In der Stadt der bunten Wände

Seit 2013 verwandelt das Projekt „Stadt.Wand.Kunst“ Mannheimer Hausfassaden in Kunstwerke. Die Stadt wird ein begehbares Museum. Graffiti-Künstler Pablo Fontagnier alias Hombre SUK führt zu kleinen Anfängen und großen Werken.

Sie nennen ihn den „Toy-Tunnel“. Er ist lang und schmal und wer hier sprüht, steht bald in seiner eigenen Farbwolke. Deshalb sprühen hier vor allem die Anfänger, die Unerfahrenen – die „Toys“. Zu sehen sind vor allem Schriftzüge und ein paar wenige Figuren. Der Mannheimer Graffiti-Künstler Pablo Fontagnier hat hier nie gesprüht. Nicht, weil er nie ein „Toy“ war – „klar war ich das!“ – sondern weil es damals die legalen Graffiti-Flächen hier noch gar nicht gab.

Graffiti-Künstler Pablo Fontagnier alias Hombre SUK im „Toy-Tunnel“.

Der „Toy-Tunnel“ ist eine der Unterführungen zwischen Schlossgarten und Rhein, Teil der größten legalen Graffiti-Fläche in Mannheim. „Ich glaube, sogar im ganzen süddeutschen Raum“, fügt Fontagnier hinzu. Wer sich auf das Labyrinth aus Unterführungen, Wänden und Pfeiler einlässt, spaziert durch verschiedene Graffiti-Stile, sieht kitschige Bilder und verschmierte Tags, doch dazwischen immer wieder kleine Kunstwerke. Hier lässt sich erahnen, wie vielfältig und lebendig die Graffiti-Szene in Mannheim ist.

Für Fontagnier ist es auch ein Spaziergang in die Vergangenheit. Seine Vergangenheit. In die Zeit, in der auch schon mal die Polizei vor der Wohnung stand, in der er in den 90er Jahren mit seinem Bruder wohnte. Damals war Fontagnier als Hombre „zugegeben nicht immer legal unterwegs“, wie der 38-Jährige erzählt. Angefangen hätte alles am 24. November 1995. „Da hat mein bester Freund seinen Geburtstag gefeiert.“ Eingeladen waren auch die Neuen in der Klasse, coole Jungs aus Frankfurt. „Auf der Party haben sie uns beigebracht, wie man Buchstaben sprüht.“ Fontagnier, damals 14, war sofort begeistert. Weniger von Graffiti als Kunstform. „Es war der Lifestyle, der mich gepackt hat. Da geben sich Jungs coole Namen, gründen eine Art Geheimbund und ziehen nachts los an verborgene Orte – welcher Jugendliche steht da bitte nicht darauf!“

Die Durchsuchung, die Verhaftung und die anschließenden Sozialstunden waren für ihn jedoch auch ein Weckruf. „Mir wurde klar: Wenn ich das weiter machen will, muss ich das anders angehen“, sagt Fontagnier. Er begann neben Buchstaben auch Figuren – Character – zu malen, inspiriert von Comics und Cartoons. Mit der Zeit entwickelte er seinen eigenen Stil und auch das Selbstbewusstsein, aus dem Hobby tatsächlich einen Beruf zu machen. Zwischen Bahngleisen und Schlosspark stoßen Passanten immer wieder auf Hombres Figuren. „Ich komm‘ nach wie vor gern hierher – auch mit Freunden aus der Szene und dann sprühen wir eine Runde.“

„Das ist doch kein Graffiti, das ist Kunst!“

„Es ist ganz klar beides.“

Wer den Unterführungen in die Mannheimer Quadrate folgt, sieht was passiert, wenn Graffiti seine Nische verlässt. Raus aus dunklen Unterführungen, rauf auf die Fassaden der Stadt. Vom Rand der Gesellschaft mittenrein. Dann sagen Passanten und Anwohner: „Das ist doch kein Graffiti, das ist Kunst!“ Dann lächelt Fontagnier und sagt: „Es ist ganz klar beides.“ Seit 2013 verwandelt das Projekt „Stadt.Wand.Kunst“ in Mannheim Hausfassade um Hausfassade, in eine urbane Galerie. Und mittlerweile gibt es 21 unübersehbare Beweise dafür, dass Graffiti und Kunst eben keine Wiedersprüche sind.

