Andreas StanitaJulian Beekmann

Der Stern über Heidelberg

Rund 23 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt, mitten im Sternbild Jagdhunde, liegt die Whirlpool-Galaxie M51. Ein nicht ganz maßstabsgetreues Miniaturabbild der leuchtenden Spiralstruktur befindet sich aber auch auf unserem Heimatplaneten – oberhalb des Heidelberger Schlosses.

 

Steil windet sich die Serpentinenstraße durch den dichten Wald hinauf in Richtung Königsstuhl, mit 567 Metern Heidelbergs höchster Erhebung. Die moosbewachsenen Wegweiser scheinen ins grüne Nirgendwo zu führen, doch dann taucht auf einer Waldlichtung ein futuristisch anmutendes Gebäude auf. Nein, das ist keine Zweigstelle des New Yorker Guggenheim Museum, das ist das Haus der Astronomie, der Arbeitsplatz von Dr. Markus Pössel und seinem Team.

„Rechte Winkel sind bei uns Mangelware. Die Architektur des Hauses folgt der Form der Galaxie M51. Zum Glück haben die Planer es aber mit der dritten Dimension nicht ganz so genau genommen, sonst wären die Decken nur 90 Zentimeter hoch und wir müssten am Boden entlang robben.“ Gut gelaunt begrüßt Dr. Pössel die Besucher des Hauses. Rund 10.000 von ihnen kommen jedes Jahr hierher und betreten staunend die ringförmig angelegten Gänge im Inneren des Gebäudes. „Unsere Besucherzahlen klingen zunächst überschaubar, aber das sind schon eine Menge Leute. Der öffentliche Publikumsverkehr ist ja nur ein Aspekt unserer Arbeit. Zu uns kommen neben der allgemeinen Öffentlichkeit vor allem Schulklassen und Kindergartengruppen, aber auch Lehrkräfte auf der Suche nach neuen Impulsen für den Schulunterricht.“

Dr. Markus Pössel, Leiter vom Haus der Astronomie (HdA).

Dass es über den Gipfeln Heidelbergs viel über die Weiten des Weltraums zu erfahren gibt, hat sich bis weit über die Grenzen der Region herumgesprochen. Sogar aus dem fernen Berlin und dem benachbarten Ausland kommen Schulgruppen ins Haus der Astronomie. Während des dreistündigen Aufenthalts staunt der Nachwuchs dann über die großen Teleskope der benachbarten Landessternwarte und wagt einen ersten Blick ins Weltall. Schüler höherer Klassen experimentieren unter fachkundiger Anleitung in den hauseigenen Workshop-Räumen. „Wir bringen der nächsten Generation bei, wie man Sternkarten liest und sichtbare Objekte am Himmel richtig klassifiziert. Oder wir begeben uns gemeinsam auf die Spuren der ESA-Sonde „Mars Express“ und besuchen unseren Nachbarplaneten. Wir erkunden die Welt der Infrarotastronomie oder erforschen Farben und Spektren von Sternen und Nebeln.“

Herzstück des Galaxie-Gebäudes – per Computermodell berechnet und aus gefrästen Bauelementen zusammengesetzt – ist ein multifunktionaler Hörsaal mit mehr als 100 Sitzplätzen. Die Besucher können bequem im Halbkreis Platz nehmen und blicken direkt auf die geneigte Kuppeldecke. Ganz oben steht Dr. Pössel am Schaltpult. Im Nu hat er den Kuppelraum des kompakten Planetariums abgedunkelt und über den Köpfen des Publikums erscheint dank modernster Multimediatechnik die Weite des Weltraums. Mit ruhiger, klangvoller Stimme kommentiert er den Gleitflug durchs Universum. Ein bisschen ist es so, als würde einem die Ehre zuteil, neben Captain Kirk auf der Kommandobrücke der USS Enterprise Platz nehmen zu dürfen. Die eindrucksvollen 3D-Visualisierungen sorgen dafür, dass Besucher sich schnell in fernen Galaxien verlieren. Da bleibt es nicht aus, dass Gäste mit Warp-Antrieb auf dem Boden der Realität aufschlagen, sobald im Hörsaal wieder das Licht angeht.

„Die Welt der Astronomie übt auf Menschen eine große Faszination aus“.

„Auch bei mir verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Passion. Wenn man dann noch so einen tollen Arbeitsplatz hat wie wir hier, fällt es oft schwer auf die Work-Life-Balance zu achten. Meine Kollegen und ich müssen uns manchmal richtig zwingen, Feierabend zu machen.“

Es ist diese Begeisterung, die vor fast zehn Jahren den Anstoß zum Bau des Hauses gab. Immer mehr Menschen interessieren sich für die Arbeit etwa der Wissenschaftler am angrenzenden Max-Planck-Institut für Astronomie. Hier wurden schon Teile des Herschel-Weltraumteleskops gebaut, später dann an gleicher Stelle am Nachfolger des berühmten Hubble-Weltraumteleskop, dem James-Webb-Teleskop getüftelt.

„Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit haben für die Astronomen auf dem Königstuhl schon lange eine wichtige Rolle gespielt. Aber mit dem Haus der Astronomie bekam unsere Arbeit noch einmal eine ganz andere Qualität,“ erzählt Dr. Pössel. Das spektakuläre Gebäude verdanken wir der großzügigen Unterstützung des SAP-Mitbegründers Klaus Tschira. Die Idee, dem Gebäude die markante Galaxieform zu geben, geht direkt auf ihn zurück. Seine Stiftung war es, die den Bau und unsere Grundausstattung ermöglicht haben, und die auch heute gemeinsam mit der Stadt Heidelberg, der Universität und der Max-Planck-Gesellschaft unsere Arbeit finanziert.“

Dank der innovativen Bauweise kann das Haus der Astronomie schon 2011, gerade mal zwei Jahre nach Spatenstich eröffnen. Zwei Jahre, in denen kein Wochenende vergeht, an dem nicht die Familien der Bauarbeiter hierher pilgern, um die Fortschritte an dem ungewöhnlichen Gebäude zu begutachten. Heute ist es die Mischung aus der Faszination Astronomie und der beeindruckenden Architektur, die das Haus der Astronomie zum Publikumsmagneten machen. So wundert es nicht, dass das Haus beim letzten Tag der offenen Türe rund 5.000 Besucher auf den Königsstuhl lockte. Wann der nächste Tag der offenen Türe stattfindet, steht noch in den Sternen, doch für besonders Ungeduldige gibt es Abhilfe – am zweiten Donnerstag eines jeden Monats lädt das Haus der Astronomie zu einem öffentlichen Vortrag zu einem spannenden astronomischen Thema ein. 


www.haus-der-astronomie.de