Wo die Werkstattwände klingen

Einst wurden hier Dampfloks betankt und Waggons repariert. Heute hat sich der Heidelberger Tankturm mit dem Betriebswerk in einen der interessantesten Industriebauten der Metropolregion Rhein-Neckar verwandelt. Auch, weil hier Walter Nußbaum schon mal Alte mit Neuer Musik zusammenbringt.

Die Klänge klingen nicht nur. Sie ziehen und zerren, sie zerspringen und vibrieren, sie hauchen und dröhnen. Die Klänge des Heidelberger KlangForum reden, sie haben etwas zu erzählen. Doch bis sie das tun, braucht es Zeit. Zeit und Arbeit. Und noch ist Dirigent Walter Nußbaum nicht zufrieden: „Die Töne brauchen noch mehr Leben“, sagt er. Oder: „Können wir das mit mehr Luft spielen?“ Seine Stimme klingt heiser, aber er braucht auch keine Lautstärke, um sich Gehör zu verschaffen. Er dirigiert nicht von oben herab, sondern arbeitet gemeinsam mit den Musikern und Sängern an dem Stück, den Takten und einzelnen Noten. Sie diskutieren über ein zu tiefes „his“ oder schlagen sich mit den Fingern auf die Wange, um herauszufinden, mit welcher Technik die besten Resonanzen entstehen.

Oft probt Walter Nußbaum mit dem KlangForum länger als eine Woche an einem Projekt. Ungewöhnlich in Zeiten, in denen sich kleinere Orchester oft nur für ein paar Abende vor der Aufführung treffen. Doch Nußbaum nimmt sich die Zeit, um die Klänge zum Erzählen zu bringen. Denn Leere, sagt er, gebe es in der Musik genug. Das KlangForum besteht aus den Vokalisten der Schola Heidelberg und den Instrumentalisten des ensemble aisthesis. Beide hat Nußbaum 1992 gegründet.

Dirigent Walter Nußbaum

Die Ensembles sind spezialisiert auf Neue Musik. Doch am meisten reizt den Dirigenten, verschiedene Musikwelten aufeinandertreffen zu lassen, etwa Musik der Renaissance auf solche der Gegenwart. „Es ist wichtig, dass das Alte nicht museal bleibt“, sagt er. „Und ebenso wichtig ist, dass das Neue etwas mit dem Alten zu tun hat – als Widerspruch, als Ambivalenz, aber auch als Parallele.“ Nußbaum, ganz in Schwarz gekleidet, mit schwarz gefasster Brille und Haaren, die in verschiedene Richtungen vom Kopf abstehen, sagt das, während er auf einer Couch im sogenannten Betriebswerk sitzt. Hinter ihm eine abgenutzte Backsteinwand, über ihm eine alte Heiligenstatue, deren Farbe abblättert. Neben ihm ragt ein schwarzer Kubus in den Raum, dessen Vorderseite komplett verglast ist. Dahinter diskutieren Cellist Ralph-Raimund Krause, Klarinettist Udo Grimm und Flötistin Brigitte Sauer über detaillierte Gestaltungsfragen.

Das Betriebswerk ist Teil der ehemaligen mechanischen Werkstätten der Deutschen Bahn in Heidelberg. Bis in die 1980er Jahre wurden hier Lokomotiven und Waggons repariert. Dann stand das Gebäude fast 40 Jahre leer. Genau wie der ehemalige Bahnwasserturm, der in Sichtweite in den Himmel ragt. 330 Kubikmeter fasste der Tank in seinem Innern – gefüllt mit reinem, kalkfreiem Wasser vom Königstuhl. 1972 wurde hier die letzte Dampflokomotive betankt.

„Uns war sofort klar, dass wir das machen müssen.“

42 Jahre später stolperten drei Architekten durch die verlassenen Räume, kämpften sich durch Spinnweben, wateten durch Taubendreck und wussten nach zehn Minuten: „Hier wollen wir rein!“ Stephan Weber lacht, als er von dem Tag erzählt, als er mit seinen Kollegen Stefan Loebner und Armin Schäfer zum ersten Mal den Tankturm betrat. Die drei Partner haben bereits einige alte Bauwerke neu belebt, aber immer im Auftrag anderer, nie für sich selbst. „Uns war sofort klar, dass wir das machen müssen.“ Auch wenn ebenso klar war, dass es eine enorme Aufgabe wird.

Zwei Jahre dauerte der Umbau. „Wir wollten so viel wie möglich belassen und die Geschichte zeigen“, erklärt Weber. Auch die Schäden und Verletzungen, die das Gebäude in den Jahrzehnten des Leerstands davongetragen hat. Sie haben bröckelnde Ziegel nur fixiert und ebenso wenig übertüncht wie die Rostablagerungen im Wassertank oder die Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg an der östlichen Fassade. Doch dort, wo Neuerungen notwendig waren, wollten die Architekten einen radikalen Bruch. Wie die dramatischen Stahlbalkone, die nun aus dem Turm ragen – eine Brandschutzmaßnahme. Und dort, wo ein Bagger in die Fassade gefahren war, bauten sie die Backsteine nicht wieder auf, sondern setzten eine riesige Glasscheibe ein. So entstanden helle, moderne Räume, in denen die Geschichte des Turms dennoch überall präsent ist.

