Von der vernachlässigten Grünfläche zu Bella Park: Der Verein gegen Müdigkeit hat der Kurfürsten-Anlage in Heidelberg neues Leben eingehaucht und einen Ort der Begegnung geschaffen. Zwischen Alt und Jung, zwischen Heidelberger:innen und Geflüchteten, zwischen Wohnungslosen und Hobbygärtner:innen.

Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, nun ist sie endlich fertig: die Picknick-Decke, kunterbunte 30 Meter lang. Aus Flicken und Stoffresten, aus kleinen Botschaften und vielen Erinnerungen, die über 100 Menschen in sie eingenäht haben. Freya Magnet betrachtet die Decke, grinst und zeigt auf eines ihrer Stoffstücke, ein Gameboy ist darauf zu sehen. Sie trägt einen Blaumann, genauso wie die zwölf weiteren Helfer*innen, die nun gemeinsam die Decke anheben und sie feierlich die Kurfürsten-Anlage entlang tragen.

Eine Decke auf Wanderschaft: Über 100 Menschen haben darin ihre Spuren hinterlassen.

Vorbei am Brunnen, der endlich wieder sprudelt, hinein in den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen. Vorbei an Louis, der 2014 aus Ghana nach Heidelberg kam und sich mit seinen Freunden oft hier verabredet. Vorbei an Mara, die gerade noch dem wohnungslosen Sven die Haare geschnitten hat und Teil der Straßenszene ist, die sich seit vielen Jahren in der Kurfürsten-Anlage trifft. Vorbei an Knut Orawa, der gerade den Grill anfeuert. Vorbei an zwei Krabbelkindern, die in einem kleinen Plastikbecken planschen. Und vorbei an einigen Heidelberger:innen mit Tupperdosen in der Hand – bereit für ein großes Picknick. 

Auf dieser Picknick-Decke sind alle willkommen.

Dann ist die Decke angekommen, mitten im „Bella Park“. Auf diesen Namen hat der Verein gegen Müdigkeit die Grünfläche 2023 getauft. Freya Magnet und die anderen Helfer*innen legen die Decke ab und wenig später wimmelt sie vor Menschen, die zusammen essen, trinken, erzählen, lachen. Genau das ist das Ziel von „Bella Park“, mitten in Heidelberg: „Menschen zusammenzubringen, die ganz unterschiedliche Lebensgeschichten haben“, erzählt die Architektin. Sie und Knut Orawa sind zwei von mittlerweile sechs Hauptamtlichen des Vereins, die gemeinsam mit rund 30 Ehrenamtlichen den Park zu dem Ort machen, der er heute ist. Während Freya für die Projektkoordination von Bella Park zuständig ist, kümmert sich Knut um die Gemeinschaft vor Ort.

Er ist fast jeden Tag hier, öffnet in den warmen Monaten jeden Donnerstag, Freitag und Samstag die Klappe des Gesellschaftskiosks, das Herz von Bella-Park. Ein alter Imbisswagen, an dem es Getränke gibt und immer ein Tagesgericht, das auf Spendenbasis bezahlt wird. „Jeder gibt das, was er kann“, erklärt Knut. An jedem Öffnungstag bauen die Vereinsmitglieder Bierbänke und mehrere Tischtennisplatten auf, dazu Tische mit Schachbrettern. Neben dem Kiosk steht ein Wagen mit Brettspielen und Federballschlägern, auch Hula-Hoop-Reifen und Einräder kann man hier ausleihen. Einen Konsumzwang gibt es nicht, auch mit mitgebrachtem Essen und Trinken kann man es sich im „Bella Park“ auf ausgelegten Perserteppichen oder in den Hängematten, die zwischen Teile eines Baugerüsts gespannt sind, gemütlich machen.

Eine Stadt braucht Orte, an denen sich Menschen ungezwungen begegnen können.

Stadtmacherin Freya Magnet

Zuvor galt das Areal zwischen Bahnhof und Altstadt, zwischen mehrspurigen Fahrbahnen und Straßenbahnschienen als „No-go-Area“. Ein Grünstreifen mit vielen Bäumen und Büschen, die weitgehend ungestört vor sich hinwucherten. Kaum jemand nutzte den Weg, der sich durch das Grün schlängelt, die Parkbänke waren längst abgebaut, der Brunnen moosüberwuchert. Ein Ort am Rand der Gesellschaft. „Hier haben sich die Menschen getroffen, für die es in Heidelberg sonst keinen Ort gab“, erzählt Knut Orawa. Heute helfen sie ihm beim Aufbau mit oder liefern sich auch mal ein Tischtennismatch mit anderen Gästen des „Bella Park“.

Woher man kommt, spielt hier keine Rolle – Hauptsache, alle gehen in die gleiche Richtung. Foto: Shooresh Fezoni

„Wir wollen niemanden verdrängen“, erklärt Freya Magnet. „Es war immer klar, dass wir diesen Ort mit den Menschen verändern wollen, die ihn schon zuvor genutzt haben.“ Sie kam nach dem Architekturstudium in Darmstadt für ihren Job in einem Büro für Stadtplanung nach Heidelberg. 2022 hatte sie an den „1+1=3“-Workshops des Vereins gegen Müdigkeit teilgenommen, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie öffentlicher Raum zu einem Ort für mehr Miteinander werden kann. Dort lernte sie auch die Künstler:innen Ute Seitz und Shooresh Fezoni kennen, die den Verein 2021 gegründet haben. Mitten in der Corona-Zeit, als Begegnungen im öffentlichen Raum kaum noch möglich waren, sich viele Menschen zurückzogen und nur noch in ihrer eigenen Bubble unterwegs waren. 