„Das war auch ein Stück Aufklärungsarbeit, das das Projekt geleistet hat“, sagt Fontagnier. Er steht in F6 neben dem Fuß von „Lily“ und selbst der überragt ihn noch ein gutes Stück. Mit „Lily“ fing alles an. 2013 suchte das Künstlerduo Herakut eine Wand für ihr überlebensgroßes Bilderbuch „The Gigant Storybook“, dessen Seiten auf der ganzen Welt verteilt sind. Sören Gerhold, Geschäftsführer der Alten Feuerwache, hörte davon und setzte alles daran, eine Seite des Bilderbuchs nach Mannheim zu holen. Er bekam Unterstützung von der Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft GBG, dem Heidelberger Sprühfarbenhersteller Montana Cans und der Kulturellen Stadtentwicklung (heute Kulturamt). Über sechs Stockwerke erstreckt sich „Lily“ seitdem, stolz und aufrecht, obwohl Pfeile in ihrer Wade stecken. Denn: Ihre „Superheldenkraft ist das Verzeihen“. So ihr Schriftzug.

Allen Beteiligten war klar, dass „Lily“ nicht alleine bleiben soll. Die Zusammenarbeit funktionierte gut, die Reaktionen der Mannheimer waren fast durchweg positiv. „Das Werk war ein super Türöffner“, sagt Fontagnier. „Es holt die Leute ab, ist emotional und leicht zu fassen.“ Ein Jahr später bekam „Lily“ Gesellschaft: Auf der anderen Seite des Quadrats leuchtet der „Modern Thinker“ zwischen ergrauten Hausfassaden. Der Moskauer Künstler Dmitri Aske hat für seine moderne Interpretation des Denkers von Auguste Rodin die Farben des Spielplatzes gegenüber aufgegriffen. Fontagnier schwärmt: „Sowas find ich klasse: wenn die Umgebung eingebaut wird, wenn die Künstler sich Gedanken machen, wo ihr Werk entsteht.“ Dann fragt er, ob noch etwas auffällt. Als Reaktion auf ein Kopfschütteln zeigt er auf vollgekritzelte Verteilerkästen und krakelige Tags auf umliegenden Hauswänden. Der Denker ist unberührt. „So ein Werk wird respektiert, als das was es ist: große Kunst. Auch von Schmierfinken.“

2015 nahm „Stadt.Wand.Kunst“ Fahrt auf. Drei neue Werke entstanden und auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne Benjamin Franklin Village gestalteten Künstler aus der Region drei Fassaden. Darunter auch Fontagnier. „Es war meine erste Wand in der Größe, ich hatte da schon ordentlich Respekt.“ Schließlich ist es etwas völlig anderes, in mehreren Tagen eine mehrere Meter hohe Wand zu gestalten, als nachts mit Adrenalin im Blut und in nur wenigen Minuten etwas an einen Bahntunnel zu sprühen. „Aber es ist eine gute Schule.“ Der 38-Jährige grinst. Gemeinsam mit dem Schweizer Künstler Boogie malte er einen überaus zufriedenen dicken Jungen inmitten von Süßigkeiten.

„Balim“ von Hombre SUK in Amman, Jordanien.

„The Highest Carb Wall“ ist allerdings nicht mehr zu sehen. Ein Jahr später wurden die Häuser – planmäßig – abgerissen. „Das ist völlig ok so“, sagt Fontagnier. Die Vergänglichkeit sei schließlich ein Teil von Street Art. Und mittlerweile hat er für „Stadt.Wand.Kunst“ auch eine weitere Wand bemalt – allerdings befindet sich diese in Amman, Jordanien. Beim dortigen Baladk-Festival war er eingeladen, sozusagen als Mannheims „Graffiti-Botschafter“. Eine Rolle, „die sich gut anfühlt.“ Fontagnier lacht.

Mittlerweile steht Fontagnier vor dem Werk „Europe“ von Bezt Etam. Für einige Minuten lässt er einfach nur den Blick über die drei Frauen schweifen, gemalte Trauer in Grau- und Blautönen. Ein Werk, das ihn immer wieder aufs Neue beeindruckt – und das über die sozialen Netzwerke weltweit für Aufmerksamkeit sorgte. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist Mannheim ein fester Ort auf der Street-Art-Weltkarte. Jedes Jahr melden sich zahlreiche internationale Künstler, die in Mannheim eine Hauswand gestalten wollen, die Führungen zu den Werken sind meist ausgebucht und „Stadt.Wand.Kunst“ ist mittlerweile ein selbstverständlicher Teil der Sehenswürdigkeiten. Doch ein Spaziergang mit Pablo Fontagnier alias Hombre SUK zeigt, dass es sich lohnt, auch abseits der großen Werke mal links oder rechts in die Hauseingänge zu linsen. Unter Brücken auf die Pfeiler zu achten oder sich für Unterführungen Zeit zu nehmen – denn Kunst lauert in Mannheim überall.


www.stadt-wand-kunst.de