Zu Besuch bei glücklichen Dörflern

Landflucht? Nicht hier. Denn in Hirschlanden im Neckar-Odenwald-Kreis haben die Bewohner nicht nur ein Gemeinschaftshaus errichtet oder den Kindergarten gerettet. Sie veranstalten auch Weltmeisterschaften und brauen ihr eigenes Bier. Ein Rundgang durch ein ungewöhnliches Dorf mit Ortsvorsteher Martin Herrmann.

2005 hat Martin Herrmann schon einmal ans Aufhören gedacht. Zehn Jahre war er da im Amt, die wichtigsten Ideen waren abgearbeitet, der Wunsch nach mehr Freizeit groß. Doch dann kam ihm sein Dorf dazwischen. Eigentlich hatten die „Herschlanner“ alles, was sie brauchten. Nur eine Gaststätte fehlte noch. Das Rathaus stand schon jahrelang leer und der Ortsvorsteher kam ins Grübeln, was man damit alles anstellen könnte. „Also habe ich gesagt: Dann mache ich eben noch eine Periode.“

Martin Herrmann, Ortsvorsteher von Hirschlanden.

Martin Herrmann – Lederjacke, Dreitagebart, kräftiger Händedruck – sitzt an einem Holztisch im ersten Geschoss des früheren Rathauses. Durch die Fenster fällt der Blick auf Höfe und Hausdächer, dahinter auf die grünen Hügel und Streuobstwiesen des Baulands. Natürlich ist aus der Gaststätten-Idee nicht irgendein Lokal geworden, sondern eine weitere Erfolgsgeschichte dieses 400-Seelen-Dorfes im Osten des Neckar-Odenwald-Kreises. „Ein Strohfeuer bekommt man immer hin“, sagt Herrmann. „Aber wir wollten sehen, ob es auch langfristig funktionieren kann.“

Hirschlanden: Ein 400-Seelen-Dorf im Osten des Neckar-Odenwald-Kreises.

Jeden Samstagabend ist die Gaststätte seit Oktober 2007 geöffnet. Dann kochen die Dorfbewohner im Wechsel, tischen mindestens fünf Gerichte auf – eines davon vegetarisch. Die Produkte sind regional, die Preise niedrig. Studierende und Schüler aus dem Dorf übernehmen den Service, das Bier stammt aus der eigenen kleinen Brauerei. Das Konzept zieht so viele Ausflügler an, dass die Dörfler ihren eigenen Raum reservieren mussten – sonst würden sie an manchen Tagen keinen Tisch mehr bekommen. Selbst Winfried Kretschmann war schon zu Gast.

Natürlich bekam das Dorf dieses Projekt nicht geschenkt. Zuschüsse von Land und EU und 1200 Stunden Eigenarbeit machten es möglich. Da das Land aber nicht den Bau von Gaststätten unterstützt, brachten die Hirschlander auch noch ein Museum im Gastraum unter: Unzählige bunte Emailleschilder regionaler Brauereien hängen an den Wänden, grüne Flaschen mit aufgeprägten Schriftzügen und zünftige graue Steinkrüge füllen die Vitrinen.

„Wenn ihr mitzieht, mache ich das.“

Im Erdgeschoss zeigt Herrmann die silbernen Braukessel. Das Dorf ist stolz auf die kleinste beim Zoll angemeldete Brauerei Deutschlands, das lokale „Hirschbräu“ wird nur hier in der Gaststätte ausgeschenkt. Ungewöhnlich soll es sein, „wir arbeiten vor allem mit seltenen Getreidesorten“, erklärt der Ortsvorsteher: Einkorn, Schwarzer Hafer, Nacktgerste.

Zeit für einen Rundgang durchs Dorf. Die Barock-Orgel in der Kirche stammt aus dem Jahr 1789, dem Jahr der Französischen Revolution. Seine eigene kleine Zeitenwende erlebte Hirschlanden aber in den 1990er Jahren: Damals errichteten die Bewohner eigenhändig ein Dorfgemeinschaftshaus. Martin Herrmann selbst war zu dieser Zeit gerade in seine Heimat zurückgekehrt, zuvor hatte er als Kriegsberichterstatter aus dem zerfallenden Jugoslawien berichtet. Das Dorf bekniete ihn solange, ehrenamtlicher Ortsvorsteher zu werden, bis er sagte: „Wenn ihr mitzieht, mache ich das.“

