Der Heidelberger Beschwerdechor war 2014 beim Freiwilligentag der Metropolregion Rhein-Neckar entstanden. Seitdem singen Menschen mit und ohne Einschränkungen unter der Leitung von Bernhard Bentgens gegen Hürden und Vorurteile an – mit großer Lust am Lied und einer Portion Humor.

„Freunde der Gesangskunst, wir fangen an, schön, dass ihr da seid“, begrüßt Bernhard Bentgens siebzehn Männer und Frauen im denkmalgeschützten Bahnbetriebswerk in Heidelberg. Dort, wo jahrzehntelang Waggons repariert wurden, probt nun alle zwei Wochen dienstags von 18 bis 20 Uhr einer der vielleicht ungewöhnlichsten Ensembles der Metropolregion. Denn längst hat sich das einstige Industriegelände in ein Kreativ- und Veranstaltungsareal verwandelt, auf dem auch die Musik zuhause ist. Mittendrin: der Heidelberger Beschwerdechor. 


Entstanden war er im September 2014 am Freiwilligentag der Metropolregion Rhein-Neckar – ein Beirat der Stadt Heidelberg von Menschen mit Behinderungen hatte damals zu einem Workshop eingeladen, bei dem 30 Leute gemeinsam Texte zu Melodien entwickelten. Das Ende vom Lied? Ist nicht in Sicht! Denn seitdem „besingt“ der gemischte Laien-Chor humorvoll die alltäglichen Hindernisse, die Menschen mit Einschränkungen und Handicaps das Leben schwer machen. Beschwerdechöre gibt es in vielen Ländern, der erste wurde Mitte der 2000er Jahre in England gegründet. In Heidelberg ist aus dem spontanen Projekt eine feste Einrichtung geworden, ein gemeinnütziger Verein, dem inzwischen rund 40 Personen angehören. 

Gut aufgelegt: Chorleiter Bernhard Bentgens

Chorleiter ist Bernhard Bentgens. Bevor zum Aufwärmen die Sängerinnen und Sänger ihre Becken kreisen und mit „Hahaha-Hehehe“ die Stimmbänder dehnen, hat er noch eine Ankündigung zu machen: Es geht um einen Auftritt in der Heidelberger Hauptstraße. Susanne sagt: „Ich trau mich das nicht.“ Manfred schlägt vor: „Stell dich einfach ins Publikum und sing mit, dann wundern sich die Leute, warum du die Lieder so gut kannst.“ Alle lachen. Bernhard Bentgens will das Thema Inklusion sprichwörtlich auf die Straße bringen, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erregen: „Wir warten, bis die Leute stehen bleiben, und je mehr es sind, desto eher kommt die Polizei, darauf arbeiten wir hin.“ Wieder Gelächter. Bentgens stimmt am Klavier die ersten Töne an. „Hahaha-Hehehe“. Danach folgt das erste Lied. „Kommt ein Vogel geflogen…“, die ersten Strophen sind bekannt, doch in der dritten Strophe heißt es dann: „Bin behindert und glücklich. Bin behindert und froh. Bin behindert und glücklich. Ja das ist eben so.“

So ist das eben, wenn man weiß, was Einschränkungen bedeuten: Wenn man wie Hermann bei einer Gasexplosion im Haus mit Mitte 20 beide Beine und das Augenlicht verloren hat. Wenn man wie Moyu an Schizophrenie leidet. Wenn man wie Renate Osteoporose und Parkinson hat. Oder wenn man wie Sabine kleinwüchsig ist. „Ein Klo, ein Klo, wo ist ein Klo? Zeig mir schnell ein Rollstuhlklo, ich brauche es so“, singen die Männer und Frauen nach der Melodie von „Sexbomb“. Die Texte haben die Chormitglieder und Bernhard Bentgens selbst geschrieben. Thematisiert werden Herausforderungen wie unerreichbare Tomatendosen im Supermarktregel, Stufen und Kopfsteinpflaster, aber auch psychische Erkrankungen.  

„Psychisch krank, teil‘ dich mit, bleib‘ nicht allein. Depression darf nicht länger Stigma sein. Will nicht verstecken, wie ich wirklich bin. Akzeptanz ist für alle ein Gewinn, denn auch der Wahnsinn lebt und hat ’nen Sinn.“

Mit den Blockflöten, die beim Lied „Vorsicht Stufe“ zum Einsatz kommen, ist Bernhard Bentgens heute nicht einverstanden. „Ihr habt wunderschöne Flötenmusik gemacht“, sagt der Chorleiter. Der hagere Mann mit dem breiten Lächeln und den grauen Locken ist keiner, der mit der Faust auf den Tisch haut oder laut wird, wenn etwas nicht klappt. Er wird ironisch. Denn was er eigentlich sagen will, ist, dass die Blockflöten komplett daneben lagen. Also noch mal von vorne. 

