Granit und Buntsandstein – die Gesteine prägen den Odenwald. An vier Standorten zeigt das Geozentrum Tromm, wie die Geologie die Geschichte der Region beeinflusst hat. Und das aus größter Höhe, mit tiefen Einblicken und vielen spielerischen Stationen.

192 Stufen sind es. Immer weiter führen sie hinauf. Unter den Füßen nur das Gitter der Treppe – sonst nichts. Keine Balken, keine Pfeiler. Zu sehen sind nur die Kronen der Bäume, die immer kleiner werden. Dann erreichen die Schritte eine Plattform – der Blick weitet sich. Über das Weschnitztal hinab in die Rheinebene bis zu den Pfälzer Bergen. Und auf der anderen Seite tiefer in den Odenwald hinein bis zu seinem höchsten Berg, dem Katzenbuckel.

Ausblick vom neuen Trommturm über das Weschnitztal.

577 Meter hoch liegt die Tromm, fast 34 Meter ragt der neue Turm, der 2022 fertiggestellt wurde, noch darüber hinaus. „Himmelsleiter“ wird er auch genannt, weil die Stahlkonstruktion so schräg über den Wald ragt, dass es von oben wirkt, als schwebe sie über den Bäumen. Theo Reichert lässt den Blick schweifen. Der Wald-Michelbacher ist Geopark-vor-Ort Begleiter – und er sieht weit mehr als eine schöne Aussicht. Reichert blickt von hier oben direkt in die Geschichte des Odenwalds. „Das hier“, sagt er und deutet mit der Hand Richtung Westen, über das Weschnitztal. „Das war früher der reiche Odenwald.“ Der Boden hier ist fruchtbar, das weite Tal ermöglichte großflächige Landwirtschaft mit guten Erträgen. Das ist auch heute noch gut erkennbar. Die Landschaft ist offen, der Wald bildet eher kleine Inseln zwischen den Feldern. Im Osten hingegen, dem Überwald, verdichtet sich der Wald. „Hier lebten vor allem Kleinbauern“, sagt Reichert.

Theo Reichert genießt den Ausblick – und gibt Einblicke in die Geschichte des Odenwalds.

Das hat auch damit zu tun, was unter der Erde liegt, erklärt Reichert. „Der Trommturm steht direkt auf dem Übergang vom Granit in den Buntsandstein“. Während der Granit im Westen für fruchtbare Böden sorgte, eignete sich der mineralarme Sandstein-Boden im Osten weniger gut für die Landwirtschaft. Und das Gestein sorgt noch für weitere Unterschiede. „Laubbäume wachsen auf Granit viel besser, Nadelhölzer bevorzugen Sandstein. Wenn Sie Heidelbeeren sehen, können Sie sicher sein, dass darunter Sandstein liegt. Bei Waldmeister wird es eher Granit sein.“ Das Gestein teilt den Odenwald in zwei Bereiche.

Und es erzählt viel über die Geschichte der Region. Über die Erdgeschichte genauso wie über die Kulturlandschaft, die es geprägt hat. Über die Menschen, die hier früher lebten und ihren Alltag. Um das Zusammenspiel zwischen Geologie, Natur und Kultur besser zu erklären und greifbar zu machen, haben sich die Überwald-Gemeinden Grasellenbach, und Wald-Michelbach sowie Rimbach im Weschnitztal zusammengetan und gemeinsam das Geozentrum Tromm aufgebaut.

„Wenn wir hier im Odenwald einen Schatz haben, dann ist es unsere großartige Natur.“

Theo Reichert

Gefördert wurde das Geozentrum als Nationales Projekt des Städtebaus, 2,5 Millionen Euro erhielten die Gemeinden aus dem Topf des Bundesprogramms. Reichert muss selbst schmunzeln, als er das erzählt. „Städtebau. Tja, unsere Bürgermeister sind eben schon findig, was Fördermöglichkeiten angeht.“ Er lacht. Markus Röth ist einer dieser findigen Bürgermeister. Der Gemeindechef von Grasellenbach war die treibende Kraft bei der Bewerbung. „Ich dachte nur: Wir probieren das jetzt einfach.“ Denn für die Gemeinden bot die Förderung eine große Chance. „Wir können die Lebensqualität der Bewohner verbessern und gleichzeitig neue Gäste anlocken.“ Das Projekt stärkt den ländlichen Raum – mit einem nachhaltigen, naturnahen Tourismus. 

Überwald heißt die Region übrigens, weil man vom Weschnitztal aus „über den Wald“ dorthin gelangt.

Die Fäden für das Projekt laufen bei Sebastian Schröder, dem Geschäftsführer der Zukunftsoffensive Überwald, zusammen. Vier Standorte bilden das Geozentrum Tromm: Der Naturspielort in Grasellenbach, von dem aus sich ein Wanderweg den Berg hochschlängelt bis zum Trommturm, der auf Rimbacher Gemarkung liegt. Hinzu kommen die Steinbrüche in Litzelbach und der Steinbruch in Ober-Mengelbach. Neue Rad- und Wanderwege verbinden die Stationen, die zusammen erzählen, wie die Geologie des Überwalds die Geschichte der Region geprägt hat.  

Rad- und Wanderwege verbinden die vier Stationen des Geozentrums Tromm.

