Flanieren mit Poesie

Im Künstlerhaus in Edenkoben treffen sich Künstler aus ganz Europa – sie wohnen, arbeiten, schreiben und diskutieren hier. Und einige von ihnen haben ihre Spuren hinterlassen – zwischen Weinbergen und Mandelbäumen.

Erstmal durchatmen. Ankommen. Dann das Gehör neu einstellen: vom Lärm des Alltags auf die Ruhe der Pfalz. Alles ist leiser hier, zarter. Zuerst dringen die Vogelstimmen durch, ein vielstimmiges Konzert. Dann das Brummen einer Hummel. In der Ferne tuckert ein Traktor, in der Nähe scharrt ein Laubrechen. Das Künstlerhaus Edenkoben ist umgeben von Weinbergen, überall blühen Mandelbäume. Weiß die Essmandeln, rosarot die Ziermandeln. Mittendrin steht Hans Thill, der künstlerische Leiter. Er lächelt – und lässt dem Besuch noch etwas Zeit, um zu sehen und zu hören.

Das Künstlerhaus Edenkoben – idyllischer kann ein Haus für Dichter kaum liegen.

Einen besseren Ort für ein Künstlerhaus kann es eigentlich nicht geben. Idyllischer als hier in der Südpfalz geht es kaum. Eben noch, erzählt Thill, saß er mit Vreda Marschner im Garten hinter dem Haus. Die junge Lyrikerin las ihre Gedichte vor. Thill hörte zu und kommentierte. Marschner ist in Rheinland-Pfalz aufgewachsen und als „Landeskind“ eine von derzeit vier Stipendiaten, die hier im Künstlerhaus wohnen. Auch Nándor Angstenberger, der in Serbien geboren wurde und heute in Berlin lebt, gehört dazu. Im Hof gibt eine große Fensterfront den Blick frei in sein Atelier und auf ein Traumschloss. Aus Styropor, Haargummis, Draht und Lockenwickler. Eine Skulptur aus Fundstücken.

Hans Thill, der künstlerische Leiter des Hauses, im Hof. Zwischen neuem Anbau und altem Kopfstein.

Das Haus war früher eine Getreidemühle, aber auch schon Kurhaus, Gartenwirtschaft und Weingut. Thill deutet die Weinberge hinab, auf einen mit Bäumen gesäumten Bachlauf. „Der Triefenbach lief früher hier entlang“, sagt er und zeigt zur Hausmauer. Der Graben aus gemauertem Sandstein ist noch immer zu sehen. Er geht ein paar Schritte weiter. „Und hier war das Mühlrad.“ Den alten Mühlstein gibt es noch, er wurde im Garten verlegt.

1995 erwarb die Stiftung Rheinland-Pfalz die Bergelmühle und baute sie zu einem Ort der Literatur und der Kunst um. Zwei Jahre dauerte die Sanierung. Dann zog das Künstlerhaus vom Herrenhaus, nur wenige hundert Meter weiter die Straße hinunter, hierher. Vieles blieb erhalten, wie die dunkle Holzvertäfelung und das Fischgrätparkett im alten Speisesaal oder die knarzende Holztreppe. Neu ist der Anbau, in dem heute ein Großteil der Wohnungen und Ateliers sind, sowie ein Saal für Lesungen und eine Großküche. Doch auch die modernen Wohnungen wurden mit antiken Weichholzmöbeln und der wohligen Atmosphäre eines Pfälzer Gasthauses ausgestattet.

Der alte Speisesaal – an den Wänden Bilder von Besuchern und Gästen.

Jedes Jahr vergibt die Stiftung bis zu zehn Stipendien für Autoren und Übersetzer, sowie zwei Stipendien für Bildende Kunst. Für zwei bis sechs Monate leben und arbeiten die Künstler hier und bekommen eine monatliche Zuwendung. „Es ist eine der sinnvollsten Aufgaben, die ich mir vorstellen kann“, sagt Thill. „Dafür zu sorgen, dass sich die Künstler zumindest für einige Monate nicht um ihren Broterwerb kümmern müssen, sondern nur um ihre Kunst.“

„Als Herbergsvater muss man Menschen mögen“

Er weiß, wie es ist. Thill ist selbst Autor und Lyriker, zudem hat er zahlreiche Bücher aus dem Französischen übersetzt. Das war sein Broterwerb. „Das muss ich jetzt nicht mehr und das ist mir auch recht.“ Seit zehn Jahren ist er der künstlerische Leiter des Begegnungshauses und damit verantwortlich für die Stipendiaten und das öffentliche Veranstaltungsprogramm. Nur ein weiteres Künstlerhaus in Deutschland wird ebenfalls von einem Dichter geleitet. Thill bezeichnet sich gerne als Herbergsvater. Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass sich die Stipendiaten rundum wohlfühlen und sich ganz auf ihre Kunst konzentrieren können. Eine Aufgabe, die nicht immer einfach ist. Denn hier treffen ganz unterschiedliche Charaktere aufeinander. „Als Herbergsvater muss man Menschen mögen“, umschreibt es Thill. „Ich mag Menschen und liebe diese Gegend.“

