „Wir holen jede Gruppe persönlich an einem vorher festgelegten Standort vor der Stadt ab und geleiten sie in den Ort.“ Meist übernehmen das Ministranten, Messdiener, sie tragen dann Kirchenfahnen, auf denen das Blutbild abgebildet ist. 

Die Unterkünfte – Hotels, Jugendherbergen, Zeltplätze oder Privatzimmer – suchten sich die Pilger selbst. Es gäbe aber auch geladene Gäste, Politiker oder Bischöfe aus anderen Diözesen. Die würden dann auch bewirtet, mit Sektempfängen und Mittagessen. Und dann die Gottesdienste! Am Wochenende seien es sechs oder sieben, unter der Woche täglich mindestens zwei, manche schon frühmorgens um 5 Uhr, weil die Pilger ja wieder losmüssten, nach Hause zurück. Eine anstrengende Zeit für Pater Josef. Vor allem, weil er nicht gerade früh ins Bett kommt. „Die Wallfahrer können gut feiern“, sagt er. Anschließend müsse aufgeräumt und geputzt werden, die vielen Pilger, die in der Basilika ein- und ausgehen, hinterließen schließlich ihre Spuren. „Das tun wir natürlich gerne“, sagt Pater Josef. Dabei ist der Aufwand, den er mit unzähligen Helfer:innen betreibt, an vielen Stellen deutlich zu sehen – und enorm: Im Altarraum etwa sprüht an diesem Morgen der Messner künstliche Blumen mit einem Glanzlack ein. „In der Wallfahrtszeit aber ist aller Blumenschmuck dann echt“, schickt Pater Josef hinterher. 

Die Reliquie selbst wird in der Regel nur zur Hauptwallfahrtszeit ausgestellt. Der Altar ist dabei für Normalsterbliche sakrosankt. Doch ganz raffiniert führt eine Treppe auf der Rückseite des Altars hinter die Reliquie – so kommen die Pilger:innen ihr ganz nah. An Fronleichnam wird der Silberschrein mit zur Prozession durch den Ort genommen, er steht dafür auf einem besonderen Gestell, das von mehreren Personen getragen wird.

Pater Josef zeigt den Eintrag des Papstes - als Leo Prevost hatte er einst eine Messe in Walldürn gelesen.

Pater Josef schaut etwas verstohlen auf die Uhr. Die Listen rufen. Auch die vom kommenden Jahr. „Nach der Wallfahrt ist vor der Wallfahrt“, sagt er pragmatisch. In Gedanken sei er schon beim nächsten und übernächsten Jahr und ganz sicher bei 2030. Dann feiert das Wunder von Walldürn sein 700-jähriges Jubiläum. Pater Josef und der Bürgermeister des Ortes haben dazu keinen geringeren als Papst Leo eingeladen. Denn der war schon einmal hier im Odenwald, am 10. Juni 2004. Der Papst, der damals noch Pater Robert Prevost hieß, hatte einen Augustinerbruder in Würzburg besucht. Dieser wiederum war zur Messe in Walldürn eingeladen und brachte ihn mit, der anschließend in der Basilika die Predigt hielt. Auf Englisch. Der Beweis liegt in Form des Predigtbuches in der Sakristei. „Hier ist der Eintrag, vom Papst selbst geschrieben“, sagt Pater Josef, während er die Seite in dem schweren blauen Buch aufschlägt, das alle Prediger zurück bis ins Jahr 1902 aufführt. Der Vatikan hat sich bislang allerdings nicht zur Einladung geäußert. Aber wer weiß – vielleicht passiert ja noch ein Wunder.

https://www.wallfahrt-wallduern.de

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