Von der Vielfalt des Waldes

Mitten im größten Wald Deutschlands erzählt eine „Klenge“ in Elmstein davon, wie Baumsamen zur Aufforstung gewonnen wurden. Der ehemalige Forstamtsleiter Burkhard Steckel nimmt mit in die faszinierende Welt der Bäume – aber auch in die der Forstarbeit, die lange mühsam war und gefährlich.

Manche sind winzig und rundlich, andere größer und gezackt. Gemeint sind all die Schätze, die Burkhard Steckel an diesem Sommervormittag in der alten Samenklenge in Elmstein zeigt: Baumsamen von Lärchen oder Kiefern, die fast wirken wie kleine Sesamkörner. Samen von Douglasien, die viel größer sind und gezackt. Die Farbpalette reicht von hellgrau bis fast schwarz. Und kaum ist man in der Elmsteiner Ortsmitte angekommen, versteht man schnell: Ein Zapfen ist nicht gleich ein Zapfen.

Kleines Ratespiel: Welche Zapfen gehören wohl zu welchem Baum?

Schon das Wort Samenklenge dürfte den Wenigsten geläufig sein: „Es kommt von Klang“, so erzählt Burkhard Steckel, der ehrenamtlich durch das Museum führt. Und bezieht sich auf den Knall, der entsteht, wenn Baumzapfen aufspringen und ihre Samenkapseln freigeben. Der studierte Förster muss es wissen – er hat viele Jahre die Forstämter Johanniskreuz und Elmstein-Nord geleitet, seit Jahren Lehraufträge an der Universität Freiburg und berät bis heute in China zum Thema Bestandsbehandlung von Wäldern. Einige der ausgestellten, abenteuerlich aussehenden Gerätschaften der Wald- und Forstarbeiter hat der großgewachsene, sportlich wirkende Pensionär selbst viele Jahre genutzt. „Mein Beruf war ein Traumjob für mich“, erinnert er sich. „Es ging neben Holzproduktion auch um Naturschutz oder Öffentlichkeitsarbeit.“

Der Wald ist sein Leben: Förster war immer Steckels Traumberuf.

Am westlichsten Ende der Metropolregion Rhein-Neckar, mitten im UNESCO-Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen, liegt das malerische, von Wald und Bergen umgebene Elmstein. Rund 2500 Menschen leben hier. An den Sommer-Wochenenden bringt vor allem das Kuckucksbähnel Touristen aus der ganzen Welt von Neustadt aus in den kleinen Ort – auch die Öffnungszeiten der Samenklenge sind an seinen Fahrplan angepasst.

Die Klenge steht mittendrin, gleich neben der protestantischen Pfarrkirche. Eine einst staatliche Einrichtung, die ab 1913 für rund 100 Jahre nicht nur den Pfälzerwald mit Saatgut zur Aufforstung versorgte. Burkhard Stecker zeigt: Bei der Lärche ist ein Samen nur etwa 2 Zentimeter groß, Fichtenzapfen dagegen messen bis zu 15 Zentimeter. Besonders hübsch sind die Zapfen der Douglasie mit ihren federähnlichen Enden. Und man lernt: Einen echten Tannenzapfen würde man niemals auf dem Waldboden finden, denn die leere Baumspindel bleibt immer am Ast, nachdem sie ihre Samen verschleudert hat.

Man geht davon aus, dass der Wald um Elmstein schon vor 5000 Jahren forstwirtschaftlich genutzt wurde

Burkhard Steckel

Burkhard Steckel kommt eigentlich aus Berlin – aber er lebt schon lange und vor allem sehr gerne in Elmstein: „Ich habe schon die Anfahrt zur Arbeit durch den Pfälzerwald immer sehr genossen.“ Aber wie wurden denn nun die Samen gewonnen? Das zeigt er anhand der über 100 Jahre alten Originalmaschinen, die bis heute voll funktionsfähig sind. „Wichtig ist es, dass die Zapfen grün und unreif gepflückt werden, dann werden die Samen gewonnen, vorgetrocknet und durchlaufen schließlich im Darrofen einen kontrollierten Reifeprozess.“ 18 bis 36 Stunden dauert das bei einer Temperatur von maximal 50 °C.

