Das Fahrrad-Kollektiv

Basement Bikes in Mannheim ist eine Anlaufstelle für alle, die auf zwei Rädern unterwegs sind. Egal wie groß das Budget, wie alt und klapprig das Fahrrad oder wie dürftig die eigenen Reparaturkenntnisse. Dann geben die vier Inhaber auch gerne Hilfe zur Selbsthilfe. Weil ihnen ein Miteinander viel wichtiger ist, als das große Geschäft.

Sami flucht vor sich hin. Sein Hinterrad hat sich verhakt, er bekommt es nicht ab. Er rüttelt daran, aber es tut sich nichts. Hannes Stockmar beobachtet die Szene und wartet kurz. Als er merkt, dass Sami nicht vorwärts kommt, geht er zu ihm und zeigt ihm, wo er anpacken muss. „Ah“, sagt Sami und hält wenig später das Rad in der Hand. Nun kommt er endlich an das Schutzblech, das schon so lange klappert und bringt mit Hilfe von Sunny eine neue Schraube an.

Schrauben, reparieren, reden: Jeden Mittwoch tritt sich die Fahrradgruppe.

Sami und Sunny sind Mitglieder der Fahrradgruppe, die immer mittwochs die Werkstatt von Basement Bikes in Beschlag nimmt. Die sieben Jugendlichen schrauben an ihren eigenen Rädern, wenn die mal wieder einen Platten haben, die Kette durchhängt oder das Schutzblech klappert. Sie machen aber auch gebrauchte Räder wieder fit. „Das sind oft Spenden – wir reparieren sie und geben die dann an bedürftige Familien weiter“, erklärt Hannes, einer der Inhaber von Basement Bikes. Gemeinsam mit Jakob Rehfeld von der AFGJ Familienhilfe-Stiftung leitet er die Fahrradgruppe, an der Jugendliche teilnehmen können, die von der Familienhilfe begleitet werden.

Die Küche: Guter Kaffee ist für Nico, Hannes, Manuel und Arne (von links) fast so wichtig wie Fahrräder.

Es ist eines von vielen Projekten des umtriebigen Fahrradladens im Mannheimer Jungbusch. Die Inhaber sind neben Sozialpädagoge Hannes Stockmar auch Manuel Wilke, studierter Psychologe, Sozialarbeiter Arne Große Hülsewiesche und Nico Netzer, ausgebildeter Zweiradmechaniker. Alles fing – wie der Name noch erzählt – in einem Keller an. In dem Nico zunächst selbst vor sich hin schraubte. Damals arbeitete er noch in einem Laden, der Motorräder umrüstete. Doch dieser ging pleite und er war erstmal arbeitslos. „Ich hab im Arbeitsamt dann gefragt, was ich tun muss, damit sie keine nervigen Briefe mehr schreiben“, erzählt Nico und lacht. Die Antwortet lautete: selbstständig machen. „Da dacht‘ ich: Gut, schraube ich eben auch für andere, Fahrräder fand ich sowieso viel cooler.“ Und 2009 gründete er Basement Bikes.

Das Geschäft lief gut, der Laden trug sich schnell selbst und Nico wollte raus aus seinem Keller. Er wurde schließlich fündig, nur ein paar Hinterhöfe weiter in der Werftstraße. Einige Jahre später lernte er Hannes beim Bike-Polo kennen. Dieser studierte gerade Sozialarbeit und Nico fragte ihn, ob er nicht in seinem Laden mitschrauben will. Hannes wollte, arbeitete neben seinem Studium bei Basement Bikes. „Und irgendwie wurde es dann immer mehr.“ Schließlich beschloss er, ganz einzusteigen und die soziale Arbeit mit dem Schrauben zu verknüpfen. „Besser geht’s nicht“, sagt er und grinst.

Wir nehmen uns Zeit, gemeinsam eine Lösung zu finden, mit der dann auch die Kunden zufrieden sind

Nico Netzer

Seit 2014 gibt es die Fahrradgruppe, die Materialien dafür werden über Spenden finanziert. Eigentlich sind es sogar zwei Gruppen, die mittwochs nacheinander kommen. Und die Jungs kommen gerne. Zu Beginn spielen sie mit den Gruppenleitern erstmal eine Runde Fußball auf dem Dach der Jungbuschhalle gegenüber, reden mit ihnen auch mal über andere Themen als Fahrräder und lernen nebenbei etwas ganz Lebenspraktisches – von dem auch andere Menschen profitieren. Ein gutes Gefühl sei das, sagt Andrei. „Wenn das dann funktioniert, was man selbst repariert hat.“ Genau darum geht es Hannes. Den Jugendlichen etwas mitzugeben, dass sie kleine Erfolgserlebnisse mit nach Hause nehmen, Selbstwirksamkeit erfahren.

Repariert und funktioniert: Die Jugendlichen nehmen kleine Erfolgserlebnisse mit nach Hause.