Bernhard Bentgens ist Profi. 1956 geboren, wuchs er in einer streng katholischen Familie im Ruhrgebiet auf und studierte an der Folkwang Hochschule in Essen Kirchenmusik. „Das war die einzige Möglichkeit, meine Eltern von einem Musikstudium zu überzeugen.“ In seiner Familie hätte es keine Instrumente gegeben, aber ein Opern-Abo. Weil der Vater oft nicht mitwollte, habe er seine Mutter begleitet. Mit 14 sah er die „Elektra“ von Richard Strauss in der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg – ein einschneidendes Erlebnis. „Der Vorhang ging auf, und ich hatte zwei Stunden Gänsehaut“, erinnert er sich. Daraufhin bringt sich Bernhard Bentgens Instrumente selbst bei, erst die Gitarre, dann das Klavier. Die Gänsehaut wird zu seinem Leitmotiv. Er will wissen: „Wie schaffe ich es, mit Musik zu berühren, wie erreiche ich die Menschen emotional?“ Dafür probiert er viel aus, arbeitet am Mannheimer Nationaltheater und Heidelberger Stadttheater, ist freischaffender Komponist, tritt als Clown auf Festivals auf, arbeitet mit verschiedenen Orchestern zusammen, gründet mit seiner Frau eine Schule in Südhessen. 

Und er leitet Chöre, meist professionelle Gruppen. Doch was ihm wirklich Spaß mache, seien Laienensembles. „Die erreichen ihre Qualität dadurch, dass sie voll dahinterstehen“, sagt Bernhard Bentgens. Bei den Profis ist er als Dirigent der Chef, beim Beschwerdechor seien alle gleichwertig. „Es wird nicht von oben bestimmt, sondern die Verantwortung wird von allen getragen, der Chor erfindet sich selbst.“ Und das passe dann auch gut zum Thema Inklusion, findet Bentgens, der eine klare Meinung dazu hat, was in den Städten in dieser Hinsicht noch immer schiefläuft. „Es hat sich etwas getan, viele Städte haben inzwischen einen Inklusionsbeauftragten, aber das reicht noch nicht.“ Diese Kritik ohne erhobenen Zeigefinger und auf spaßige Art zu übermitteln, sei Ziel des Beschwerdechors. 

Aber das Ensemble ist auch für diejenigen da, die es bilden. Sabine etwa ist seit zehn Jahren dabei, ihr gefällt es hier, vor allem die verrückten Ideen von Bentgens. Als Kleinwüchsige sei sie schräge Blicke gewohnt, sie sagt aber auch: „Früher war das schlimmer, da war Kleinwuchs gleichbedeutend mit mangelnder Leistungsfähigkeit.“ Sabine hat Sozialarbeit studiert und arbeitet seit 30 Jahren im Heidelberger Selbsthilfebüro. Moyu leidet unter Schizophrenie, seit vielen Jahren schon; sie kann nachvollziehen, dass Menschen sie als schwierig empfinden, weil ihre Stimmungen schnell schwanken könnten. Trotzdem will sie normal behandelt werden, und sie will die gesellschaftliche Stigmatisierung psychischer Erkrankungen brechen. „Ich gehe offen mit meiner Erkrankung um und erfahre privat und am Arbeitsplatz viel Verständnis.“ Renate stieß am Freiwilligentag 2014 zum Chor und ist bis heute dabei. „Mit Begeisterung! Beim harmonisch miteinander Singen stößt mein Körper Glücksgefühle aus“, sagt sie.

Jetzt kommen die Regenschirme dran. Sie markieren das Schutzschild, das den Autisten fehlt. „Ich hab kein Schutzschild bekommen für diese Welt. Nur glaubt mir kein Mensch, wie viel ich wahrnehm’. Ich hab‘ kein Schutzschild bekommen für diese Welt. Alles bunt und stark und hell und ich soll mich benehm’“, singen die Mitglieder des Beschwerdechors und spannen bunte Regenschirme über sich auf. 2019 hat sich der Beschwerdechor ein offizielles Programm gegeben: „Circus Inclusioni“. Seitdem tragen alle Sänger:innen bei den Auftritten rote Zirkusdirektorjacken. Denn ihre Message ist: Unsere Themen sind ernst – darüber sollten wir lachen! Und lasst uns gemeinsam verschieden sein.

Mehr Infos zum Beschwerdechor gibt es hier.

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