Waltraud Kirsch-MayerSebastian Weindel

Wo die schnellen Pferde wohnen

Einst nahmen blaublütige „Rittmeister“ an hochdotierten Rennen in Mannheim teil. Noch heute ist die Faszination für die vollblütigen Vierbeiner ungebrochen. Denn die Waldrennbahn in Seckenheim knüpft an eine glanzvolle Galoppsport-Tradition an. Hinter der idyllischen Turfanlage bildet Marco Klein Galopper aus – in einem ungewöhnlichen Familienbetrieb.

Wenn früh morgens Hengste, Wallache und Stuten an den leeren Zuschauerreihen der Mannheimer Waldrennbahn vorbeistürmen, hält manchmal ein neugieriger Zaungast inne. Angesichts der Ruhe mag man kaum glauben, dass die Großstadt nur wenige Fahrminuten entfernt liegt. Füchse, Hasen und Rehe wagen sich dann aus dem Schutz der Bäume. Sie bleiben jedoch im angrenzenden Dossenwald verschwunden, wenn an fünf oder sechs Tagen während der Turfsaison von Mai bis Oktober tausende Menschen zu dem Geläuf strömen, um noble Vollblüter in Flach- oder Hindernisrennen zu bewundern.

Eine Idylle, nur wenige Fahrminuten von der Großstadt entfernt: Training hinter der Mannheimer Waldrennbahn.

Gleich hinter der Mannheimer Turfanlage betreibt Marco Klein einen Rennstall. Und auch wenn es kurios klingen mag – bei einem Galopprennen im Sattel gesessen hat er noch nie. Dafür weiß er ziemlich genau, wie Vollblüter darauf vorbereitet werden: „Dass sechs Jahre nach Betriebsgründung in meinem Stall 32 mir anvertraute Pferde stehen, das hat wohl niemand gedacht – auch ich nicht“, erzählt der einstige Berufssoldat, der drei Einsätze in Afghanistan hatte. Die hätten ihn gelehrt, selbst in größter Anspannung  gelassen zu bleiben. „Ich habe lange mit mir gerungen, meine sichere Rettungssanitäter-Position aufzugeben.“ 2015 beschloss die  Viernheimer Familie dann aber einstimmig, sein Rennstall-Projekt zu unterstützen – seitdem packen sein Vater, sein Lebensgefährte, seine Schwester und Mutter mit an. Schon davor hatte Marco Klein berufsbegleitende Lehrgänge zum Pferdewirtschaftsmeister absolviert. Als lizenzierter Profi-Trainer machte er dann sein Hobby zum Beruf.

Machte 2015 als lizenzierter Profi-Trainer sein Hobby zum Beruf: Marco Klein.

„Vollblüter sind keine hochgezüchteten  Rennmaschinen, sondern Wesen mit eigenem Willen“, sagt Klein. Daher sei es so wichtig, bei jedem seiner Gast-Vierbeiner Temperament   und Talent, Bedürfnisse und Besonderheiten zu erkennen. Er habe schon Galopper erlebt, die beim Gruppen-Training in Seckenheim keinerlei Lust zeigen, sich anzustrengen, aber bei Wettkampfatmosphäre auf gleichem Areal „explodieren“. Manche Vollblüter seien wie Theaterschauspieler, die Publikum brauchen. „Die Pferde spüren auch sehr genau, wenn ein Rennen schief gelaufen ist – was auch an taktischen Fehlern des Reiters liegen kann“, sagt Klein. Deshalb hole er jedes von ihm betreute Pferd, ob nach Sieg oder Niederlage, direkt vom Geläuf ab. Mit Halstätscheln. Das gehört für ihn dazu.

Vor dem Ersten Weltkrieg strömten einst tausende Menschen auf die damaligen Rennwiesen unterhalb des heutigen Fernmeldeturms (sie gehören heute zum Mannheimer Luisenpark). Schaulustige aus allen Bevölkerungsschichten: Bürger genauso wie großherzogliche Hoheiten, Fürstinnen und Prinzen. Schließlich war das Freiluft-Spektakel, das der 1868 gegründete Badische Rennverein zu bieten hatte, Jahrzehnte konkurrenzlos. Nicht der Fußball war damals die Sportart Nummer eins – sondern das Pferderennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es für den Badischen Rennverein aber zunächst schwierig: Die Rennplatz-Tribüne war weitgehend von Bomben zerstört worden. Zudem hatte die Stadt mit ihrem verpachteten Areal andere Pläne. Eine Fusion mit dem Pferdezucht- und Rennverein Seckenheim, der 1969 seine Waldrennbahn (die schon bald gemeinsam ausgebaut wurde) einbrachte, rettete die Zukunft des Galoppsports in Mannheim.

