Film ab im „Olympia“

In Hirschberg-Leutershausen haben Bürger ihr altes Dorfkino vor dem Untergang bewahrt – mit großem Engagement und viel Liebe zum Detail. Ein Ort nicht nur für Nostalgiker.

Als Jugendliche musste sich Renate Keppler-Götz am Sonntagnachmittag zu Hause um den Abwasch kümmern. Dann lief sie los, pünktlich um 14 Uhr wollte sie im Kino sein. Oft blieb ihr nur der harte Klappsitz am Ende der Reihe. Doch auch von dort konnte sie wunderbar eintauchen in die Welt der Indianer und Cowboys, die der Projektor an die Leinwand warf. Die Winnetou-Filme brachten den Wilden Westen an die Bergstraße.

Seit Jahrzehnten ihrem Kino treu: Wiebke Dau-Schmidt (links) und Renate Keppler-Götz, Vorsitzende des Förderkreises Olympia-Kino.

Wäre in Hirschberg alles so gelaufen wie in vielen anderen Kleinstädten, gäbe es dieses Lichtspielhaus heute nicht mehr. 1952 wurde das „Olympia“-Kino im heutigen Ortsteil Leutershausen eröffnet – ein „zweckmäßiger Neubau“, wie die Presse damals notierte. Doch das Lichtspieltheater mauserte sich zu einer kleinen Institution. Es prägte eine ganze Generation von Filmliebhabern, in den hinteren Reihen des „Gestühls“ wurde der emotionale Grundstein gelegt für viele Liebschaften und so manche langanhaltende Ehe.

Das Olympia ist eines der letzten Dorfkinos der Region.

Die Front des geduckten Gebäudes in der Hölderlinstraße ist heute tiefblau, über der Tür leuchtet „Olympia“ in geschwungener Schrift. Tickets kaufen die Besucher wie früher am Schalter im kleinen Vorraum, nebenan gibt es Popcorn aus der Maschine, geradeaus geht es in den Kinosaal. Dort stehen Wiebke Dau-Schmidt und Renate Keppler-Götz – hinter ihnen der schwere, rote Vorhang, der die Leinwand verdeckt, vor ihnen die Reihen mit den breiten roten Sesseln. Die alten Wandlampen tauchen den Raum in ein warmes Licht. Seinen Charme hat der Saal nicht verloren, auch wenn in der Geschichte des Kinos immer wieder kleinere Umbauten nötig waren. Die Bespannungen der Wände sind inzwischen aus schwer entflammbarem Stoff – der Brandschutz wollte es so. Die alten Plastiksitze aus der Jugendzeit von Renate Keppler-Götz sind gemütlicheren Sesseln gewichen. Mit weichem Bezug und reichlich Beinfreiheit.

Dass hier immer noch Filme laufen, ist das Verdienst der beiden Frauen. In den 1990er Jahren war die Institution in die Krise gerutscht, viele Besucher suchten damals lieber das ganz große Filmerlebnis in den neueröffneten Multiplex-Häusern. „Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir die Einzigen waren, die das Kino klasse finden“, erzählt Wiebke Dau-Schmidt. Sie war der Liebe wegen aus Schleswig-Holstein an die Bergstraße gezogen und begeistert von Leutershausen – diesem Dorf, in dem so viel passierte. 1997 gehörte sie so zu den Gründern des Förderkreises Olympia-Kino, der 2000 zum Verein wurde. Die Mitglieder stellten eine Unterschriftenaktion auf die Beine, sammelten Spenden, ließen Programmflyer drucken, organisierten Kleinkunst-Veranstaltungen. So kamen wieder mehr Menschen ins „Olympia“. Doch als ein neuer Betreiber das Filmprogramm umstellte, sanken die Besucherzahlen erneut, trotz aller Erfolge stand das Kino 2007 wieder vor dem Aus. Dann folgte der letzte, nur konsequente Schritt: Der Verein übernahm den Betrieb.

Plötzlich Filmbetreiberinnen: „Das ist ein bisschen wie beim ersten Kind“

Wiebke Dau-Schmidt und Renate Keppler-Götz mussten dafür den Sprung ins kalte Wasser wagen: Plötzlich führten sie einen Filmbetrieb. „Das ist ein bisschen wie beim ersten Kind“, sagt Renate Keppler-Götz. „Da weiß man auch nicht so richtig, was auf einen zukommt.“ Zum Glück konnte und kann sich der Förderkreis auf die technische Expertise von erfahrenen Filmvorführern verlassen – und auf die Unterstützung der Mitglieder. Ehrenamtliche Helfer übernehmen Kassendienste, verteilen Programme, gestalten Plakate. Können die Einnahmen aus den Ticketverkäufen die Kosten nicht decken, greift der Förderkreis auf die Mitgliedsbeiträge zurück. Auch die Gemeinde würde dem Kino in einer Notlage unter die Arme greifen.

