Einst hatten die US-Streitkräfte hier einen Stützpunkt, heute ist aus dem Mannheimer Taylor-Areal ein Gewerbe- und Naherholungsgebiet mit vielen Freizeitmöglichkeiten geworden. Eine Attraktion ist die dortige Skateanlage, auf der Lars Herb Kinder und Jugendliche unterrichtet: In seinen Kursen lernen sie nicht nur manch coolen Trick, sondern auch Lektionen fürs Leben.

Heute steht der „Rock to Fakie“ auf dem Lehrplan. Umringt von seinen Skate-Schützlingen hat sich Lars Herb auf der einen Seite der Mini-Rampe positioniert und zeigt auf die gegenüberliegende Seite. Sieben Kinder, das jüngste gerade einmal vier Jahre, folgen ihm mit dem Blick. Dorthin und wieder zurück soll es nun auf dem Skateboard gehen – runter, hoch, runter und wieder hoch. Freiwillige zuerst. Der siebenjährige Niklas wagt sich vor, Lars nimmt ihn an beiden Händen, und sicher fährt er mit dem Board auf die andere Seite. Dort angekommen, will die Gewichtsverlagerung, die für die Rückfahrt nötig wäre, aber nicht gelingen. „Trau dich, du fällst nicht“, ruft Lars Herb. „Ich werfe dich notfalls über meine Schulter, wenn du ins Straucheln kommst.“

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Hier geht’s lang: Unser Video zeigt, wie die Kinder den „Rock to Fakie“ und andere Tricks meistern!

Es ist ein warmer Sommertag, aber der Himmel ist leicht bewölkt. Perfektes Wetter für den Skate-Kurs im Taylor-Park an diesem Samstagvormittag. Denn Schatten sucht man hier vergebens. Aber Skater*innen sind hart im Nehmen. Das wird schnell klar. Schürfwunden zieren schon die Knie von Tamina. Efgenij, sozusagen der Co-Trainer, Lars Kumpel, rechte Hand und „Herzstück“, wie er ihn nennt, hat ein paar Schrammen an der Schulter. Und das obwohl Knie- und Armschützer sowie Helme zumindest bei den Kindern zur Pflichtausstattung gehören. „Aber wir wollen sie auch nicht in Watte packen“, erklärt Lars Herb. Viel wichtiger sei es, die richtigen Falltechniken zu lernen, so dass keine größeren Verletzungen entstehen. Aber, die Schmerzen seien beim Fallen ohnehin meistens das kleinere Problem. „Es ist oft eher ein kurzer Schockmoment oder eine kleine Demütigung – das Gefühl, beim Fallen beobachtet worden zu sein –, das die Kinder beschäftigt.“

Niklas bleibt dran – und schafft am Ende auch den „Rock zu Fakie“.

Genau da wartet schon die erste wichtige Lektion: Immer einmal mehr aufstehen als hinfallen. Und: Üben, üben, üben. So lange, bis es klappt. Außerdem gehört zum Ehrenkodex: Sich gegenseitig motivieren. Immer wieder scheitert Niklas an der gegenüberliegenden Kante. Tamina und Findus spielen mittlerweile mit Efgenij Fangen – das heißt, er heizt auf seinem Board über die Anlage und die beiden rennen ihm wild schreiend hinterher –, da wird an der Mini-Rampe plötzlich gejubelt. Niklas hat den „Rock to Fakie“ geschafft! Und wir lernen eine weitere Lektion: Erfolge werden von allen gefeiert.

Das bestätigt auch Sascha. Er ist der Vater von Ella und Sam, die beide ebenfalls den Kurs besuchen. Über seine Kinder ist er mit über 40 Jahren zum Skaten gekommen und hat sich mit Lars und weiteren Vätern zur Gruppe der „Old School Daddys“ zusammengeschlossen, die sich ein- bis zweimal pro Woche auf Taylor treffen. „Das ist ein richtiger Hype bei uns, sobald du was stehst, wirst du gefeiert und darüber hinaus haben wir einen super Zusammenhalt“, erklärt Sascha, auf dessen Tanktop das Konterfei von Rambo prangt. Doch hier geht es nicht um Härte, Coolness ja, aber mit viel Gefühl und Einfühlungsvermögen. Statt von Angst spricht Lars lieber von Respekt, wenn es ums Erlernen eines neuen Tricks geht. „Es ist wichtig, wie wir mit uns selbst sprechen. Das kann unser Nervensystem extrem beeinflussen – positiv wie negativ.“

Die Anlage ist zum Üben bestens geeignet, weil die einzelnen Obstacles aufeinander aufbauen.

