Bei der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) bilden Verbraucher:innen und Landwirt:innen eine Gemeinschaft. Sie teilen sich den Ertrag und die Kosten eines Hofs, die Ernte und die Risiken. Auf dem Markushof in Nußloch, wo Landwirt Sebastian Gohr 50 Rinder hält, Getreide, Kartoffeln und etwas Gemüse anbaut, zeigt die Solawi Rhein-Neckar was möglich ist, wenn beide Seiten gemeinsame Sache machen.
Er hat sich das immer gewünscht. Sebastian Gohr wollte immer einen Bauernhof betreiben. Einen, auf dem Tiere leben und Pflanzen angebaut werden. Auf dem keine Pestizide zum Einsatz kommen und die Nutztiere Namen haben. Jetzt kniet er im Stall vor Marabel und krault die Kuh unterm Kinn, „weil sie das so gerne mag“, und außerdem erst vor kurzem ein Kalb geboren und jede Streicheleinheit verdient hat. Neben ihm steht Monika Hundelt und lächelt. Morgen bekommt sie wie jede Woche ihre Kiste mit Produkten vom Hof. Ein Brot wird darin liegen und Kartoffeln, Zwiebeln, Mangold, Schwarzkohl und wie immer auch zwei Flaschen Milch. „Und ich weiß genau, woher sie kommen“, sagt sie.
Streicheleinheit für Marabel, die vor kurzem ein Kalb geboren hat.
Monika Hundelt ist eine von rund 100 Menschen, die gemeinsam den Betrieb von Sebastian Gohr finanzieren. Sie ist Gründungsmitglied der Solawi Rhein-Neckar, die seit 2011 mit dem Markushof im Nußlocher Ortsteil Maisbach zusammenarbeitet. Damals noch mit Landwirt Markus Schmutz, der den kleinen Mischbetrieb bereits 1989 auf ökologische Tierhaltung umgestellt hat. Mitte 2026 hat Sebastian Gohr den Betrieb übernommen.
Monika Hundelt weiß gerne, woher die Lebensmittel kommen, die sie zu sich nimmt.
Sie sind ein Team, der Landwirt und die Mitglieder der Solawi, eine Wirtschaftsgemeinschaft. Die Mitglieder zahlen nicht für die einzelnen Produkte, sondern finanzieren mit ihrem Beitrag die landwirtschaftliche Produktion für ein ganzes Jahr. Dafür bekommen sie anteilig, was der Hof erzeugt: viel bei einer guten Ernte, weniger bei einer schlechten. Das gibt Sebastian die Sicherheit eines Einkommens, auch wenn das Wetter mal die Ernte verhagelt. Und die Mitglieder bekommen garantiert frische, biologisch erzeugte Lebensmittel – die es ohne sie gar nicht gäbe.
In den Hügeln hinter Nußloch liegt der kleine Ort Maisbach.
Hier liegt der Markushof, ein Biobetrieb.
2026 hat Sebastian Gohr den Betrieb übernommen.
Und arbeitet dabei mit Monika Hundelt von der Solawi Rhein-Neckar zusammen.
Der Hof ist ein Mischbetrieb mit Kühen, ...
...die sich von dem ernähren, was auf den Feldern rundum wächst.
Auf einem Feld baut die Solawi auch Gemüse an.
Und dann darf neben Lauch und Zucchini auch eine wilde Malve wachsen.
In Jeans und Gummistiefel, an denen noch der Dreck vom letzten Arbeitseinsatz klebt, stampft Monika den Hügel am Ortsende von Maisbach nach oben. An seiner Flanke liegt ein Feld, kaum einen Hektar groß, kleinteilig bepflanzt. Verteilt darauf sechs Menschen, ausgestattet mit grünen Kisten und Messern. Die Kürbispflanze am Rand tentakelt bereits über die angrenzende Wiese, zwischen Mangold und Zucchini blüht eine wilde Malve in kräftigen Violett-Tönen. Pestizide kommen hier nicht zum Einsatz, genauso wenig wie künstlicher Dünger. „Sonst hätt‘ ich auch gar keine Lust, hier mit den Händen in der Erde zu wühlen“, sagt Monika, schnappt sich eine grüne Kiste und gesellt sich zu Irmela und Peter, die gerade Zwiebeln ernten. Da dem Hof derzeit Mitarbeiter:innen fehlen, bewirtschaften die Mitglieder das Feld in Eigenregie.
Ich will keine Werbeversprechen, sondern echte, ehrliche Produkte.