Ums Selbstmachen geht es viel bei Basement Bikes. Jeden Donnerstagnachmittag ist Do-It-Yourself-Tag, bei dem alle, die an ihrem Rad schrauben möchten, einen Werkstattplatz mieten können. Inklusive Werkzeug und professioneller Anleitung. Regelmäßig führen sie im Auftrag der Stadt oder von Privatfirmen kostenlose Fahrradchecks durch. Auch Workshops bieten die Inhaber an, zu speziellen Themen wie Bremsen und Schaltung oder die Teilnehmer:innen bauen gleich ihr eigenes Laufrad. Auf die Frage, wer in ihren Laden kommt, fällt die Antwort eindeutig aus: „Alle!“ Jeder und jede ist willkommen, egal wie groß das Budget, wie alt und klapprig das Fahrrad oder wie dürftig die eigenen Reparaturkenntnisse sind. „Wir kennen das ja selbst als Fahrradfahrer – wenn man in einen Laden geht und man hat das Gefühl, da will jemand nur was verkaufen“, erzählt Arne. In ihrem eigenen Geschäft wollten sie es unbedingt anders machen, ehrlich und undogmatisch beraten.

Unterstützung bekommen hier alle – egal wie groß die Fahrradexpertise.

Arne ist seit 2013 im Team und wie Hannes Sozialarbeiter. Sie kennen sich schon länger. „Ich habe zuhause schon immer geschraubt. Hannes hat mich dann mal gefragt, ob ich nicht Bock hätte, hier einzusteigen – wenig später war ich dabei.“ Und Arne wiederum kannte Manuel, der neben seinem Psychologie-Studium eine Fahrradwerkstatt für Geflüchtete leitete und als dieser mal andeutete, dass er sich durchaus vorstellen kann, bei Basement Bikes mitzuwerkeln, zögerten die anderen nicht lange. Seitdem sind sie zu viert. Einen Chef gibt es nicht, seit 2018 sind alle vier gleichberechtigte Partner. Zweimal in der Woche packt dazu noch Mitarbeiter Cihan Ilhanli an.

Hereinspaziert!

Die Holztür zur Werkstatt knarzt, wenn sie sich öffnet. Überall stehen Fahrräder. Neue, alte, ganze, halb auseinandergebaute. Die Backsteinwände sind nur grob verputzt. In der Werkstatt hängen Reifen von der Decke und Fahrradgabeln von den Wänden, überall liegt Werkzeug, alles ist wohl sortiert vollgestopft. Und dennoch sind die Räume urgemütlich. Neben dem Verkaufstresen liegt eine Sofaecke, über der eine selbstgebastelte Lampe mit Hängepflanzen schwebt. In der Ecke bollert ein Holzofen, noch ist es kühl morgens und eine Heizung gibt es hier im Hinterhof nicht. Ein Treffpunkt für den Jungbusch, für Kund:innen ebenso wie für Leute, die einfach nur mal für einen Plausch vorbeikommen.

Seit einigen Jahren verkauft Basement Bikes auch neue Fahrräder. Im Gegensatz zu den gebrauchten sind diese allerdings eher höherpreisig. „Wir wollten auf keinen Fall Billigräder verkaufen, die nach zwei Saisons durch sind“, erklärt Nico. Nachhaltigkeit ist allen vier ein Anliegen. „Die Fahrräder, die es hier gibt, sind wirklich langlebig.“ Sie haben ein kleines Sortiment an Kinder- und Lastenfahrrädern, es gibt Rennräder, E-Bikes und auf Wunsch auch maßgefertigte Einzelstücke. „Wir bauen Fahrräder auch ganz individuell auf, zugeschnitten auf die jeweiligen Ansprüche – egal ob neu oder gebraucht“, erklärt Manuel. Und wer ein Ersatzteil für ein geliebtes Erbstück sucht, ist bei Basement Bikes ebenfalls an der richtigen Adresse. „Wir versuchen immer, alles möglich zu machen“, sagt Arne.

In dieser Werkstatt wird auch (fast) Unmögliches möglich gemacht.

Ihre Öffnungszeiten haben sie mittlerweile auf zwei Tage in der Woche reduziert. „Sonst kommen wir nicht mehr zum Schrauben“, erzählt Manuel. Vor allem im März und April, sobald die Frühlingssonne herauskommt, brummt der Laden. Pro Öffnungstag kommen dann über 20 neue Aufträge rein. Der Hof steht eigentlich immer voll, Kund:innen müssen dann durchaus mal Geduld mitbringen. Eine Schnellabfertigung gibt es bei Basement Bikes nicht – darauf hat auch keiner der vier Lust. „Lieber nehmen wir uns mehr Zeit, gemeinsam eine Lösung zu finden, mit der dann auch die Kunden zufrieden sind“, sagt Nico. Und die anderen nicken zustimmend. Ein Fahrrad-Kollektiv, das nichts lieber macht, als andere Menschen fürs Fahrradfahren zu begeistern. 


www.basementbikes.de

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