Im Museum Wagenschwend halten Friederike Kroitzsch und Gerhard Schäfer die Geschichte des Odenwald-Dorfes lebendig: Mit Liebe zum Detail, Respekt vor den Leistungen der hiesigen Landbevölkerung, kritischem Geschichtsbewusstsein und Offenheit für die Gegenwart.

Es geht hinunter in den Gewölbekeller. Vorbei an großen Fässern, Maschinen, Werkzeugen und Regalen voller Utensilien wie Töpfen, Steingut und Einmachgläsern – kurz: allerlei „altem Kram“. So haben es einige Menschen aus Wagenschwend zu Beginn, ein wenig spöttisch, zu Gerhard Schäfer gesagt, als es im ehemaligen Schul- und Rathaus, dem roten Sandsteingebäude in der Hauptstraße aus dem Jahr 1892, losging. Doch beirren ließ er sich nicht. Schnell fanden sich Mitstreiter*innen, die mit ihm einen Verein gründeten, um ein Heimatmuseum zu eröffnen: das Museum Wagenschwend, das MUWA.

Auch „alter Kram“ hat einiges zu erzählen, findet Gerhard Schäfer.

Wagenschwend ist ein 500-Seelen-Dorf, das zur Gemeinde Limbach gehört, ein paar Neubauten, ein paar alte Bauernhäuser, gelegen zwischen Wald und Streuobstwiesen, unweit der Stauferstadt Eberbach und des Katzenbuckels, der höchsten Erhebung des Odenwaldes. Ein Dorf, typisch für die Region und vielleicht gerade deshalb perfekt, um sie zu erkunden.

Im ehemaligen Schul- und Rathaus errichtete Schäfer Ende der 1990er ein Heimatmusem.

Gerhard Schäfer schreitet voran. Diese Tour – daran besteht kein Zweifel – hat er schon unzählige Male gemacht. Doch von mangelnder Leidenschaft keine Spur. Im Gegenteil: Hier kennt jemand sein Museum bis in den sprichwörtlich letzten Winkel, in dem die Führung beginnt. „Wir befinden uns im sogenannten Kitchen“, erklärt der Odenwälder. „Der Gefängniszelle des Rathauses.“ Doch die Entwarnung folgt sofort: „Über Insassen, die wirklich Schlimmes verbrochen haben, ist nichts überliefert. Es war eher eine Ausnüchterungszelle für Betrunkene, die in den Gasthäusern für Ärger sorgten.“ Schuld daran dürfte oft der beliebte Most gewesen sein, der aus Äpfeln gekeltert und in Fässern wie jenen am Kellereingang gelagert wurde. Für einen klaren Kopf sorgte vermutlich Wasser. Das konnte man durch eine Öffnung in der Wand den Trunkenbolden zukommen lassen. Die Durchreiche erinnert als einziges Relikt an die einstige Nutzung. Heute beherbergt die Zelle die örtliche Dorfschmiede. Mit Esse, Amboss und Werkzeugen wiederaufgebaut, bildet sie einen der handwerklichen Themenräume im Keller.

„Für viele sind diese Räume das Highlight“, erklärt Friederike Kroitzsch, die einige Zeit nach der Museumsgründung zum Verein hinzugestoßen ist. „Die Leute entdecken Dinge wieder, die sie von ihren Eltern und Großeltern kennen. Dies ruft Erinnerungen wach.“ Die Journalistin selbst blickt aus einer anderen Perspektive, vielmehr mit dem neugierigen Blick der „Zugezogenen“ auf die lokale Geschichte. Ihr Ankommen im Odenwald sei schwierig gewesen, erinnert sie sich. Obwohl die gebürtige Berlinerin Anschluss suchte, blieben die Einheimischen zunächst auf Distanz. „Ich habe schließlich verstanden, dass ich eine Region, in der ich heimisch werden will, nur verstehe, wenn ich mich mit ihrer Geschichte auseinandersetze.“

Die Leute entdecken Dinge wieder, die sie von ihren Eltern und Großeltern kennen. Dies ruft Erinnerungen wach

Friederike Kroitzsch

Also begann sie zu analysieren, wie sie es als Radio-Redakteurin gewohnt ist. Als vergleichsweise gut situiertes Großstadtkind aus einer Akademikerfamilie traf sie auf eine Gegend, die seit Jahrhunderten von bitterer Armut geprägt war. „In den 1850er-Jahren sind gut die Hälfte der damals 300 Einwohner aufgrund einer Hungersnot in die USA ausgewandert“, erklärt sie. Da lande man schnell beim Thema Wirtschaftsflüchtlinge, über das heute so viel geredet werde. „Man muss sich einmal bewusst machen: Solche Schicksale ziehen sich hier durch alle Familiengeschichten.“ Herauszoomen, die Gegenwart in der Geschichte aufspüren – dafür ist Friederike Kroitzsch prädestiniert.