Die zarten Samen der Fichte haben einen kleinen Flügel.

Früher wurde der riesige Ofen mit Holz befeuert, heute kann die Temperatur mit Gas reguliert werden. Mit seinen großen, nach Herkunftsbereich beschrifteten Schubfächern nimmt er einen ganzen Raum ein. Denn Samen wurden für forstliche Zwecke nicht nur streng nach Herkunftsgebieten getrennt gewonnen, vieles ist auch gesetzlich durch das sogenannte „Forstvermehrungsgutgesetz“ geregelt. Aus einer Tonne Kiefernzapfen können rund 16 Kilogramm Samen gewonnen werden, aus einem Kilogramm Fichtensamen entstehen bis zu 50.000 Sämlinge.

Vor der Trochnung wurden die Zapfen geöffnet, die Samenflügel abgetrennt und die Samen sortiert und gereinigt.

Ein ertragreiches Geschäft, zumindest was die Mengen betrifft – aber das Museum für Forst- und Waldarbeit zeigt auch, wie gefährlich die Waldarbeit war. Davon erzählen abenteuerliche Konstruktionen wie eine motorisierte Klettersäge oder verschiedene, teils enorm schwere und unglaublich lange Motorsägen. Eine lebensgroße Puppe trägt die damals übliche Arbeitskleidung, bestehend aus derben Stiefeln, grober Bekleidung und einer Lederkappe: „Das war schon fast professionell“, ordnet Burkhard Steckel ein. „Meist arbeitete man in seiner abgetragenen Sonntagskleidung.“ Schutzausrüstungen und der Verzicht auf Alkohol während der Arbeit wurden erst sehr viel später eingeführt.

Das Museum erzählt auch davon, wie gefährliche die Arbeit im Wald früher war.

Die Förster waren früher häufig polizeilich tätig: „Holz- und Walddiebstahl waren im 19. Jahrhundert häufig, die Menschen lebten in großer Armut.“ Rund 20 Prozent der Bevölkerung seien zeitweise angezeigt worden: „Dabei handelte es sich um Armutsdiebstahl, entsprechend unbeliebt waren die Förster.“ Denn sie verteidigten den Wald und lebten unter völlig anderen Bedingungen. Davon erzählt die Dokumentation über die Forsthäuser in Elmstein oder die prachtvolle Uniform eines Försters aus der Nazi-Zeit. Vieles kennt Burkhard Steckel aus eigener Erfahrung: „Mit der Klettersäge musste ich als Praktikant Bäume entasten, das war nicht schön“, erinnert er sich. Auch eine alte Rechenmaschine aus den 1970er Jahren habe er selbst genutzt. Oder Vorrichtungen, um Holz zu markieren. Damit behielt man die Kontrolle über die Verkaufsmengen.

Das Leben der Waldarbeiterfamilien war hart, auch für die ebenfalls im Wald beschäftigten „Kulturfrauen“, die mit einfacheren Aufgaben betraut waren, mit Pflanz- oder leichten Baumpflegearbeiten. Während und nach den beiden Weltkriegen waren sie meist auf sich allein gestellt. Oft arbeiteten sie im Akkord und mussten zusätzlich die Familien versorgen. Aus diesem Grund widmete man ihnen die 50-Pfennig-Münze – oft war das ihr durchschnittlicher Stundenlohn.

Die Elmsteiner Samenklenge war lange Zeit eine von acht staatlichen Einrichtungen dieser Art im gesamten Bundesgebiet. Sie wurde 2006 aufgelöst, der Betrieb auf den Antonihof in Trippstadt verlagert. Ihr historisches Gebäude wurde saniert und nach einem Konzept der inzwischen verstorbenen Museumsleiterin Lina Turner eingerichtet. Heute lädt schon der sonnenbeschienene Vorplatz zum Verweilen auf Holzbänken unter einem großen Baum ein und bietet einen direkten Blick auf das Triftamt gegenüber, ein gepflegtes Fachwerkhaus, das in Privatbesitz ist. Die alten Triftwege kann man noch erkunden – ein Wanderweg führt an ihnen entlang. Aber was genau bedeutete „triften“? Im Obergeschoss des Museums erfährt man mehr über den Holztransport auf dem Wasser. Genutzt wurden alle Bäche in und um Elmstein auf dem Weg Richtung Rhein. Ein großer, mit Unmengen Kurzholz beladener Schlitten zeigt, wie gefährlich das sogenannte „Schlitteln“ war. „Auch dabei sind viele schwere Unfälle passiert.“