Lars Herb über die Skateanlage im Taylor-Park

Für ihn ist es am Wichtigsten, dass die Kinder Spaß haben und einen Raum bekommen, in dem sie ihrem Typ entsprechend Stück für Stück eigene Grenzen überwinden können. „Ein Junge ist sehr schüchtern und wollte nie irgendwo allein bleiben, mittlerweile ist er unser treuester Schüler.“ Auf den ersten Blick wird bei dieser wilden Bande schon deutlich, dass hier alle so sein dürfen, wie sie möchten: Taminas Helm hat Katzenohren, Findus seinen mit Stickern versehen. Alle haben ihre Boards beklebt oder bemalt, die Outfits sind bunt. Sicher auch inspiriert von ihrem Lehrer Lars, um dessen Hals eine Kette mit einem blauen Dino baumelt.

Beim Kurs ist immer eine helfende Hand da – oder zwei.

Nun ist Ella an der Reihe. Pinkes Trikot, beflockt mit ihrem Namen, wilde Mähne, brauner Surfertan und ultralässiges Auftreten. Etwas gequält bringt sie ihr Board auf der Kante in Position. „Ich schwöre, sie macht es freiwillig“, flüstert Lars Herb und grinst. Ganz souverän und ohne jede Hilfestellung cruised Ella mit fliegenden Locken auf die andere Seite der Mini-Rampe und – schwups – ist sie wieder zurück. Sie hüpft in einer fließenden Bewegung vom Board und lehnt es hochkant an ihr Bein. Eins mit Sternchen. Aber Noten gibt es hier nicht. Dafür anerkennende Rufe, Klatschen und selbst Ella kann ein stolzes Lächeln nicht unterdrücken.

Lässig unterwegs: Ella cruised über die Skateanlage.

Auch Lars hat sichtlich Spaß. „Ich hätte genau so ein Angebot in meiner Jugend gebraucht“. Als Hip-Hop-Fan und Sportass hatte er sich schon als Junge ein Skateboard gewünscht und auch bekommen. „Das war damals viel Geld für meine alleinerziehende Mutter“, erinnert sich Lars. „Aber beim Skaten bekommst du nichts geschenkt, und Erfolgserlebnisse lassen meist auf sich warten.“ Da er niemanden kannte, der skaten konnte, dachte er, die Bilder aus Magazinen und Videos seien Fantasieprodukte. Das Board wurde eingemottet. Stattdessen konzentrierte er sich aufs Judo, schaffte es auf Leistungsniveau und bis kurz vor den schwarzen Gürtel. Dann setzte eine Schulterverletzung mit mehreren OPs der Karriere mit Anfang 20 ein jähes Ende. „Das war eine sehr schwere Zeit für mich und ich habe viele Jahre und einige Verirrungen gebraucht, um wieder etwas zu finden, das mich erfüllt.“ 

Mit Spaß dabei: Lars bietet heute den Kurs an, den er sich als Kind selbst gewünscht hätte.

Im Jahr 2015, am Tag nach Heiligabend, kam die Wende. „Es war das Jahr, in dem wir am 24. Dezember 20 Grad hatten, da erlebte ich mein persönliches Weihnachtswunder“, sagt Lars und lacht. Am Abend zuvor war er mit seinen Kumpels feuchtfröhlich in einer Bar versackt, dennoch war er am ersten Weihnachtsfeiertag wieder voller Tatendrang. Also rief er einen Kumpel nach dem anderen an. Alle hatten denselben Plan für den Nachmittag und gaben ihm die gleiche Antwort: „Ich geh mit Özkan skaten.“ So verdonnerte Lars einen Kumpel, ihm ein Board mitzubringen und klinkte sich ein. „Und ja, was soll ich sagen? Mir gelang auf Anhieb ein Ollie und alle anderen verfluchten mich.“ Beim Ollie springt der Fahrer mit dem Brett, ohne den Einsatz der Hände, in die Luft. Der Trick ist sozusagen die Grundlage für nahezu alles im Street-Skating. So begann Lars Herbs Skatekarriere mit 23 Jahren. Mittlerweile ist ein Leben ohne das Skaten für ihn nicht mehr vorstellbar. „In meinem Beruf arbeite ich als Steuerfachangestellter, was ich auch sehr gerne mache. Aber als Ausgleich brauche ich den Sport, um meinen Bewegungsdrang zu stillen.“

Sportlicher Ausgleich: Nach einem Tag im Büro steigt Lars am liebsten auf sein Skateboard.