Friederike Kroitzsch tauschte Hauptstadt gegen Landleben und taucht gern in die Geschichte ihrer neuen Heimat ein.

Auch wenn sie und Gerhard Schäfer auf den ersten Blick ungleich erscheinen, zeigt sich bei genauerem Hinsehen: Hier findet zusammen, was zusammengehört. Auf der einen Seite steht das Odenwälder Original und Wagenschwender Urgestein, 40 Jahre lang Dirigent des örtlichen Musikvereins und Rentner im Unruhestand. Doch sein Beruf als Händler für Friseurbedarf führte ihn einst in die ganze Welt.

Gerhard Schäfers früherer Beruf als Händler für Friseurbedarf spiegelt sich auch im Museum wider.

Auf der anderen Seite Friederike Kroitzsch: Mit feuerrotem Kurzhaarschnitt und markanter Reibeisenstimme fällt sie auf. Sie tauschte die Hauptstadt gegen das Landleben und war über 20 Jahre als Reporterin für den SWR im Odenwald unterwegs. Auf ihrem LandLebenBlog erzählt sie von ihrem Alltag zwischen der Faszination für die Schönheit der Natur vor der eigenen Haustür und dem Staunen über die Skurrilitäten des Landlebens.

Schön hier! In ihrem Blog dokumentiert Friederike Kroitzsch auch mal interessante Wolkenformationen. Bild: Kroitzsch

Gerhard Schäfer ist der Mann für die Details und kennt zu jedem Exponat eine spannende Geschichte. Friederike Kroitzsch ordnet ein und schlägt den Bogen von Wagenschwend zum Weltgeschehen. Für Gerhard Schäfer hatte alles mit einer Fotoausstellung begonnen, für die er alte Bilder aus dem Dorfleben zusammentrug. Friederike Kroitzsch versteht die Gründung des MUWA Ende der 1990er-Jahre auch als Zeitphänomen: „Helmut Kohl sprach damals vom Haus Europa.“ Das sei für viele Menschen zu weit weg, zu abstrakt gewesen, um sich damit zu identifizieren. Sie besannen sich wieder auf ihren eigenen Radius, ihre Heimat. „In dieser Zeit entstanden viele Dorf- und Geschichtsvereine, Regionalprogramme wurden ins Leben gerufen.“

Sie selbst haderte übrigens zu Beginn mit dem Heimatbegriff, zu sehr klang er für sie nach Kitsch und Geschichtsklitterung. Aber schnell war klar, dass das gar nichts mit dem Ansatz in Wagenschwend zu tun hatte. Als der Dritte im Bunde, der Filmemacher Lutz Berger, zum Leitungsteam hinzustieß, entstand das erste große gemeinsame Projekt: ein Kurzfilm über das Schicksal der polnischen Zwangsarbeiterin Hanka Szendzielarz, die im Februar 1945 bei einer Schießerei im Gasthaus „Zur Linde“ ums Leben kam. Die Recherchen ergaben, dass sie mit einem Mann verheiratet war, der in Polen als Nationalheld verehrt wird. Ihr Grab ist heute noch im Ort zu finden. Für den Film gab es den DigAMus-Publikumspreis, der herausragende digitale Projekte von Museen prämiert.

Welche Geschichten stecken hinter diesen Bildern? Immer wieder gehen die Museumsmacher:innen dieser Frage nach.

Digital geht mit Analogem im Museum Hand in Hand. Den Museumsrundgang gibt es ganz selbstverständlich auch virtuell. „Was wir vorher nicht ahnten: Die Leute kommen sogar deshalb ins Museum“, erklärt Friederike Kroitzsch. Wer die Exponate online gesehen habe, wolle sie oft erst recht vor Ort erleben. Eine feste Tradition ist inzwischen der Livestream zum Museumstag im Mai. Zusammen mit Gästen gibt es an diesem Tag ein mehrstündiges Programm, das auch im Internet mitzuverfolgen ist.