Lina Turner hat das Museum im Elmstein mit aufgebaut – und ist noch heute präsent.

Das Dachgeschoss widmet sich der forstlichen Nebennutzung, dort gibt es unter anderem die verbotenen Heidelbeerkämme oder Zunderschwämme zu sehen, die angezündet und zum Einräuchern gegen Insekten verwendet wurden. Erzählt wird auch davon, wie man Harz gewann oder Pottasche siedete, um Glas, Seife oder Dünger zu gewinnen. Es geht aber auch darum, wie sich der Wald verändert. Ein Lehrfilm über die Forstwirtschaft von 1950 bis heute lässt viele Zeitzeugen zu Wort kommen und nimmt Bezug auf neue Techniken und den Klimawandel.

Auch optisch ist das Museum mit seinen vielen, hellen Fenstern und den Holzböden einen Besuch wert. Die Exponate werden auf schönen, knallroten Ausstellungsflächen präsentiert und mit übersichtlichen Bild- und Texttafeln erklärt. Es gibt viele Originalfotos zu sehen, dazu alte Lehrbücher, Standardwerke der Forstwirtschaft und den Reprint eines Klassikers aus dem Jahr 1713: Die Schrift „Sylvicultura Oeconomica“ von Hannß Carl von Carlovitz. „Damit hat er den Begriff Nachhaltigkeit begründet, da sind wir Förster stolz drauf.“

Alte Lehrbücher und Standarwerke zeigen die Forstwirtschaft im Wandel der Zeit.

Betritt man das Museumsgebäude, so fällt der Blick auf die Replik eines 1969 entdeckten Feuersteinbeils. „Man geht davon aus, dass der Wald um Elmstein schon vor 5000 Jahren forstwirtschaftlich genutzt wurde“, sagt Burkhard Steckel, der sich mit seiner Kollegin Kirstin Graichen mit den Führungen abwechselt. Beide sind ehrenamtlich und mit viel Engagement für das Museum tätig. Auffallend sind die knallrot gestrichenen Möbel im Eingangsbereich: Neben dem Kassenbereich gibt es einen kleinen Laden, in dem man Kunsthandwerk aus der Region sowie Bücher über Elmstein oder Forstgeschichte finden kann. Natürlich dürfen Dekogegenstände aus getrockneten Baumzapfen nicht fehlen, Kränze schmücken die schönen Holztüren des Museums mit ihren Sandsteintürrahmen.

Ein Baum zum Hangeln: Im Kindermuseum darf auch geklettert werden.

Das Kindermuseum im Zwischengeschoss ist ein großer, langgezogener, heller Raum mit Holzböden und -wänden. Hier gibt es eine nachgebaute Köhlerhütte, einen großen Holzschlitten oder eine Fühlkiste. Interessant sind die ausgestopften Waldtiere: Putzige Waschbären, Dachse, Waldkäuze, imposante Greifvögel, ein kleines Wildschwein oder ein winziges Mauswiesel sind in ihrer natürlichen Bewegung dargestellt und können in Ruhe betrachtet werden. Alle Sinne sollen angesprochen werden. Wer mag, kann über einen querliegenden Kletterbaum hangeln, an alten Schulbänken basteln und malen oder sich in die Bücherecke mit Sitzsäcken zurückziehen.


Mehr Info unter: www.samenklenge.de

Mehr zu Elmstein unter: www.elmstein.de oder www.wappenschmiede-elmstein.de

Zum Kuckucksbähnel und dem Fahrplan: www.eisenbahnmuseum-neustadt.de/das-kuckucksbaehnel/

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