Solawi-Gründerin Monika Hundelt
Monika ist promovierte Biologin und kam 2008 nach Heidelberg. Sie engagierte sich damals bei Attac und interessierte sich für alternative Wirtschaftsformen. „Mir ist Transparenz sehr wichtig. Ich will keine Werbeversprechen, sondern echte, ehrliche Produkte.“ Anfang 2011 stellte sich eine Solawi aus der Pfalz bei einem Kongress von Attac und BUND vor. „Ich wurde sofort hellhörig“, erzählt Monika. Das Prinzip einer Erzeugergemeinschaft überzeugte sie auf Anhieb. „So ging es auch anderen Attac-Mitgliedern und wir haben noch an dem Abend beschlossen, dass wir das auch in Heidelberg brauchen.“ Etwas komplizierter als dieser Entschluss gestaltete sich dann die Suche nach einem Partnerbetrieb. Schließlich fanden sie mit Markus Schmutz einen Landwirt, der bereit war, das Experiment zu wagen.
Mit Gesellschaft macht die Arbeit auf dem Feld gleich mehr Spaß.
Der Markushof liegt im Ortskern von Maisbach. Das Dorf mit 170 Einwohnern schmiegt sich in eine Mulde zwischen kleinem Odenwald und Kraichgau, rundherum wölben sich Hügel mit Weiden, Feldern, Streuobstwiesen. Seit jeher wird hier Landwirtschaft betrieben, doch der Markushof ist mittlerweile der einzige Vollerwerbsbetrieb im Ort. Ein Bio-Betrieb mit gut 40 Hektar Ackerfläche und 50 Rindern, 20 davon sind Milch- und Ammenkühe, die Kälber bleiben bei der Herde. Im Sommer sind sie auf der Weide, im Winter bekommen sie Heu und Maissilage von den eigenen Feldern, die Sebastian Gohr mit Mist und Gülle aus dem Stall düngt. Ein Betrieb, wie man ihn sich vorstellt, wenn man an einen Bauernhof denkt. Die es in Deutschland jedoch kaum noch gibt. Zu unrentabel der Mischbetrieb, zu klein die Flächen, zu unergiebig Rinder für beides zu nutzen: für Milch und für Fleisch.
Normalerweise sind die Kühe im Sommer auf der Weide. Bei Trockenheit füttert Sebastian Gohr die Tiere allerdings auch im Stall.
Doch genau das wollte Sebastian immer. Er stammt zwar nicht aus einer Bauernfamilie, ist aber auf einem Hof im Ruhrgebiet aufgewachsen. „Meinem Vater war immer wichtig, mir zu zeigen, woher unsere Lebensmittel kommen und was ein Steak aus dem Supermarkt von einem Steak von einem kleinen Biohof unterscheidet“, erzählt er. Das habe ihn geprägt. Die Idee, irgendwann mal einen eigenen Bauernhof zu betreiben, seine eigenen Lebensmittel so natürlich wie möglich herzustellen und auch andere damit zu versorgen, ließ ihn nicht los. Weder als er Sanitär- und Heizungsbauer wurde noch als er acht Jahre bei der Bundeswehr war und auch nicht, als er in Neckargemünd einen Job als Installateur bei der Stadt annahm.
Streicheleinheiten gibt es bei Sebastian Gohr zum Futter dazu.
Im Kleinen begann er auf dem Dilsberg, seiner neuen Heimat, nebenher einen Hof aufzubauen. Dann hörte er, dass der Markushof einen Nachfolger sucht. Bei einem Besuch stellte er schnell fest: „Das ist genau der Hof, den ich suche.“ Dass er mit der Solawi einen festen Kundenstamm dazu bekam, war für ihn ein Pluspunkt. „Sonst ist es kaum noch möglich, so einen Hof wirtschaftlich zu führen.“ Dass die Zusammenarbeit mit der Solawi viel Kommunikation und Absprachen bedeutet, sieht er nicht als Nachteil. „Ich will gar nicht so eigenbrötlerisch vor mich hinwerkeln – ich freu‘ mich über den Kontakt zu den Leuten, die meine Produkte konsumieren.“
Kommunikation und Absprachen sind bei einer Solawie essentiell.
Mitte 2026 kündigte er seinen Job und übernahm den Betrieb. Demnächst wird auch seine Frau Ioana mehr in den Betrieb einsteigen, die zurzeit in der Pflege arbeitet und sich um die kleinen Kinder des Paars kümmert. „Sie kommt aus Rumänien. Für sie ist es noch selbstverständlich, dass sich eine Familie selbst versorgt.“ Sebastian zeigt auf eine Fläche neben dem Stall. „Hier soll ein Container hin für die Milchverarbeitung, dann kann sie direkt auf dem Hof Joghurt, Quark und vielleicht auch Käse herstellen.“ Das notwendige Fachwissen hat sie als Lebensmittelingenieurin bereits.
