Durch Odenwälder Sprachlandschaften

Von Neckarelz über Mudau bis nach Hardheim – mit einem Abstecher nach Bayern. Der 73,8 Kilometer lange Mundartweg im Odenwald führt durch zehn Gemeinden, zwei Landkreise, zwei Bundesländer – und durch eine Vielzahl an Dialekten. Hans Slama, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins in Mudau, will so die sprachliche Vielfalt seiner Heimat bewahren.

Es ist ein bisschen wie beim Spiel „Stille Post“: Die Worte verändern sich schleichend, fast unmerklich. Ein anderer Buchstabe, eine etwas andere Aussprache. Von Ort zu Ort verschieden, aber doch noch verständlich. Am Ende der Reise jedoch, ist der Unterschied enorm. Dann wurde aus dem „Wedderhaahn“, wie die Lohrbacher sagen, in Höpfingen der „Kerchegöüger“. Dabei liegen zwischen den beiden Orten gerade einmal 40 Kilometer.

Dr. Isabell Arnstein und Hans Slama: Zwei Dialektexperten im Gespräch.

Der Odenwald ist reich an Dialekten, an kleinteiligen Sprachregionen. Und seit dem Frühjahr 2022 sind diese unterschiedlichen Sprachlandschaften sogar „erfahrbar“ – auf dem Mundartweg, der über 73,8 Kilometer quer durch den Odenwald führt. Von Neckarelz über Mudau bis nach Hardheim, mit einem Abstecher ins unterfränkische Kirchzell und das Barockstädtchen Amorbach. Gemeinden, die nah beieinander liegen, durch Bundesland- und Landkreisgrenzen aber immer recht abgeschirmt voneinander gelebt und sich so einige sprachliche Eigenheiten bewahrt haben.

Ein Gedicht über Großmutters Garten ziert die Station von Mudau.
Grossmudders Gaarde in Mundart,
Großmutters Garten auf Hochdeutsch.

25 Stationen umfasst der Weg. An jeder Station wartet ein Text in der Mundart des jeweiligen Ortes auf Wanderer oder Radfahrer:innen. Mal eine Anekdote oder eine Erzählung, mal ein Gedicht oder ein Lied. Zum Lesen gibt es sie auf einer Schautafel am Wegesrand und zum Hören über das eigene Smartphone per QR-Code. Einmal im Dialekt, einmal auf Hochdeutsch – für alle, die nicht so sicher sind, was sie da eben gelesen oder gehört haben.

Die Dialektvielfalt seiner Heimat hat Hans Slama immer fasziniert. Seit 20 Jahren ist er Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins in Mudau. Vor einiger Zeit haben sie hier einen Mundart-Stammtisch ins Leben gerufen. „Bei dem jeder sou babbeln ka, wie er ebbe sou babbele dudd.“ Und sie merkten schnell: „Das ist gar nicht mehr so einfach! Uns haben einige Wörter gefehlt, die wir in der Kindheit ganz selbstverständlich benutzt haben. Jetzt saßen wir da und mussten nachdenken, bis die uns wieder einfielen.“ Das hat ihn erschreckt – und er beschloss, etwas dagegen zu tun. Er wollte den Dialekt, zumindest in seiner jetzigen Form, bewahren und konservieren: „Wer weiß, in einigen Jahren fallen uns die Wörter sonst gar nicht mehr ein!“

Durch den Dialekt ist man gleich so ‚nah bei de Leut‘

Hans Slama

Er wandte sich an das Bezirksmuseum in Buchen. Hier gibt es einen Sprachraum, in dem Mundartbeispiele aus der Region gesammelt werden. Dr. Isabell Arnstein vom Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen leitet das Projekt und war sofort begeistert, als Hans Slama ihr von seiner Idee eines Mundartwegs erzählte. „Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist der Norden Baden Württembergs und das bayerische Unterfranken extrem spannend“, erzählt sie. „Weil es dazu bisher kaum Forschung gibt.“ Keine Universitäten in der Nähe, wenig Lobby – über die Gründe kann auch sie nur spekulieren. „Wir sind hier im Grenzgebiet zwischen Baden, Bayern und Hessen – so am Rand lebt man immer etwas abgeschirmter.“

Isabell Arnstein erforscht den Dialekt der Region.

