Klettern durch die Erdgeschichte

Auf dem Weg in den Neckar hat der kleine Flursbach eine beeindruckende Schlucht in den Odenwald gegraben. Die Margaretenschlucht bei Neckargerach ist eine ganz eigene Welt, in der Wasser in acht Stufen in die Tiefe fällt und ein Wanderweg alpin bergauf geht. Auf Entdeckungstour mit Geopark-Rangerin Melanie Meier zu einem Naturerlebnis für die ganze Familie.

Der Szenenwechsel kommt abrupt. Vom warmen, fast mediterranen Neckarsteig, auf den die Sonne brennt und Robinien und Goldruten wachsen. Pflanzen, die eigentlich gar nicht hier heimisch sind, sich aber an den sonnenbeschienenen Hängen des Neckartals ausgesprochen wohl fühlen. Doch sobald sich der Weg vom Neckar abwendet, taucht er ein in eine andere Welt. Die ursprünglicher ist, dunkler und wilder.

Ein Ort zum Durchatmen: Das ist die Margaretenschlucht für Melanie Meier.

Wie Mauern bauen sich die Steilwände der Margaretenschlucht vor den Wanderern auf. Die Luft ist  feucht und kühl. Melanie Meier lächelt leise, als ihre großen und kleinen Gäste innehalten, tief einatmen und mit den Blicken die Wände der Schlucht abwandern. Sie ist Rangerin im Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald und es zieht sie immer wieder hierher. „Es ist eine Oase“, sagt sie. „Selbst im Hochsommer ist es hier immer angenehm kühl.“

Doch ihre liebste Jahreszeit ist der Herbst. Wenn es ruhig wird in der Schlucht, weniger Besucher kommen und die Biologin ganz ungestört die Feuersalamander beobachten kann, die hier am Flursbach leben. „Oder der Winter – wenn die Wasserfälle gefrieren. Das ist unglaublich beeindruckend!“ Und im Frühling, wenn die Wasserfälle nicht nur tröpfeln, sondern ihr Rauschen die ganze Schlucht erfüllt, steht sie am liebsten einfach nur da und genießt die naturgewaltige Geräuschkulisse. Melanie Meier stutzt kurz, dann lacht sie. „Es lohnt sich einfach immer.“

Finden auch Frederik Fisch, Marlene Maus und Mika Mistkäfer, die sich zu Beginn der Wanderung Namen heimischer Tiere ausgesucht haben. Sie sind vier, fünf und sechs Jahre alt und ihren Eltern weit voraus. Sie klettern schon über die erste Kaskade, während die Erwachsenen gerade den ersten Anstieg meistern. Doch an der ersten Stufe des Wasserfalls halten auch sie inne. Denn auch wenn der Flursbach heute wenig Wasser führt und eher tröpfelt statt fließt, hat der Anblick etwas Magisches. Farne wachsen aus Felsspalten, am dunkelgrünen Moos funkeln die Wassertropfen und davor haben Besucher Buntsandsteine zu kleinen Türmen gestapelt.

Über Jahrtausende hat der kleine Flursbach die Schlucht in den Buntsandstein des Gickelbergs gegraben. Gerade einmal 300 Meter lang ist der Hauptteil der Margaretenschlucht und auf dieser Strecke fällt der Flursbach insgesamt 110 Meter in die Tiefe, in acht Stufen. Er ist damit der höchste Wasserfall des Odenwalds. Moose, Farne und seltene Flechtenarten wachsen hier, zudem die Flatterulme, die selten geworden ist in Deutschland und sonst vor allem in Osteuropa wächst. Die Tümpel zwischen den Wasserfällen sind eine ideale Kinderstube für die Larven der Feuersalamander. Wegen dieser besonderen Tier- und Pflanzenwelt steht die Margaretenschlucht bereits seit 1940 unter Naturschutz.

Die Flatterulme war in Deutschland 2019 der Baum des Jahres.

Doch die Margaretenschlucht hat noch viel mehr zu berichten – zumindest wenn man Melanie Meier zuhört. Sie erzählt von Zeiten, als dort, wo heute der Odenwald ist, eine Wüste war und später ein riesiges Meer. Wie Granit, Buntsandstein und Muschelkalk entstanden sind und wie das Wasser von Neckar und Flursbach die Landschaft geformt hat. Im oberen Bereich der Schlucht, erzählt sie, wurden auch versteinerte Chirotherien-Spuren gefunden, Fährten urzeitlicher Tiere. Um die Dimensionen der Erdzeitalter auch für Kinder greifbar zu machen, hat Melanie Meier einen Meterstab dabei. Zentimeter für Zentimeter ist hier die Erdgeschichte abgebildet, von den ersten Einzellern über die Dinosaurier bis zu den Menschen auf den letzten Millimetern.