Architekt Stephan Weber

Von Anfang an planten die Architekten, mehr als nur Büroräume im Tankturm entstehen zu lassen. „Wir wollten, dass es ein Treffpunkt von Kultur und Wirtschaft wird“, erzählt Weber. Zufällig trat etwa zur gleichen Zeit, als sich die drei Partner in den Bahnwasserturm verguckten, das KlangForum bei einem Stadtteilspaziergang der Internationalen Bauausstellung (IBA) auf. „Wir spielten in der Bahnunterführung hinter dem heutigen Betriebswerk“, erinnert sich Dominique Mayr, Geschäftsführer des KlangForum. Nach dem Auftritt kam das Gespräch, wie so oft, auf die Heimatlosigkeit der Ensembles. „Wir proben seit Jahrzehnten mal hier mal dort, wir hatten sogar schon im Keller eines Altenheims gespielt“, erzählt Dirigent Nußbaum. Was die intensive Probearbeit, die er so schätzt, sehr kompliziert machte. Die Organisatoren des Stadtteilspaziergangs wussten von den Plänen der Architekten und rieten Mayr, sich dort zu melden. Am gleichen Abend rief er an und wenige Tage später stand auch Mayr mit der Taschenlampe zwischen Spinnenweben und Taubendreck und wusste: „Das passt!“

Noch am Telefon hatte Mayr die Partner gewarnt: „Wir spielen aber den ganzen Tag zeitgenössische klassische Musik!“ Doch Loebner, Schäfer und Weber war das KlangForum ein Begriff und sie freuten sich auf ein Zusammenwirken. So bekamen die Musiker die luxuriöse Möglichkeit, den Umbau mitgestalten zu können. 2016 fand das KlangForum so seine erste feste Heimat. Mit kleinen Räumen für Einzelproben, größeren, wenn beide Ensembles für Projekte zusammenkommen – und gleichzeitig einem Ort für spannende Konzerterlebnisse. „Es ist etwas Besonderes, auf Menschen zu treffen, die nicht nur am Business interessiert sind, sondern auch an Inhalten“, sagt Nußbaum. Denn wirtschaftlich gesehen gebe es natürlich deutlich lukrativere Mieter als das KlangForum.

Dominique Mayr, Geschäftsführer des KlangForum.

Für das KlangForum war der Tankturm ein Beschleuniger. Da die Mitglieder der Ensembles aus ganz Europa kommen und oft nur für bestimmte Projekte anreisen, ist ein ganz anderes Proben möglich. „Wir konnten nun auch Konzertreihen am eigenen Ort etablieren – und so im Stadtleben präsenter werden“, erzählt Mayr. Denn auch wenn das KlangForum international einen exzellenten Ruf hat, bei den Salzburger Festspielen oder dem Tongyeong International Music Festival in Südkorea auftritt, war es in der eigenen Heimat noch relativ unbekannt. „Durch den Tankturm hat sich das geändert.“

Und auch für die Architekten hat der Tankturm vieles bewegt. 2018 bekamen sie vom Bund Deutscher Architekten den Hugo-Häring-Landespreis für die Sanierung des Industriedenkmals. Das Büro der Partner wuchs, die Anfragen von Unternehmen, die Räume mieten wollten, wurden mehr. Schließlich entschieden sie, das Betriebswerk einige hundert Meter weiter ebenfalls umzubauen, zunächst nur als Zwischennutzung. Hauptsächlich sollte das KlangForum die Räume nutzen. Dirigent Nußbaum war erst gar nicht begeistert von einem erneuten Umzug. Aber nach der ersten Probe wollte er gar nicht mehr weg. „Es ist wunderbar, hier zu proben.“ Wie Fächer klappen sich vier verglaste Kuben in die ehemalige Werkstatthalle auf. Im Credo der Architekten, Altes zu erhalten, aber dort, wo es nötig ist, so modern wie möglich vorzugehen, findet er sich selbst wieder. Die Kontraste, die daraus entstehen, sind nicht immer einfach zu begreifen. Und so wie die Architekten oft den Kommentar hören: „Ach, ihr seid ja noch gar nicht fertig!“ weiß Nußbaum, dass viele Menschen Neue Musik anstrengend finden. „Musik betrifft uns im Innersten, es ist unsere Existenz – sie kann also nicht nur leicht und schön sein.“ Viele hätten jedoch verlernt, zuzuhören. „Aber“, sagt er, „das Hören kann man lernen.“ Dort, wo einst Lokomotiven repariert wurden.


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