Einer von Gerhard Schäfers Lieblingsräumen im Museum: das Musikzimmer.

Im Keller führt der Rundgang von der Schmiede weiter zum Holzhandwerk: Küfer, Schreiner und Waldarbeiter sind mit ihren Sägen, Beilen und Hobeln vertreten. Dazwischen ein ungewöhnliches Werkzeug aus Eisen: der sogenannte Schinder. „Diesen nutzte man im Frühjahr, um die Rinde von Stockausschlägen der Eichen zu schälen“, erklärt Gerhard Schäfer. Die arme Landbevölkerung verdiente sich mit dem Verkauf der Rinde an Gerbereien ein Zubrot. Diese gewannen daraus Gerbsäure. „Damit war es vorbei, als die BASF den Stoff Anfang des 20. Jahrhunderts künstlich herstellte“, ergänzt die Journalistin. Im Raum für Küche und Kochen nimmt Gerhard Schäfer begeistert ein unscheinbares Körbchen in die Hand. „Das ist noch so toll erhalten! Ein über 150 Jahre altes Gärkörbchen aus Strohwülsten, die mit Weidenruten zusammengehalten werden.“

Über 150 Jahre alt, aber noch gut erhalten – Gerhard Schäfer schwärmt von seinen Exponaten.

Seine modernen Nachfolger kamen beim Brotbacktag zum Einsatz: Ein örtlicher Bäcker buk die Laibe nach traditioneller Art im Holzfeuerofen neben dem Museum. Auch Lesungen finden im Museum statt, im Oktober 2026 waren die Schriftstellerin Theresia Walser und der Autor Karl-Heinz Ott zu Gast. Möglich macht solch hohen Besuch ein ehemaliger Literaturprofessor, der für seinen Ruhestand in seinen Heimatort Wagenschwend zurückgekehrt ist und sich nun ebenfalls im Museum engagiert.

Kroitzsch und Schäfer im großen Saal, wo es im letzten Sonntag im Monat immer Kaffee und Kuchen gibt.

Die Lesung findet im großen Saal im Erdgeschoss statt, wo es neben solchen unregelmäßigen Veranstaltungen von März bis Oktober an jedem letzten Sonntag im Monat Kaffee und Kuchen gibt, bei schönem Wetter auch vor dem Museum. „Manche kommen nur dafür“, berichtet Gerhard Schäfer. „Wir verstehen uns auch als Treffpunkt“, ergänzt Friederike Kroitzsch. Mit den Führungen haben die beiden ohnehin alle Hände voll zu tun. Immer wieder staunen sie, aus welchen Entfernungen die Besucher*innen anreisen. „An manchen Tagen führen wir 60 Leute durchs Haus.“

An manchen Tagen führen die Vereinsmitglieder 60 Leute durchs Haus.

Das Haus hat übrigens noch zwei Obergeschosse. Dort liegen Gerhard Schäfers Lieblingsräume: die Barbierstube und das Musikzimmer, in denen der passionierte Sammler seine eigenen Schätze öffentlich zugänglich macht. Daneben gibt es eine Schusterwerkstatt, eine Amtsstube, einen Raum für ländliche Frömmigkeit, einen Saal zur römischen Geschichte und – damit begann alles – eine Steinsammlung.

Mit Steinen und Fossilien begann die Sammlung des Museums.

Friederike Kroitzsch gibt zu, dass sie persönlich wenig für die Steine übrig hat. Bei einer Führung mit Kindern zeigte sich jedoch, wie begeistert gerade die Jüngsten die Sammlung betrachten. Nur sind die Vitrinen für sie zu hoch. Das nächste Projekt steht also fest: kleine Bänke, die allen einen besseren Blick auf die Steine ermöglichen. Und wie oft trifft sich das Team zur Planung? Monatlich, wöchentlich? Die Museumsmacher verstehen die Frage zunächst gar nicht. „Ach, wir sind beinahe täglich in Kontakt“, sagt sie. Und er lacht zustimmend.


https://museum-wagenschwend.de/

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