Ein Haus, das verbindet

Das Haus am Wehrsteg in Heidelberg war einst ein Trafogebäude, dann wohnte der Wehrwärter darin, bis es die Künstlerin Eva Vargas in ihr Atelier verwandelte. „Bis zum Zeitpunkt des Abrisses“, wie es damals hieß – der aber nie kam. Seit 2013 bringt Matthis Bacht neues Leben in den Backsteinbau am Neckar, der Wegweiser ist, Treffpunkt, aber vor allem und immer noch: ein Haus für Kunst.

Wie eine Insel taucht es am Ende des Wegs auf. Roter Ziegelstein, der in der Sonne leuchtet, umgeben von viel Grün. Nebenan fließt der Neckar, über den sich der Wehrsteg zieht. Direkt vor dem Haus gabelt sich der Weg. Es ist Sonntag, links und rechts fließen Menschen zu Fuß oder auf Rädern entlang des Neckartal-Radwegs vorbei. Überwacht von einem stilisierten Vogel an der Fassade. Eine Familie bleibt bei den Rosen am Eingang stehen. Der Vater hebt seine Tochter hoch, damit sie schnuppern kann. Sobald sie am Haus sind, werden die Schritte der Menschen langsamer. Viele steigen von ihren Rädern ab. Sie betrachten das Schild, „Ausstellung offen“, einige folgen dem Pfeil darauf.

Was man hier findet? Vermutlich jede:r etwas anderes. Aber auf jeden Fall Kunst!

Das Haus am Wehrsteg ist ein einladendes Haus. Die Ausstellung kostet keinen Eintritt, die Tür steht weit offen. Matthis Bacht, Künstler und Kunsterzieher, Gärtner und Pächter des Hauses, sitzt mit einer Apfelsaftschorle auf einer Bank, nickt den Besucher:innen zu und weist den Weg. Es soll ein Haus für alle sein: für Künstler:innen und Kulturliebhaber. Für Menschen, die das Haus gezielt ansteuern und für die, die zufällig vorbeikommen. Auch die Kunst, die hier zu sehen ist, folgt keiner Hierarchie. Renommierte Künstler:innen stellen ebenso aus wie Schulklassen. Alle sollen hier zusammenkommen.

Eine Lebensaufgabe – so sieht Matthis Bacht seine Aufgabe als Pächter des Hauses am Wehrsteg.

Seit 2013 ist Matthis Bacht Pächter des ehemaligen Trafogebäudes. Und seitdem verbindet er – Menschen und Kunst. Das Haus am Wehrsteg ist ein Ort für Begegnungen, mit Atelier, Ausstellungsbetrieb, Gastkünstler:innen-Programm und Jugendarbeit. Bacht kooperiert quasi ständig mit Einrichtungen aus der Region, wie derzeit mit der Sammlung Prinzhorn. Für das Projekt „Außenseiten“ sind hauswandgroße Comics entstanden. Das Gebäude bleibt also auch dann ein Ausstellungsort, wenn es geschlossen ist.

„Hier kommen Leute rein, die ganz unverblümt sagen, was sie von der Ausstellung halten – ich finde das super“, sagt Matthis Bacht und lacht. Immer wieder tröpfeln an diesem Tag Besucher:innen herein. Manche bleiben schüchtern am Eingang stehen. Eine Frau berichtet, dass sie das Haus von früher kennt. Als Eva Vargas noch darin wohnte. Die Tür war damals allerdings fast immer verschlossen, die Hauswand hinter Büschen und Bäumen kaum sichtbar.

„Für mich ist das eine Lebensaufgabe“

Matthis Bacht

Oft bekommt Matthis Bacht von Besucher:innen kleine Hinweise, Einblicke in die Geschichte des Hauses. Von Menschen, die mit Eva Vargas gearbeitet haben oder als Jugendliche an einem ihrer Schul-Projekte beteiligt waren. „Einmal kam auch eine Frau vorbei, die mit den Kindern des Wehrwärters zur Schule ging – das war spannend.“ Plötzlich wurde für ihn eine Zeit lebendig, über die er bisher kaum etwas wusste. Denn in Archiven fand er bisher wenig. Dabei hat er überall angefragt. Beim Liegenschafts-, Wasser- und Schifffahrtsamt. „Das ist schon ein kleiner blinder Fleck in Heidelberg.“

Nach dem zweiten Weltkrieg was das Backsteinhaus das Zuhause des Wehrwächters und seiner Familie.

Matthis Bacht weiß noch nicht einmal, wann das Haus genau fertig gestellt wurde. „Es entstand um die Jahre 1925 bis 1930.“ So viel weiß er. Aber auch nur, weil er auf einigen Stahlträgern eine eingestanzte Jahreszahl entdeckt hat. Eine Bodentreppe führt zu einer Luke in den oberen Stock. Hier arbeiten die Künstler:innen, die regelmäßig zu Gast sind. Und auch Matthis Bach zeichnet hier, vor allem im Winter. Er zeigt auf einen kleinen Tisch, dann auf den Kohleofen in der Ecke. „Der macht es gemütlich. Ich genieße die Ruhe hier, wenn das Haus im Winterschlaf ist.“ Aus der Wand gegenüber lugen noch Keramik-Isolatoren. Doch ob es jemals als Trafohäuschen in Betrieb war? Auch das sei ungewiss.

