Andreas StanitaJulian Beekmann

Hopfen und Pfalz, Gott erhalt‘s!

Vom Deutschen Weintor aus führt die Weinstraße rund 85 Kilometer Richtung Norden nach Bockenheim. Kurz vor ihrem Ziel durchquert sie die Gemeinde Grünstadt. Dort, mitten im Weinbaugebiet, fassten zwei Pfälzer vor zehn Jahren einen Entschluss: hier soll die fast vergessene regionale Tradition des Bierbrauens wieder aufleben.

 

Je mehr man sich der BrauArt-Manufaktur nähert, desto schmaler werden die Gassen in Sausenheim. Der 2300-Einwohner-Stadtteil gehört erst seit 1969 zur Gemeinde Grünstadt. Hier, fast am Ende einer Sackgasse versteckt, liegt der Hof von Familie Krämer. „Meine Frau und ich bewirtschaften das Familiengut in fünfter Generation“, sagt Mathias Krämer. „Für unsere Eltern, Großeltern und Ur-Großeltern war Grünstadter Bier eine Selbstverständlichkeit. Zwischen 1800 und 1970 gab es bei uns sechzehn Brauereien.“

Wie jeden Samstagvormittag öffnet um 11 Uhr morgens die „Shady Alley“ ihre Pforten. „Unser kleines Micro-Pub haben wir typisch britisch eingerichtet. Wir schenken zweimal die Woche aus: samstagmittags und mittwochabends – bei gutem Wetter draußen im Hof.“

Nur wenige Minuten nach Öffnung der Bar kommen die ersten Gäste. „Fünf Bloodlight Double Red Ipa – bitte!“ schallt die Bestellung in kryptischem Denglisch zum Wirt hinüber. Eine Motorradgang junger US-Amerikaner aus dem benachbarten Armee-Standort Kaiserslautern bestellt die erste Runde. Mathias Krämer eilt hinter den Tresen und beginnt aus einem der sechs Messinghähne sauerkirschrotes Bier zu zapfen.

Mathias Krämer: Studierter Getränketechnologe und Craft Beer Enthusiast.

„Die Idee mit dem Craft Beer stammt von meinem Freund Markus Adler. Wenn Markus von einer seiner Belgienreisen zurückkam, hat er immer Bier in großen Champagnerflaschen mitgebracht. Er hat sich damals ständig beschwert, warum alle Biere bei uns gleich schmecken. Heute kenne ich den Grund: die Dominanz der deutschen Großbrauereien. Sie haben die Kleinen aufgekauft und deren Betrieb eingestellt. Sie tragen die Schuld am massenkompatiblen Einheitsgeschmack, der heute dafür sorgt, dass alle Biere austauschbar sind. Dagegen mussten wir was tun!“

Statt die Idee als Bierlaune abzutun, machen sich die Freunde ans Werk. Der studierte Getränketechnologe Krämer weiß, was zu tun ist: eine kleine Brauanlage muss her. Mathias und Markus legen 2011 ihr Erspartes zusammen und kaufen einen Sudkessel, der es ihnen ermöglicht bis zu 70 Liter eigenes Bier zu brauen. „Das war damals als reines Hobby gedacht. Wir haben viel experimentiert und mussten zu Beginn unzählige Liter ungenießbarer Plörre wegkippen. Irgendwann aber hatten wir den Dreh raus. Die Zutaten haben gepasst, die Abläufe waren einstudiert, das Ergebnis konnte sich schmecken lassen.“ Mit den ersten gelungenen Bieren brechen sie zu Craft-Beer-Festivals in ganz Deutschland auf. „Rückblickend waren diese Touren überambitioniert. Zwar haben wir Gleichgesinnte kennengelernt, aber bei diesen Messen Aufmerksamkeit für ein Produkt zu erregen ist fast unmöglich. Da buhlen zu viele um die Gunst der Besucher.“

„Der Beginn war extrem aufregend und arbeitsintensiv, denn die Hopfen- und Gersten-Sorten von damals werden heute nicht mehr angebaut.“

Der rettende Marketing-Gedanke kommt den Biermachern zuhause in Grünstadt, denn hier gibt es ein Bier-Phantom aus vergangenen Zeiten: die Brauerei Jost. Ob in Vereinsheimen, Partykellern oder auf Dachböden – das alte Brauerei-Logo aus vergangenen Zeiten ist immer noch präsent. Mal prangt es auf Aschenbechern, mal auf Biergläsern oder vergilbten Sonnenschirmen.

Mathias und Markus begeben sich auf Spurensuche und werden fündig: Fast 50 Jahre nach dem Verkauf der Brauerei ist die Grünstadter Familie Jost immer noch im Besitz der historischen Original-Rezepte. Auch die Namensrechte liegen nach Jahrzehnten wieder bei der Familie. Die Josts freuen sich über das Interesse der beiden Bier-Enthusiasten und stehen bei Wiedergeburt der alten Marke Pate.

„Der Beginn war extrem aufregend und arbeitsintensiv, denn die Hopfen- und Gersten-Sorten von damals werden heute nicht mehr angebaut. Wir haben lange experimentiert und viele Zeitzeugen befragt, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren“, erzählt Mathias Krämer. „Unser Bier ist eine Neuinterpretation, die den Charakter des Originals trägt. Für mich ist es ein Ritterschlag, wenn mich ältere Semester ansprechen und mir mit leuchtenden Augen bestätigen: Das Bier schmeckt so gut wie früher!“

Mit dem Neustart der Grünstadter Ur-Marke steigt in Sausenheim nicht nur die Auslastung der neuen 5-Hektoliter-Brauanlage, sondern auch das Arbeitspensum. Produktion, Marketing und Vertrieb – beide Brauer klotzen rund um die Uhr ran, bis es Markus, der sich zusätzlich noch um einen Pflegefall in der Familie kümmert, zu viel wird. Schweren Herzens verlässt er 2017 die Firma und Mathias Krämers Frau Christina steigt ein.

2018 knacken die Krämers zum ersten Mal die magische Grenze von 25.000 Litern Bier. Fünf in Farbe, Geschmack und Alkoholgehalt grundunterschiedliche Biersorten sind im Programm und schäumen auch jede Woche aus den Zapfhähnen der „Shady Alley“. Mindestens eine Saisonbierkreation ergänzt das Sortiment zusätzlich. Auch das deutsche Reinheitsgebot vermag es nicht, der Kreativität des Braumeisters Grenzen aufzuzeigen. Das vielbeachtete „Holy-Spirit“-Bier entsteht unter Zugabe von Dattelmelasse, Myrrhe und Olivenzweigen, aber Mathias Krämer experimentiert auch liebend gern mit heimischen Zutaten: mit Kräutern, Fichtennadeln, Birkenrinde – und Tannenzapfen aus der Region.


www.brau-art.com