192 Treppenstufen später und einige Höhenmeter tiefer, gibt Theo Reichert im Geopark-Informationszentrum im Wiesental einen Überblick über diese Geschichte. „Der Überwald war im 18. und 19. Jahrhundert die ärmste Gegend des Odenwalds“, erzählt der Gästeführer. Viele Möglichkeiten, Arbeit zu finden, gab es hier nicht. „Glück hatte noch, wer den kleinen elterlichen Hof erbte. Aber gerade den Zweitgeborenen blieb oft nur eine Wahl: die Steinbrüche.“ Und die gab es zu jener Zeit in großer Zahl. In 28 gewerblichen Steinbrüchen wurde damals vor allem Sandstein abgebaut. „Hinzu kamen zahlreiche kleine Steinbrüche, die in Privatbesitz waren“. Der Sandstein prägt noch heute das Ortsbild vieler Überwald-Gemeinden. Tonnenweise wurde das Gestein jedoch auch in die wachsende Industriestadt Mannheim transportiert, zunächst mit Kutschen, später mit der Überwaldbahn, auf der heute die Solardraisinen fahren.

Das Informationszentrum Wiesental gibt Einblicke in den Arbeitsalltag in den Steinbrüchen.

Die Arbeit in den Steinbrüchen war hart. Alt wurden die jungen Männer, die hier schuften mussten, nicht. „Wenn sie 40 wurden, dann war das bereits ein stattliches Alter“, sagt Reichert. Viele erkrankten an Tuberkulose oder bekamen eine Staublunge. Am Steinbruch in Ober-Mengelbach geben großformatige Bilder Einblicke in den Alltag der Arbeiter. Bis 2007 wurde hier Gneis abgebaut, ein granitähnliches Gestein. Doch nun übernimmt wieder die Natur. Nach und nach läuft der Steinbruch mit Regenwasser voll. Schon jetzt ist der See über 20 Meter tief. Barsche und Hechte schwimmen mittlerweile darin, die Steilwände sind ein Paradies für Wildbienen und am Waldrand brütet jedes Jahr ein Uhu. Theo Reichert steht in der Hütte am oberen Rand des Steinbruchs. Von hier können Besucher:innen die Wildvögel beobachten und bald auch per Knopfdruck ihren Stimmen lauschen. Er lässt den Blick schweifen. „Ich finde das beruhigend zu sehen, wie schnell die Natur solche Industrieanlagen zurückerobern kann.“ 

Von der Industrieanlage zur Naturidylle: Der Steinbruch bei Ober-Mengelbach.

Theo Reichert kommt aus Wald-Michelbach. Er ist hier aufgewachsen. Nach der Schulzeit zog es ihn fort, nach Nürnberg, Kairo – aber dann doch wieder in die Heimat zurück. „Man bekommt einen anderen Blick, eine andere Verbundenheit mit der Heimat, wenn man längere Zeit weg war“, erzählt er. Reichert engagiert sich im Überwälder Museums- und Kulturverein, geht mit seinem Hund viel im Wald spazieren und kennt sich bestens aus in der Flora und Fauna seiner Region.

Theo Reichert kennt sich bestens aus in der (Erd-)Geschichte des Odenwalds.

Als der Elektroniker aus gesundheitlichen Gründen mit 57 Jahren in Rente gehen musste, fragte der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald an, ob er nicht die Ausbildung zum Geopark-vor-Ort-Begleiter machen will. Reichert sagte zu. Heute spaziert er also nicht nur mit seinem Hund im Wald herum, sondern auch mit Wander- und Schülergruppen. Er begleitet Bustouren durch den Odenwald, macht Nachtwächterführungen in Wald-Michelbach und Hammelbach und sagt heute: „Das hätte ich alles schon viel früher machen sollen!“

Theo Reichert liebt es, im Wald zu spazieren und Wander- und Schülergruppen die Natur näher zu bringen

Auch in den vier Steinbrüchen in Litzenbach ist gut zu beobachten, wie schnell die Natur Gras über die Eingriffe der Menschen wachsen lässt. Oder in diesem Fall: Moos. Dabei würde der Wald hier eigentlich ganz anders aussehen. „Die ganzen Hügel hier sind Abraumhalden“, erklärt Reichert. Sie bilden eine hügelige Waldlandschaft mit kleinen Lichtungen und großen Gräben. Überall in dem großflächigen Gebiet entstehen derzeit kleine und große Spielplätze, mit Hängebrücken, Rutschen, Schaukeln, Bänken, Wissens- und Entdeckerstationen. Ideal für Waldabenteuer.

Bereit für Abenteuer? Noch sind nicht alle Spielplätze in den Litzelbacher Steinbrüchen fertig – aber lassen schon erahnen, was hier bald möglich ist.

Das Geozentrum Tromm soll vor allem auch Familien anlocken. Und bietet auch all jenen Besucher:innen etwas, die sich weniger für Geologie und Geschichte interessieren. Und allen anderen jederzeit die Möglichkeit, tiefer in das Thema einzusteigen. Doch vor allem, sagt Theo Reichert, zeige das Projekt eines: „Wenn wir hier im Odenwald einen Schatz haben, dann ist es unsere großartige Natur.“


Geozentrum Tromm

Durch Corona haben sich die Bauarbeiten rund um das Geozentrum Tromm deutlich verzögert. Sowohl am Steinbruch in Ober-Mengelbach als auch in den Steinbrüchen in Litzelbach werden in den kommenden Wochen noch Bauarbeiten stattfinden. Der Naturspielort in Grasellenbach und der Trommturm sind jedoch uneingeschränkt besuch-, erleb- und bespielbar.

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