Neben der Skateanlage auf der Schönau ist der Taylor Park seine liebste Anlage. Lars ist in Viernheim in direkter Nachbarschaft aufgewachsen. „In meiner Jugend war das ganze Gelände hier streng abgeriegelt, wir waren immer neugierig, wie es hier so aussieht“, erinnert er sich. Bis ins Jahr 2011 dienten die Taylor Barracks in Mannheims Nordosten den US-Streitkräften als Depot und Werkstätten. Nach dem Abzug der Soldaten wurde das Areal zum grünen Gewerbe- und Naherholungsgebiet entwickelt. Wer sich bewegen oder entspannen möchte, ist hier im zehn Hektar großen Taylor Park richtig. Riesenschaukeln, Tischtennisanlagen, Basketballkörbe und ein kleines Amphitheater gehören ebenso dazu wie die „Conversio“-Skulptur des Künstlers Philipp Morlock. Eine ehemalige militärische Wellblechhütte, die wie ein riesiges Fernrohr auf einem Hügel steht.

Ein Fernrohr in die militärische Vergangenheit von Taylor: die „Conversio“-Skulptur von Philipp Morlock.

Lars‘ Highlight ist aber natürlich ganz klar die Skatanlage. Entwickelt mit Skater*innen, ist sie nicht nur für die Mannheimer Szene ein echtes Highlight. Auch von weiter her kommen Skater*innen in den Taylor-Park. Die circa 1.000 m² große Anlage besteht aus der genannten Miniramp und drei unterschiedlich großen Blasen, die miteinander verbunden sind. „Die Anlage ist zum Üben bestens geeignet, weil die einzelnen Obstacles aufeinander aufbauen“, erklärt Lars. „Du kannst erst einmal einen Trick an einem kleinen üben und dich, wenn es klappt, an das nächstgrößere wagen.“ Das Areal ist daher sowohl Anfänger*innen als auch für Fortgeschrittene interessant.

Die Skateanlage im Taylor-Park ist ideal für Anfänger:innen.

Nach etwa zwei Stunden und einer ausgiebigen Snackpause ist heute Schluss. Zum Abschied wechselt Lars mit den Eltern ein paar Worte. Felix, der mit Lars‘ Tochter in den Kindergarten geht und heute zum ersten Mal dabei war, wird von seiner Mama in Empfang genommen. Unbeirrt hat Felix heute in jeder ruhigen Minute das Skateboard mit dem Fuß einmal von der Kante auf die Rollen flippen lassen. Ein kleiner Trick für Anfänger*innen, erklärt Lars. Das Skatboard für die erste Stunde hat Lars ihm ausgeliehen. „Ich habe für solche Fälle einige Boards, Schoner, Helme vorrätig. Aber was den Helm angeht – da tut es auch ein Fahrradhelm.“

Gut ausgerüstet – Board, Schoner und Helm leiht Lars den Kids aber auch mal aus.

Am Ende ist nur noch Ella da, Lars wird ihr später noch einen Trick zeigen. Jetzt lässt sie ungeduldig einen Basketball dopsen. Wie kam er eigentlich zum Unterrichten? „Mein Freund Nico, der mittlerweile im Allgäu wohnt, hat hier mit den Kursen angefangen und mich mal gefragt, ob ich ihn bei einem Angebot für ein Familienfest unterstützen könnte“, erklärt Lars. Das habe sofort super geklappt. „Keine Ahnung, ich bin irgendwie so, Kinder und Tiere haben mich schon immer angenommen. Da stimmt einfach die Schwingung.“ Ella hat den Basketball nun zur Seite gelegt. Sie ist bereit, einen neuen Trick zu lernen. Oder es zumindest probieren. Wenn es heute nicht klappt, dann sicher beim nächsten Mal.


Mehr Infos gibt’s unter Lars Herbs Instagram-Account: https://www.instagram.com/skateschool.herb/

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