Vermutlich auch deshalb definieren sich die Odenwälder hier viel stärker über Ortsdialekte als anderswo. „Hier fühlt man sich primär als Kirchzeller oder Mudemer, in zweiter Position eventuell als Franke und erst an dritter Stelle als Bayer oder Baden-Württemberger“, erklärt Arnstein. Und genauso stolz ist jeder Ort auf seinen Dialekt – und pflegt die Eigenheiten durchaus auch in Abgrenzung zum Nachbarort.

Diese Verbundenheit mit dem Heimatort ist auch auf dem Mundartweg zu spüren. Hans Slama steht im blendenden Sonnenschein vor der Mudauer Schautafel. Gleich dahinter führt der „Smart Pfad“ den Berg hinauf. Er liest das Gedicht über „Großmudders Gaarde“ vor. Es beginnt mit der Zeile „Kem Oort iss sou schẽj wie in Muudi“ – „Kein Ort ist so schön wie Mudau“. Weiter nordöstlich, in Höpfingen, wird die „Hååmet mit de viele Råå(n) un Büggl“, die „Heimat mit den vielen Hängen und Buckeln“ besungen. „Man erfährt über die Texte auch immer etwas über den Ort oder die Menschen, die dort gelebt haben“, erzählt Slama.

Der Mundartweg nutzt das gut ausgebaute Radweg-Netz im Odenwald.

Schwierig sei es nicht gewesen, die passenden Anekdoten und Erzählungen zu finden: „Es war eher so, als hätten die Leute auf so etwas wie den Mundartweg nur gewartet“, sagt Slama. Es hat ihm Spaß gemacht, die Texte einzusammeln. „Durch den Dialekt ist man gleich so ‚nah bei de Leut‘ und sie haben sich immer sehr gefreut, dabei zu sein. Das ist ja auch eine Wertschätzung, die es für Dialektsprecher ja leider nicht immer gibt.“

Viel mehr Arbeit war es, die Mundart-Erzählungen zu verschriftlichen und ins Hochdeutsche zu übersetzen. „Es ist schwierig, dabei phonetisch alles richtig wiederzugeben“, berichtet Isabell Arnstein. „Das war für die vielen ehrenamtlichen Beteiligten eine enorme Arbeit.“ Doch auch sie hat viel gelernt dabei und für ihre eigene Forschung verwendet. „Es macht schon Spaß zu sehen, wie sich der Dialekt im Laufe des Mundartwegs wandelt. Im Norden, etwa in Hardheim, ist noch viel ‚o‘ und ‚u‘ zu hören. Im Süden werden die Vokale dann heller, es kommen mehr ‚a‘ oder ‚i‘ vor. Die Sprache wird melodischer und weicher.“ Arnstein freut sich, durch den Mundartweg den „Ist“-Zustand der Dialekte in der Region festhalten zu können – auch wenn sie nicht glaubt, dass sie verschwinden werden. „Sie verändern sich, so wie Sprache sich immer verändert, aber ganz aussterben werden Dialekte nie.“

Lauschiges Plätzchen: Hans Slama und Walter Thier an der Station in Langenelz.

Der Mundartweg führt vorbei an Streuobstwiesen und Maisfeldern, durch Wälder und Felder. Teils den Main-Neckar-Radweg oder die Kurpfalzachse entlang. Alles gut ausgebaute, gut beschilderte Radwege. Auch die „Wanderbahn“ kann man hier entdecken, die Strecke der ehemaligen Schmalspurbahn von Mosbach nach Mudau. So steht die Schautafel des Mundartwegs in Langenelz mitten im Wald, auf einem lichten Platz mit Holzliege, neben der ein Bach hinab plätschert. Hier legte die Dampflok früher immer eine Verschnaufpause ein, bevor es weiter den Berg hinauf nach Mudau ging, und tankte Wasser aus einem kleinen Bach nach. Wobei die Einheimischen hier natürlich „die Baach“ sagen würden.

An jeder Station erfahren Wanderer und Radfahrerinnen Wissenswertes über den Ort und die Region.

Obwohl der Weg viel Arbeit war – Hans Slama würde am liebsten gleich weiter machen. „Im Norden, in Miltenberg, geht ja der Mainradweg durch, in Neckarelz der Neckartalradweg – da könnte man doch wunderbar expandieren.“ Ein ganzes Netz an Mundartwegen schwebt ihm vor, ein Netzwerk der Dialekte. Das verbindet anstatt zu trennen.  


https://contao.bezirksmuseum.de/mundart/mundartweg.html

Auf der Seite des Bezirksmuseum gibt es eine Landkarte – und viele weitere Hörbeispiele des Mundartwegs.

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