“Das Stallgeschäft bedeutet Teamarbei”

Marco Klein weiß natürlich um die glanzvollen Anfänge, als Jockeys noch Herrenreiter hießen und als Schwergewichte (deutlich über der heutigen 55-Kilo-Höchstgrenze) in den Sattel stiegen. Auch der Rennstall-Betreiber ist ständig auf Trab: Ob er die auf jeden Vollblüter  zugeschnittenen Futterpläne überprüft, die morgendlichen Trainingsgruppen festlegt, mit dem angereisten Schmied bespricht, welches Pferd wie beschlagen werden soll – zwischendurch klingelt sein Handy. Schließlich gilt es mit den Pferdebesitzern über das Training, anstehende Starts oder eventuelle  gesundheitliche Probleme zu sprechen.

Kaum vorstellbar: Marlene Klein hatte früher Angst vor Pferden.

Das Stallgeschäft bedeutet Teamarbeit – bei dem alle mit anpacken. Wenn morgens gegen sechs die Nobelvierbeiner erwartungsvoll in ihren Boxen die Hälse recken und freudig wiehern, dann begrüßen sie Marlene Klein. Sie kommt als Erste in den Stall – mit Hafer und Spezialmüsli. „Früher hatte ich vor Pferden Angst“, verrät die Mutter des Rennstall-Besitzers. Längst begnügt sich die gelernte Fleischfachverkäuferin, die lange in der vom Großvater gegründeten Familien-Metzgerei mitarbeitete, nicht mehr damit, die schon abends vorbereiteten Futterrationen in den Trog zu schütten. „Ganz wichtig ist das morgendliche Dessert!“ Damit meint sie die Karotten, die sie aus der Hand reicht.

Auch Katrin Klein begann sich erst allmählich für Pferde zu begeistern.

Gegen sieben Uhr kommt ihre Tochter Katrin in den Stall. Die junge Immobilienkauffrau mistet Boxen aus, putzt die Pferde – bevor sie sich zu ihrem Brotberuf in einer Verwaltungsfirma aufmacht. Ursprünglich hatte Katrin Klein auf eine Tenniskarriere gehofft – bis eine Handverletzung den Traum zunichte machte. Für Pferde begann sie sich erst allmählich zu begeistern, auch weil ihr Bruder Marco zum Abitur einen Hengst schenkte. Sie organisiert während der Saison die Transporte, packt die Sattelkiste, kümmert sich auf fremden Bahnen um die stalleigenen Pferde. Und wenn der aufstrebende Stalljockey Tommaso Scardino startet, hat sie Herzklopfen – die beiden sind ein Paar. „Der Schritt nach Mannheim zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens“, bekannte kürzlich der aus einer Galopprennsport-Familie in Pisa stammende Italiener in einem Interview mit dem Magazin „Galopp Online“.

Ein eingespieltes Team: Katrin Klein und Tommaso Scardino.

Marco Klein legt fest, welcher der fünf angestellten Reiterinnen und Reiter morgens welches Pferd in welcher Gruppe in was für einem Tempo bewegt. Mit kritischem Blick verfolgt er, wie es mit der Kondition, der Galopptechnik und der Lauffreude seiner Schützlinge bestellt ist. Sein Credo: Fördern, ja herausfordern, aber nicht überfordern – insbesondere die Nachwuchstalente. „Bei allen unseren Zweijährigen werden die Wachstumsfugen geröntgt, um zu wissen, ob die körperliche Entwicklung abgeschlossen ist.“ Ohne sich zu rühren, fast einem Standbild gleich stehen die verschwitzten Nobelvierbeiner auf dem Abspritzplatz, wenn sie nach dem Training eine Dusche aus dem Wasserschlauch bekommen.

Wer Volker Klein anschließend dabei beobachtet, wie er mit der Gabel schwungvoll Heu aufwirft, das er vorher befeuchtet hat – „damit es nicht so staubt und besser verdaulich ist“ -, käme nie auf die Idee, dass sich der Mann in Jeans und buntem Hemd tagsüber mit Fragen der Sicherheit, des Verkehrs und mit Bußgeldern beschäftigt. Das Anpacken im Rennstall des Sohnes sieht der Leiter des Viernheimer  Ordnungsamtes als „schönen Ausgleich“. In seiner Freizeit hat er die Rolle des Futtermeisters übernommen. Und wenn Sohn Marco am Wochenende mit Pferden zu Rennen reist, dann nimmt er im heimischen Stall die Zügel in die Hand. Schließlich hat Volker Klein bereits als  Jugendlicher in Viernheim Renngalopper geritten und war sogar bei einem Nachwuchswettbewerb auf der Seckenheimer Bahn gestartet.

Vater Volker Klein hat bereits als Jugendlicher in Viernheim Renngalopper geritten.

„Das Virus Pferdebegeisterung hat mich schon als Kind erfasst“, sagt Marco Klein, der immer wieder betont: Ohne die Familie hätte sein Rennstall-Projekt keine Chance gehabt. „Auch mein Partner unterstützt mich von Anfang an.“ Allerdings reite der Lebensgefährte nach einem schweren Sturz nicht mehr beim Training mit – „aber dafür hält er mir in vielem den Rücken frei“. Schließlich ist das Betreiben eines Profi-Rennstalles ein Vollzeitjob. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.


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