Regelmäßig finden im Kino Stummfilmvorführungen statt, dazu improvisiert der Hirschberger Pianist Jens Schlichting.

6,50 Euro kostet eine Eintrittskarte für Erwachsene, Kinder zahlen 3,50 Euro. Die Hirschberger wissen, was sie an ihrer Kulturinstitution haben: Manchmal sitzen nur eine Handvoll Besucher im Saal, manchmal sind alle 130 Plätze besetzt. Pro Jahr zählt das Kino rund 21.000 Gäste. Beliebt sind gerade Veranstaltungen, bei denen es mehr gibt als den reinen Film. Beim „Schlemmerkino“ werden Besuchern vor der Vorführung ein mehrgängiges Menü und Musik serviert. Beim Nachmittagskino gibt es zum Film Kaffee und Kuchen. Und bei den regelmäßig stattfindenden Stummfilmvorführungen improvisiert der Hirschberger Pianist Jens Schlichting auf der kleinen Bühne neben der Leinwand – einmal, bei „Frau im Mond“ von Fritz Lang, mehr als drei Stunden lang. Alle zwei Monate nutzt der Förderkreis das „Olympia“ auch für eine Kleinkunstreihe ganz ohne Filme – dafür mit Auftritten von Kabarettisten, Jazz-Musikern oder Chanson-Künstlern. „Wir machen viele schöne Dinge, weil es uns Spaß macht, das Kino zu erhalten“, sagt Renate Keppler-Götz.

Früher Lehrerinnen, heute Kinobetreiberinnen: Renate Keppler-Götz (links) und Wiebke Dau-Schmidt.

Die gelernte Gymnastiklehrerin hat ihren Beruf nach der Geburt ihres dritten Kindes aufgegeben und widmet sich seitdem ihrer großen Leidenschaft: dem Kino. Genau wie Wiebke Dau-Schmidt, die bis zu ihrer Pensionierung Gymnasiallehrerin war. Die beiden Vorsitzenden des Förderkreises kümmern sich auch um die Filmauswahl. Man wolle kein 08/15-Programm, sagt Wiebke Dau-Schmidt. Vereinzelte Blockbuster wie „Fack ju Göhte“ laufen in Hirschberg genau wie Filmklassiker. Insgesamt orientieren sich die beiden Frauen aber an Programmkinos. „Wir lassen uns da auch ein bisschen von unseren persönlichen Vorlieben leiten.“

In Hirschberg sind Filme nicht direkt zum bundesweiten Start zu sehen, sondern mit etwas Verspätung. „Wir dümpeln da ein bisschen hinterher“, sagt Wiebke Dau-Schmidt. Das hat den Vorteil, dass die Hirschberger sich anschauen können, was zuvor andernorts gut beim Publikum angekommen ist. Und wer einen Streifen in anderen Kinos verpasst hat, wird danach an der Bergstraße noch fündig.

Renate Keppler-Götz vor dem alten, grau-grünen Projektor. Gebraucht wird er allerdings nicht mehr.

Manchmal werfen Besucher auch einen Blick in den kleinen Technikraum. Dort stehen noch der alte, grau-grüne Projektor und die große runde Tellermaschine, auf der früher die riesigen Filmrollen lagen, die Vorführer mussten sie zuvor am Spultisch in aufwendiger Handarbeit aus mehreren kleinen Rollen zusammenkleben. Gebraucht werden sie nicht mehr. Heute kommen die Filme auf großen Festplatten nach Hirschberg – oder sie werden gleich über das Internet eingespielt. Von den alten Geräten will man sich im Olympia-Kino trotzdem nicht trennen, schließlich haben sie die Geschichte dieses Ortes mitgeprägt.

Heute kommen die Filme auf großen Festplatten nach Hirschberg.

Und wie sieht die Zukunft aus? Gerade in einer Zeit, in der sich Zuschauer über Streaming-Dienste eine riesige Auswahl an Filmen und Serien direkt ins heimische Wohnzimmer holen können? „Die Leute wollen sich treffen und die Gemeinsamkeit erleben“, sagt Wiebke Dau-Schmidt. „Wir hoffen, dass das so bleibt.“


www.olympia-leutershausen.de