Sicher aber ist: Geplant hat das Ziegelsteingebäude mit Garten und Turm der renommierte Architekt Paul Bonatz, der auch den Stuttgarter Hauptbahnhof entwarf. Als der Neckar Kanal wurde, gestaltete er Staustufen, Brücken und Wehre entlang des Flusses. Das Haus am Wehrsteg hat noch einen großen Bruder in Heidelberg, direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Neckars: den Tankturm in der Bahnstadt. Verbunden sind sie auch mit einem leuchtendem „&“ – dem Ampersand oder Et-Zeichen, einem Werk von Matthis Bacht und Anna Heidenhain. An beiden Gebäuden biegt es sich um die südöstliche Häuserecke und verbindet damit nicht nur zwei Seiten, sondern auch zwei Gebäude. Es lädt ein, um die Ecke zu schauen – und zu denken.

Verbindendes Element: „Ampersand“ von Matthis Bacht und Anna Heidenhain – und die Friedenstaube von Eva Vargas.

Wie das Haus früher aussah, liest Matthis Bacht aus Spuren in der Ziegelsteinmauer ab. „Hier wurde ein Fenster zur Wand, hier die Wand zur Tür.“ Innen ist die Decke abgehängt, der Betonboden mit Spanplatten bedeckt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam ein unterirdischer Schutzraum hinzu und das etwa 100 Quadratmeter große Häuschen wurde in acht Zimmer aufgeteilt, um Raum zu machen für den Wehrwärter und seine Familie. 1972 bezog dann Eva Vargas das Gebäude. Die Künstlerin ist schwer einzuordnen. Sie arbeitete mit Musik und Text, Malerei und Aktion, mit Weggeworfenem und Angeschwemmtem. Sezierte die Gesellschaft mit einem wachen Blick und tiefschwarzem Humor. Die Stadt hatte nie geplant, das Haus weiter als Wohnraum auszuweisen, aber sie duldete Vargas „bis zum Zeitpunkt des Abrisses“. Diesen Zusatz im Pachtvertrag hat sie schriftlich kommentiert mit: „Hoffen wir nun bloß, dass der Bagger nicht gleich übermorgen kommt.“

Sie kamen nie. 38 Jahre lebte und arbeitete Vargas in dem kleinen Haus am Wehrsteg. Nach ihrem Tod 2010 stand es zunächst leer. Anfang 2013 suchte die Stadt dann eine:n neue:n Pächter:in. Es sollte jemand sein, der oder die das Haus als Ort für Kunst begreift und die Erinnerung an Eva Vargas lebendig hält. Matthis Bacht kam damals gerade in Heidelberg an. Er hat Bildhauerei und Kunsterziehung an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und eine Zeitlang in Aachen gelebt – nun kehrte er in seine Heimatstadt zurück. „Ich habe mich sofort beworben.“ Er kannte das Haus von früher und mochte es schon immer. „Diese Insellage an der Wegkreuzung, die Nähe zum Neckar, die Architektur.“ Seine frühere Bewohnerin kannte er persönlich nicht. Aber ihre Kunst, vor allem ihre Lyrik. „Die hat mich gepackt.“

Matthis Bacht im Garten des Hauses. Die Arbeit dort ist für ihn ein willkommener Ausgleich.

Die Jury entschied sich für Matthis Bacht. Im Juni 2013 stand er dann zum ersten Mal als neuer Pächter vor dem Haus – und vor jeder Menge Arbeit. Was ist Kunst, was Gebrauchsgegenstand, was kann weg, was nicht? Was wächst im Garten? Wohin mit dem Siebenschläfer, der sich oben eingenistet hat? „Es hat erstmal ein halbes Jahr gedauert, mir einen Überblick zu verschaffen.“ Ein Jahr baute er um, er öffnete das Haus – innen und nach außen. Und er zähmte den Garten – zumindest dort, wo sich später die Besucher aufhalten sollten.

Hinter dem Haus hat Matthis Bacht eine Idylle geschaffen. Einen Garten mit kleinen Inseln aus Pflanzen und roten Farbtupfern im satten Grün. Passend zum Ziegelstein. Sein Vater habe einen japanischen Garten, erzählt er. Die Leidenschaft fürs Gärtnern hat er von ihm. Ein Seidenbaum wächst bei ihm neben einer Zuckerhutfichte und einem Reispapierbaum. Auch im Garten verbindet er gerne, bringt Pflanzen miteinander in Berührung, die sich sonst wohl nicht begegnet wären.

Künstler und Pächter Matthis Bacht liebt den Austausch mit den Besucher:innen.

Das Haus lebt von diesen unverhofften Begegnungen, die immer auch neue Blickwinkel eröffnen. Genauso wie die Kapitel #EVA, in denen sich Künstler:innen immer wieder mit dem Werk von Vargas auseinandersetzen und neue Sichtweisen auf diese faszinierende Frau finden. Doch sie bleibt schwer zu greifen. „Ich vermute, das ist ihr ganz recht“, sagt Matthis Bacht. Es passt, dass sie in einem Haus lebte, das nur nach und nach seine Geschichte preisgibt. Manchmal, erzählt Bacht, findet er bei Gartenarbeiten immer noch Überbleibsel ihrer Werke, Teile von Puppen. „Als würde ich an einer archäologischen Fundstelle arbeiten.“ Er lacht. Für ihn macht es seine Aufgabe nochmal spannender. „Für mich ist das eine Lebensaufgabe“, sagt er und meint damit beides: Das Haus mit Kunst und Leben zu füllen – und seine Vergangenheit zu ergründen.


www.hausamwehrsteg.info

Öffnungszeiten: In den Sommermonaten Samstag und Sonntag von 12.00–17.00 Uhr, nach Vereinbarung sowie zu langen Wochenenden.

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