Eine kurze Einführung, bevor es auf Klettertour durch die Erdgeschichte geht. Die Schlucht gilt als alpines Gelände, ist aber auch für trittsichere Kinder gut zu meistern. Der Weg führt die Steilwände entlang und immer wieder quer über die Kaskaden und zu den Wasserfällen. Melanie Meier ermuntert die Kinder – und die Erwachsenen – die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Die Bäume nicht nur anzuschauen, sondern kräftig auf die Rinde zu klopfen, sie anzufassen, auseinanderzubrechen, daran zu riechen. In den Tümpeln dreht sie gemeinsam mit den Kindern Steine um, wühlt im Schlamm und jagt Rückenschwimmer, eine Wasserwanzenart. Und sie bringt sie dazu, zwischen den Kraxeleien und wildem Von-Stein-zu-Stein-springen, einfach mal innezuhalten. Sich auf einen Felsen zu setzen, ganz still zu sein und die Augen zu schließen. „Was hört ihr? Woher kommen die Geräusche?“, fragt sie.

Melanie Meier kam 2003 in die Region und lebt in Heidelberg. „Ich bin eigentlich ein Schwarzwald-Kind“, erzählt sie. Aufgewachsen ist sie in Karlsruhe. „Aber wir waren fast jedes Wochenende im Schwarzwald unterwegs.“  Im Sommer zum Wandern, Radfahren und Baden, im Winter zum Schlittenfahren. „Ich habe die Natur dort geliebt, vor allem die dunklen, wilden und verwunschenen Orte.“ Später studierte sie Biologie, mit dem Schwerpunkt auf Naturschutz und Ökologie. „Ich habe dann lange im Umweltmanagement gearbeitet und war für verschiedene Unternehmen tätig – das war alles doch sehr technisch.“

“Ich will Menschen die Natur näher bringen”

Irgendwann merkte sie, wie sehr ihr der direkte Kontakt zur Natur fehlte. „Ich wollte mich beruflich neu orientieren und habe einfach mal beim Botanischen Garten in Heidelberg angefragt, ob ich nicht mal bei Führungen mitgehen und ein bisschen reinschnuppern könnte.“ Zehn Tage später führte sie die erste Gruppe allein durch den Garten. „Ich habe schnell gemerkt, dass es genau das ist, was ich machen wollte: Menschen die Natur näher zu bringen und sie mit meiner Begeisterung anzustecken.“

Melanie Meier hält Ausschau nach Feuersalamander-Larven.

2010 fragte sie beim Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald nach, wann das nächste Mal Ranger ausgebildet werden. Sie hatte Glück und machte nur wenige Monate später die Ausbildung. Ein halbes Jahr später war sie zertifizierte Landschafts- und Naturführerin und zeigt seitdem kleinen und größeren Gruppen, naturverbundenen und geschichtsinteressieren Menschen, Schulklassen und Kindern den Odenwald. Alle 26 Ranger des Geo-Naturparks sind freiberuflich tätig. Neben ihrer Arbeit für den Geo-Naturpark ist Melanie Meier unter anderem im botanischen Garten im Einsatz und lehrt Naturpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. Melanie Meier ist Rangerin aus Leidenschaft. Ein wenig bedauert sie, dass die Tätigkeit hier nicht so umfassend ist wie etwa in den USA. „Das würde mir richtig Spaß machen – mich ganz dem Odenwald und seiner Natur zu widmen.“ Auch, weil er sie gerade an seinen wilden, ursprünglichen Orten wie der Margaretenschlucht immer wieder an ihre Kindheit und den Schwarzwald erinnert.

Oben angekommen, nach einigen hundert Metern über Wasser und Buntsandstein, unter Felsvorsprüngen hindurch und an Steilhängen entlang, entlässt die Margaretenschlucht ihre Besucher in eine weite Landschaft mit Feldern, Koppeln, Streuobstwiesen und beeindruckenden Aussichten auf das Neckartal. Wieder ein erstaunlicher Szenenwechsel. „Das finde ich am Odenwald so faszinierend – er ist landschaftlich so vielfältig“, sagt Melanie Meier. „Der kleine Odenwald bei Heidelberg sieht ganz anders aus als der Odenwald bei Lindenfels. Es gibt wilde Schluchten, weite Ebenen – und hinter der nächsten Wegbiegung  kann die Landschaft schon wieder ganz anders aussehen.“ Der Odenwald – er ist eben immer für eine Überraschung gut.


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