Überschüssige Rohmilch verkauft Sebastian Gohr am Milchautomat direkt auf dem Hof.
Sowohl Monika als auch Sebastian halten die Solawi für ein Modell mit Zukunft. „Es wird immer Menschen geben, denen wichtig ist zu wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen“, sagt sie. „Und Landwirte, die keine optimierten Zuchtmaschinen in ihrem Stall haben wollen, sondern Lebewesen, denen es gut gehen soll“, fügt er hinzu. Bis 2003 gab es in Deutschland gerade mal drei Höfe, die nach diesem Prinzip wirtschafteten – unabhängig voneinander. Erst als sich 2011 das bundesweite Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gründete, nahm die Bewegung Fahrt auf. 2016 waren es bereits 100 Höfe, 2026 über 560. In der Metropolregion gibt es neben dem Markushof noch zwölf weitere Solawis in Heidelberg, Dossenheim, Weinheim, Mannheim, Schönbrunn, Viernheim, Biblis, Neustadt an der Weinstraße, Worms, Kandel, Schifferstadt und Rödersheim-Gronau. Alle mit einem anderen Schwerpunkt bei den Produkten, mit einer anderen Gemeinschaft, einer eigenen Art der Organisation.
Viele Solawis legen ihren Schwerpunkt auf den Gemüseanbau. Tierhaltung ist eher selten.
Bei der Solawi Rhein-Neckar berechnet die Finanzgruppe jedes Jahr gemeinsam mit dem Landwirt, wieviel Geld notwendig ist, um den Betrieb für ein Jahr zu sichern. Geteilt durch die Mitglieder ergibt das den Richtwert, der derzeit bei 160 Euro im Monat für einen Anteil liegt. Den tatsächlichen Beitrag legt jedes Mitglied in einer Bieterrunde für sich selbst fest – orientiert am Richtwert. „Wer kann, gibt mehr, um die zu unterstützen, die wenig haben.“ Auch halbe Anteile sind möglich. Hauptsache, am Ende ist der Gesamtbetrag gesichert. Falls dieser verfehlt wird, folgt eine weitere Bieterrunde.
Bald füllen sich diese Kisten mit Mehl und Brot, mit Milch und Quark oder Yoghurt, mit Kartoffeln und verschiedenem Gemüse. Einmal im Monat mit Eiern und ein paarmal im Jahr Fleisch und Apfelsaft.
Der Beitrag könnte auch niedriger ausfallen – wenn der Solawi weitere Mitglieder beitreten. „Wir könnten 230 Menschen versorgen“, stellt Monika klar. Mit Milchprodukten und etwa achtmal im Jahr mit Fleisch, mit Getreide und Brot, mit Kartoffeln, Eiern, Apfelsaft und saisonalem Gemüse – die alle etwas teurer sind als im Supermarkt. „Aber dort bekommt man nie so frische Produkte“, sagt sie. „Und so leckere“, sagt Irmela, die neben ihr gerade eine rote Zwiebel aus der Erde zieht. „Wirklich!“, beharrt sie. „Wenn ich diese Zwiebel später in den Salat schneide, dann bringt die richtig Geschmack mit. ‚So eine leckere Zwiebel!‘ – wer das noch nie gesagt hat, sollte mal eine von uns probieren!“
Irmela schwärmt vom intensiven Geschmack der Gemüsesorten, die hier in Maisbach wachsen.
Viele, die hier jeden Mittwoch auf dem Feld mithelfen, sind bereits im Ruhestand. „Wir haben mehr Zeit als die Familien mit Kindern, also können wir auch mehr anpacken“, sagt Peter. „Außerdem hält die Arbeit jung.“ Niemand muss sich einbringen, aber gewünscht ist es. Die Familien helfen oft, wenn die Äpfel und Birnen auf den Streuobstwiesen geerntet werden. Andere planen lieber oder holen auf dem Weg zur Arbeit die Kisten für die Mitglieder vom Hof ab und liefern sie in die verschiedenen Depots in der Umgebung. „Jeder bringt sich so ein, wie er kann“, sagt Monika. Und so schaffen es alle gemeinsam, im kleinen Rahmen, abseits des Marktes, nach eigenen Regeln zu wirtschaften. Mit einer Beziehung auf Augenhöhe zwischen Landwirt und Verbraucher:innen.
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