Mehr Miteinander im öffentlichen Raum: Im Bella Park setzt Freya Magnet diesen Wunsch um.

Freya Magnet trat dem Verein wenig später bei, begeistert davon, Menschen getroffen zu haben, die ihre Ideen teilten. Die machen wollten, nicht nur planen. „Eine Stadt braucht Orte, an denen sich Menschen ungezwungen begegnen können“, sagt sie. „Gerade auch Menschen, die sich sonst nie begegnen.“ Nur dann könnten sie voneinander lernen, Verständnis auf- und Vorurteile abbauen. Bei der Suche nach einem Ort, an dem sie ihre Ideen umsetzen konnten, stieß der Verein auf die Kurfürsten-Anlage. Ein Areal, das vernachlässigt war, aber auch vor Veränderungen stand. Nach dem Wegzug der Heidelberger Druckmaschinen AG und der Stadtwerke wird das Gelände an der nördlichen Seite der Kurfürsten-Anlage neu entwickelt. „Wenn neue, teure Eigentumswohnungen entstehen, wird das Umfeld oft mit aufgewertet“, sagt Freya Magnet. „Allerdings ohne die bisherigen Nutzer einzubeziehen, die dann verdrängt werden.“ Dieser Entwicklung wollten sie zuvorkommen.

Zwei von rund 30 Ehrenamtlichen: Verena Zok und Felix Abels begleiteten die Entstehung der Picknick-Decke.

Und bekamen dabei viel Unterstützung. „Der Verein und Bella Park leben von den Menschen, die mitmachen“, sagt die Stadtmacherin. „Die ihre Ideen einbringen und immer wieder neue Projekte anstoßen.“ Gut 30 Menschen unterstützen den Verein regelmäßig, bieten Kurse in Qi Gong und Calisthenics oder Workshops an. Im Bella Park kann man einfach ein Feierabendbier trinken, aber auch Lampen basteln, Parkmöbel bauen oder eben an einer Picknick-Decke nähen. Es gibt Flohmärkte, Konzerte und Open-Air-Kino. Alle Veranstaltungen sind kostenlos und können ohne Voranmeldung besucht werden. „Damit sie für alle Menschen offen sind“, erklärt Freya Magnet. Einmal im Monat wird gegärtnert und insektenfreundliche Pflanzen wie Alant, Mohn oder Anis-Duftnessel heißen auch Hummeln, Bienen und Käfer im Park willkommen. Der Verein finanziert sich derzeit über Förderprogramme und Spenden. Der Wunsch nach einer dauerhaften Förderung durch die Stadt ging bisher nicht in Erfüllung.

Mittlerweile wird im Bella Park auch gegärtnert. Foto: Shooresh Fezoni

Knut Orawa und Freya Magnet sind oft auch dann im Park, wenn der Kiosk offiziell geschlossen hat. Um Dinge zu reparieren, neue Möbel aufzubauen, die Lebensmittelspenden der Tafel zu verstauen. Vor allem aber, um das Gespräch mit den Menschen vor Ort nicht versiegen zu lassen. Knut will den Kiosk künftig auch im Winter öfter öffnen. Bisher ist das in der kalten Jahreszeit nur einmal im Monat Fall. „Aber ich finde es wichtig, auch dann präsent zu sein, wenn es unangenehm wird.“ Und meint damit vermutlich nicht nur das Wetter.

Der Gesellschaftskiosk ist das Herz von Bella Park. Knut Orawa (hinten, mitte) ist fast immer hier. Foto: Shooresh Fezoni

Knut Orawa ist ausgebildeter Jugend- und Heimerzieher und wohnt seit 15 Jahren in Heidelberg. Seine Rolle im Bella Park bezeichnet er als Gesellschaftspädagoge. „Sozialpädagogik klingt mir zu einseitig. Dass es nur die einen Menschen gibt, die Probleme haben und denen man helfen muss. Aber man muss auch der anderen Seite helfen – dabei, diese Menschen zu verstehen und sie eben nicht auszugrenzen.“ Mit seiner Ruhe trägt er viel zur entspannten Atmosphäre des Bella Park bei. Er berät und belehrt nicht, er lässt die Menschen sein. Nur zwei eiserne Regeln gibt es hier: „Wir begegnen uns mit Respekt und kein harter Alkohol und Drogen im Umkreis von 50 Meter um den Kiosk.“

Mit Bella Park hat sich viel verändert in der Kurfürsten-Anlage, auch wenn nicht alle Probleme für immer verschwunden sind. „Aber wir arbeiten daran, gemeinsam“, sagt Freya Magnet. „Indem wir im Gespräch bleiben.“ Denn nur dann sei ein Miteinander, sei Demokratie möglich. Und dafür braucht es Orte. Oder auch mal eine 30 Meter lange Picknickdecke. 


https://gegenmuedigkeit.org/up/

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