Hans Thill bezeichnet sich gerne als Herbersvater: „Ich mag Menschen und liebe diese Gegend.“

In Baden-Baden aufgewachsen, blieb er nach seinem Studium in Heidelberg hängen und war Mitgründer des Verlags Das Wunderhorn. Seit seiner Gründung 1987 ist Thill mit dem Künstlerhaus eng verknüpft, vor allem mit der Reihe „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“. „Jedes Jahr laden wir Lyriker aus einem Gastland und deutschsprachige Dichter zu gemeinsamer Übersetzungsarbeit ein“, erklärt Thill. Für eine Woche brummt das Haus. Im Garten, im Hof, im alten Speisesaal – überall sitzen kleine Gruppen zusammen, diskutieren über Worte und Bedeutungen, Rhythmen und Tonfall. Zunächst übertragen Übersetzer die Werke Wort für Wort. Dann erarbeiten die Lyriker gemeinsam eine deutsche Nachdichtung. Seit 2003 ist Thill für diese Reihe verantwortlich.

In einer dieser nachbarschaftlichen Wochen spazierte sein Vorgänger Ingo Wilhelm zusammen mit Werner Kastner, dem damaligen Bürgermeister von Edenkoben, durch die Weinberge rund um das Haus. Er las die Schilder eines Weinlehrpfads, der informierte, welche Traube an welchen Rebstöcken hängt. Dabei kam ihm die Idee, das gleiche mit Gedichten zu machen. Auch sie sollten beschreiben, was ihre Urheber mit dieser Landschaft verbinden, was sie sehen, hören und fühlen. Freunde des Künstlerhauses reichten Werke ein. Darunter auch Inger Christensen aus Dänemark, die zu den bedeutendsten europäischen Dichterinnen ihrer Generation zählt. 2007 erstreckte sich der Weg der Gedichte zunächst in den Norden, später folgten zehn weitere Tafeln im Süden. „Wie zwei Schmetterlingsflügel um das Haus herum“, erklärt Thill. Er selbst trug wörterpickende „Honigvögel“ zum Gedichteweg bei.

“Essbare Worte” von Hans Thill auf dem Weg der Gedichte.

Über die Straße geht es auf dem Weg der Gedichte hinein in die Weinberge, vorbei an Weiden, die vor Bienen summen. Im Westen ragen aus den dunklen Hügeln des Pfälzerwalds das Hambacher Schloss, die Kropsburg und die Villa Ludwigshöhe. Eine beeindruckende Kulisse für einen poetischen Spaziergang. Zehn Stelen führen durch den Weinberg, zehn verschiedene Gedichte mit zehn verschiedenen Stimmungen.

„Wir hatten zunächst Befürchtungen, dass die Tafeln zerstört werden könnten“, erzählt Thill. Doch das sei nicht der Fall. Im Gegenteil. „Manchmal werden an den Stelen weitere Gedichte angeheftet, wie eine Erwiderung.“ Und ja, manchmal passiere es eben auch, dass ein Winzer beim Zurücksetzen eine Stele rammt. Aber das sei hier eben auch ein Arbeitsort. Der Weinbau wird oft aufgegriffen in den Gedichten, ebenso wie die Landschaft, Mandelbäume und Hagebutte, aber auch die Spracharbeit und das Übersetzen – der Trauben in Wein und der französischen Silben in deutsche Poesie.

Oft greifen die Gedichte Gefühle und Stimmungen auf oder lassen Szenen lebendig werden, die vielleicht einmal hier gespielt haben. Wenn Walter Helmut Fritz über steife Rücken, klamme Finger und kalten Füße schreibt oder ein „Lachen, das einem Lachen antwortet“ – sieht man die Menschen bei der Weinlese fast vor sich. Und in Brigitte Struzyks Gedicht, unter einem knorzigen alten Birnbaum mit direktem Blick auf Rebstöcke, werden die Betrachter Teil des Gedichts. Denn wie im Gedicht gehen auch sie gerade durch den Weinberg, dort wo die Birnen am Wegrand liegen. Oder zumindest gerade der Baum zu blühen beginnt.

„Viele denken ja, dass unter Dichtern ein großer Konkurrenzkampf herrscht. Aber dem ist nicht so – erst recht nicht in Edenkoben“, sagt Thill. Denn hier in der Pfalz begegne man sich anders als im sonstigen Literaturbetrieb. „Diese Ländlichkeit – die erleichtert und entspannt.“ Ein Ort, an den es auch die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller oder die Dramatikerin Theresia Walser zieht. Viele Bücher wurden hier begonnen oder abgeschlossen. Und auch wenn kein Stipendiat am Ende nachweisen muss, wie produktiv er in seiner Zeit in Edenkoben war, glaubt Thill, dass sie viele Künstler vorwärts gebracht hat. „Als Lyriker wird man überall entmutigt. Die Verleger sagen: ‚Schön, aber bitte nicht bei mir!‘ und auch auf der Buchmesse heißt es nur: ‚Machs nicht!‘ Wir sagen: ‚Machs!‘ und schaffen die Rahmenbedingungen, dass es klappt.“ Ein Ermutigungsort. Ein kleines Eden für Dichter.


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