Im Mitziehen sind die Hirschlander gut. Die Gemeinde Rosenberg, zu der das Dorf gehört, hatte kein Geld für das Gemeinschaftshaus. Also machte sich Herrmann auf die Suche nach Fördergeldern. Außerdem erwirtschafteten die „Hirschlanner“ ihre eigenen Einnahmen: Hirschlanden richtet bei seinen Dorffesten regelmäßig die Deutsche Meisterschaft im Schreien, die Mistgabel-Weitwurf-WM, die Meisterschaft im Mülltonnenrennen und das Dackel-Rennen um den Großen Preis von Baden-Württemberg aus. Tausende Besucher kommen, um diese ganz eigenen „Olympischen Spiele“, die inzwischen im Drei-Jahres-Rhythmus stattfinden, zu sehen – und geben Geld aus, das das Dorf gut gebrauchen kann. Die Finanzen für das Dorfgemeinschaftshaus hatte man 1994 also zusammen, den Rest erledigten die Dorfbewohner. „Wir haben ein Riesengebäude gemauert, die Fliesen gelegt, das Dach gedeckt – alles selber gemacht“, erzählt Martin Herrmann. An manchen Arbeitstagen meldeten sich mehr Helfer, als gebraucht wurden. Also bauten sie noch ein zweites Gebäude: ein neues Jugendhaus.

Im großen Saal des Gemeinschaftshauses finden fast alle „Hirschlanner“ Platz. Denn wichtige Entscheidungen trifft man hier gemeinsam. „Unser Erfolgsgeheimnis ist, dass alle gleich zählen“, sagt Herrmann. „Bei der Ortsversammlung hat ein 15-Jähriger genau so eine Stimme wie alle anderen.“ Im Obergeschoss hat Herrmann sein kleines Büro, eine Wand hängt voll mit Fotos und Urkunden. Sie erzählen von den vielen Treffen und Auszeichnungen in Stuttgart und Berlin: Der Ortsvorsteher hat alle Ministerpräsidenten der letzten 30 Jahre getroffen, den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, den früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck. Im Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gewann Hirschlanden 2015 eine Goldmedaille, auf Bundesebene gab es Silber.

„Wir freuen uns über Leute, die so eine verrückte Dorfgemeinschaft suchen und sich einbringen wollen.“

Als „Mehrgenerationendorf“ begrüßt und verabschiedet Hirschlanden seine Besucher. Eine Sozialgruppe organisiert einen Mittagstisch für Senioren, einen Fahrdienst in die umliegenden Städte, eine Hospizbetreuung. Alles ehrenamtlich. Als der Kindergarten eigentlich geschlossen werden sollte, machte das Dorf einen weiteren kleinen Leuchtturm daraus: den ersten zertifizierten tiertherapeutischen Kindergarten in Baden-Württemberg. Heute kümmern sich die Kinder hier um eine kleine Herde Ziegen. Und längst schicken auch Familien aus der Umgebung ihre Kinder hierher.

Von Landflucht ist in Hirschlanden wenig zu spüren. Die Einwohnerzahl sei recht stabil, sagt Martin Herrmann. Man ist offen für neue Bewohner – wenn sie denn mitziehen: „Wir freuen uns über Leute, die so eine verrückte Dorfgemeinschaft suchen und sich einbringen wollen.“ 2019 ist der 56-Jährige als Ortsvorsteher wiedergewählt worden. Welches Projekt müsste ihn reizen, damit er noch eine weitere Periode dranhängt? Er lacht. „Dieses Mal ist es wirklich die letzte.“ Ein paar Dinge will er in seinem Ehrenamt aber noch umsetzen: Ein Feuchtbiotop soll Hirschlanden bekommen, die dörfliche Erzeugergemeinschaft hofft auf das Bio-Siegel für die Früchte der Streuobstwiesen. Ökologie wird schon jetzt großgeschrieben: 30 Insektenhotels sind im Dorf verteilt, blühende Grünflächen werden nicht gleich abgemäht. Eine Öko-Gruppe sorgt dafür, dass Biotope vernetzt, Randstreifen von Äckern für Wildblumen freigehalten werden. Dass man gegenüber des ehemaligen Rathauses sein E-Bike laden und freies Wifi nutzen kann, überrascht da eigentlich nicht mehr.

Ein Knackpunkt und eine der letzten Herausforderungen bleibt die Bahn-Anbindung. Gleise verlaufen zwar quer durch die Siedlung, doch die Regionalzüge zwischen Osterburken und Bad Mergentheim rauschen nur durch. Die Bahnsteige wurden vor Jahrzehnten abgebaut, als öffentliche Verkehrsmittel gerade keine Konjunktur hatten. Trotzdem hofft Martin Herrmann, dass hier eines Tages doch Züge halten. Es wäre Hirschlanden durchaus zuzutrauen, dass das klappt.

Martin Herrmann ist inzwischen als Berater in anderen ländlichen Gegenden unterwegs. „Jedes Dorf hat irgendwas, das es besonders macht“, findet er. Auch in Hirschlanden sei nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Streit kommt vor. „Wir sind hier auch keine Insel der Glückseligen“, sagt der Ortsvorsteher. Es fällt schwer, das zu glauben.