Stephan WolfClaus Geiss

Rudern wie die Römer

Stahlblau spannt sich der Himmel über den Horizont. Eine sanfte Brise streichelt über das glasklare Wasser rund um das Römerschiff „Lusoria Rhenana“ – und plötzlich funkelt der Neupotzer Setzfeldsee wie ein Kristall.

Weniger anmutig geht es auf den hölzernen Bänken der „Lusoria Rhenana“ zu. Als wir vom Steg ablegen, verheddern sich ein wenig die Ruder ineinander und wir lernen unsere erste Lektion: Der Abstand zum Vordermann ist auf einem Römerschiff nicht gerade üppig. Die Römer des 4. und 5. Jahrhunderts waren offenbar nicht die Größten – auch wenn die römischen Kaiser das höchstwahrscheinlich anders gesehen haben.

„Das wird besser“, ruft uns Kapitän Dieter Heim zu, der aufrecht wie eine Gallionsfigur im Bug steht, navigiert und die Schlagzahl vorgibt. Und tatsächlich. Nach ein paar Ruderschlägen finden die 30 Mitglieder des Musikvereins, mit dem wir heute mit der Lusoria Rhenana unterwegs sind, den richtigen Rhythmus, der das Schiff jetzt über den Setzfeldsee im südpfälzischen Neupotz bei Germersheim trägt.

Früher musste Dieter Heim bei der Bundeswehr Befehle erteilen, heute lieben die Leute seine charmanten Kommandos, die an Bord für Sicherheit, aber auch für Unterhaltung sorgen. Er war von Anfang dabei, als das Schiff gebaut wurde und dank der Unterstützung des Landkreises Germersheim im Mai 2012 vom Stapel lief. „Das Projekt war eine Idee unseres Landrates Dr. Fritz Brechtel, die bereits im Jahr 2008 geboren wurde“, erinnert sich Heim. Etwa 50, häufig wunderschön renaturierte Baggerseen besitzt der Kreis Germersheim – und diese außergewöhnliche Seenlandschaft galt es touristisch besser zu nutzen.

Mehr als zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen. Von der Idee über den Baumeinschlag bis zur Kiellegung. Der Althistoriker der Universtät Trier, Prof. Dr. Christoph Schäfer, hatte bereits ausgiebige Erfahrungen in experimenteller Archäologie und konnte als wissenschaftlicher Leiter für dieses Projekt gewonnen werden. Im Januar 2010 wurde durch den Germersheimer Verein zur Förderung von Kunst und Kultur dann damit begonnen, ein antikes römisches Militärschiff originalgetreu und schwimmfähig nachzubauen.

Die Lusoria Rhenana, mit der wir nun immer rasanter über den Setzfeldsee gleiten, ist 18 Meter lang, knapp 2,80 Meter breit und hat einen etwa neun Meter hohen Mast, der mit einem gut 20 Quadratmeter großen Segel bestückt werden kann. „Matthias Helterhoff, unser Bootsbauer aus Usedom hat damals die acht Stämme Traubeneiche in einem Waldstück beim Forstamt Johanniskreuz ausgesucht und das Schiff mit Hilfe von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern, zusammengebaut“, erzählt Dieter Heim, und blinzelt vergnügt in die strahlende Sonne.

Lusoria-komplett

„Das Schiff eignet sich ideal für Teambildung“, weiß der leidenschaftliche Lusoria-Kapitän und man merkt ihm an, dass die Lusoria Rhenana für ihn so etwas wie eine Lebensaufgabe geworden ist. „Wir bilden an Bord quasi eine Interessengemeinschaft, sind für Ideen und Wünsche unserer Gäste offen und haben das gemeinsame Ziel eines besonderen Erlebnisses, das völlig neue Perspektiven schafft“. Lehrer haben das Römerschiff als „schwimmendes Klassenzimmer“ entdeckt, aber auch für Weinproben und sogar Trauungen wurde die Lusoria schon gebucht – in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Standesamt.

Die „Lusoria Rhenania“ ist ein Kunstwerk. Kiel, Spanten und Planken werden durch rund 4.000 handgeschmiedete Eisennägel zusammengehalten.

Rund 300.000 Euro hat der Bau gekostet, der aus Spenden finanziert wurde. Bei wissenschaftlichen Testfahrten 2011 wurde mit einer eingespielten Rudermannschaft kurzzeitig eine Höchstgeschwindigkeit von ca. sechs Knoten erreicht, unter Segeleinsatz sogar sieben Knoten, was etwa 13 Kilometern pro Stunde entspricht. Um vergleichbare Daten zu Manövrierfähigkeit, Strömungsverhalten oder Fahreigenschaften des Schiffes zu erhalten, wurde zusätzlich der Rumpf des Schiffes im Maßstab 1:3 gebaut und in der Schiffsversuchsanstalt Potsdam, im dortigen 250 m langen „Indoor-Schleppkanal“ wissenschaftlich getestet.

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Die etwa fünf Tonnen Gewicht können von maximal 24 Ruderern in Bewegung gesetzt werden, bis zu 30 Menschen haben auf der „Navis Lusoria“, dem „tänzelnden Schiff“ Platz. Um die Instandhaltung und Pflege zu gewährleisten, wurde der „Verein zur Förderung von Umweltbildung und römischer Geschichte“ gegründet, der das Schiff als Plattform nutzt, um Geschichte erlebnisorientiert  zu vermitteln – und auf die Bedeutung des sensiblen Naturraumes der Pfälzer Rheinauen hinzuweisen. Mit riesigem Erfolg – die Leute lieben das Römerschiff. 25 Vereinskollegen sind allein im vergangenen Jahr mit rund 7.000 Menschen bei 270 Fahrten über den Setzfeldsee gerudert und 2015 scheint sich das fortzusetzen.

Langsam treiben wir jetzt über das Wasser. „Da hinten ist meine Lieblingsstelle“ sagt Dieter Heim und zeigt auf eine kleine Insel, um die wir die Lusoria jetzt steuern. Eine herrliche Ruhe und eine besondere Magie liegt über dem See, als plötzlich seltene Flussseeschwalben über unsere Köpfe segeln. „Das ist hier Idylle pur“, schwärmt der Kapitän. „Wir haben hier schon eine ganz besonders lebens- und liebenswerte Region, in der man nicht nur gut arbeiten, sondern auch sehr gut leben und seine Freizeit genießen kann“. Die Metropolregion habe viele solcher Orte zu bieten, wo kreative Ideen eine ideale Symbiose mit fast unberührter und harmonischer Natur eingehen.

So harmonisch war es hier allerdings nicht immer. Schiffe wie die Lusoria Rhenana wurden im 4. und 5. Jahrhundert von den Römern als Patrouillenschiffe zur Grenzsicherung gegen den Ansturm der Germanen auf dem nassen Limes Rhein eingesetzt. Die Kriegsschiffe des Typs Navis Lusoria waren schnell und wendig. Immer wieder erzählt der passionierte Hobby-Historiker bei seinen Fahrten spannende Geschichten aus der Römerzeit, präsentiert schon mal ein Langschwert oder Sesterzen mit den Kaisern der Epoche. Unweit vom See wurde in einem Baggersee der „Barbarenschatz“ gefunden – „eine Gegend voller Geschichte“. Wie die gesamte Metropolregion.


http://lusoriarhenana.de

 

Lusoria-Team_Claus-Geiss