Einmal im Jahr wird die älteste Kneipe Ludwigshafens wiederbelebt. Die „Schwarze Katz“ gibt es seit 1864 – länger als die BASF. Pünktlich zur Kerwe im Herbst öffnet Familie Enzenauer den urigen Gastraum dann für einen guten Zweck. 

Leicht schimmert es noch heute, das alte Pferdegeschirr. Im ehemaligen Ausschankraum der Ludwigshafener Kneipe „Schwarze Katz“ hängt es mit seinen blank polierten Metallzierden an der Wand. Gleich daneben thronen zwei Porträts. Von Pferden, wohlgemerkt. Denn diese beiden müssen ganz besonders gewesen sein – schon allein, weil sie die letzten waren, die die Familie Enzenauer besaß. Und auf den Festtagsumzug zur Kerwe schickte. Geschmückt mit dem schönen Pferdegeschirr für den Kirchweihtag noch aus dem Jahr 1905.

„Mein Vater hatte ein Transportunternehmen“, erzählt Thomas Enzenauer und bevor Alois Enzenauer mit Lastwagen durch Ludwigshafen fuhr, um die boomende Industriestadt mit Kies oder Sand zu versorgen, hatten ihm seine beiden Pferde gute Dienste erwiesen. In der alten Kneipe, die sein Sohn Thomas Enzenauer einmal im Jahr und für den guten Zweck zur Kerwe öffnet, kann man sie noch sehen: solche Erinnerungsstücke der Familie. Aber eben auch aus der Ludwigshafener Stadtgeschichte. 

Thomas Enzenauer mit seinem Sohn Timon, der an den Kerwetagen die „Schwarze Katz“ mit offen hält.

Gegründet wurde die „Schwarze Katz“ im Jahr 1864 – die Jahreszahl ist noch über der Tür mit ihrem schönen Sandsteinsturz abzulesen. Und dass drei recht hohe Stufen zu ihr hinaufführen, war keinesfalls Zufall: Der Landstrich zwischen Frankenthal und Oggersheim hatte schon einige schlimme Hochwasser erlebt, die erst die Rheinbegradigung endgültig abwenden sollte. Dementsprechend hoch wurde auch die neue Kneipe gebaut. „Zum Start der Ausschankwirtschaft war Friesenheim noch wie ein Bauerndorf“, erzählt Thomas Enzenauer – daran erinnert auch der Name der Bauernwiesenstraße, in der die alte Gastronomie liegt. In der „Katz“ trank also zunächst die Landbevölkerung ihr Feierabendbier – ehe schon ein Jahr später die Badische Anilin und Soda Fabrik (BASF) ihren Betrieb nur wenige hundert Meter weiter aufnahm. Und zu einem Weltkonzern wurde. 

1965 wurde die BASF 100 – dazu erschien eine Wirtschaftschronik der Stadt Ludwigshafen. Foto: Wind
1965 wurde die BASF 100 – dazu erschien eine Wirtschaftschronik der Stadt Ludwigshafen. Foto: Wind

Erst 1859 hatte das damals noch bayrische Ludwigshafen von König Maximilian II. seine Stadtrechte verliehen bekommen. Wenige Jahre später steigerte die BASF die Anzahl ihrer Mitarbeiter von anfangs 30 auf über 10.000 im Jahr 1914. Und mit ihr wuchs auch der Zulauf auf die „Katz“: „Zeitweise hatte Friesenheim ein richtiges Bermuda Dreieck aus Kneipen“, erzählt der drahtige Finanzexperte, der sich die grauen, glatten langen Haare zu einem Zopf gebunden hat. Geboren 1961, hatte er selbst lange bei der BASF gearbeitet. An ein historisches Foto von dort erinnert er sich noch gut: Auf ihm seien unzählige Frauen zu sehen gewesen, die vor dem Werkstor auf ihre Männer warteten – um ihnen die Lohntüte abzunehmen, damit der Verdienst nicht womöglich in einer Kneipenkassen landete. 

Heute sind Gastronomien wie die „Katz“ fast ausgestorben. „Vielleicht ist der Wunsch danach aber stärker denn je.“ Gerade in Zeiten, in denen sich so Vieles ins Digitale verlagert, werden „Dritte Orte“ wichtiger: Ende der 1980er-Jahre hatte Ray Oldenburg in seinem Buch „The Great Good Place“ Räume beschrieben, an denen sich Menschen wie in einem zweiten Wohnzimmer willkommen fühlen – abseits ihres eigenen Zuhauses und ihrer Arbeitsstelle. Die Idee dazu war dem US-Amerikaner nach einem Umzug in den „unglaublich ruhigen Vorort“ Pensacola, Florida, gekommen. Da es dort keine öffentlichen Treffpunkte gab, bewirtete er seine Freunde in seiner umgebauten Garage kurzerhand selbst. In gewisser Weise ist diese Anekdote aus der Soziologie dem Engagement von Thomas Enzenauer heute nicht unähnlich, der sich stark im Radsport und in Vereinen für andere engagiert: „Friesenheim hat zwar immer noch etwas Dörfliches, aber die Treffpunkte verschwinden.“ Er will die Menschen zusammenbringen. Auch deshalb ist die „Katz“ zwar offiziell geschlossen, zumindest einmal im Jahr aber dann doch geöffnet – als Besenwirtschaft, in der viele Geschichten noch da sind. 

Die Treffpunkte verschwinden.

Und viel altes Mobiliar: Der „Maffenbeier“, Ludwigshafens urige Gastronomie direkt am Goerdelerplatz im Hemshof, war zwar auch schon Ende des 19. Jahrhundert entstanden. Hatte jedoch durch einen Brand seine ursprünglichen Einbauten verloren. Im Gegensatz dazu ist das Inventar in der „Katz“ noch original – die gemütlichen Eckbänke, die blank polierten Tische und die schlichten Stühle, die schöne Wandvertäfelung aus dunklem Holz und ein türkisfarbener Kachelofen mit Figurenschmuck.

Ein altes Leuchtschild mit der Werbung einer längst vergangenen Biermarke erinnert daran, dass Thomas Enzenauers Oma Erna die Kneipe zwar 1975 schloss, dann aber mit Einbauten in eine Pension verwandelte. Ehe Mitte der 1990er-Jahre ihr Enkel damit begann, den gemütlichen Urzustand mit all den Erinnerungsstücken wiederherzustellen. Und um eigene Akzente zu ergänzen: Heute pflastern nicht nur alte Straßenschilder oder Fotos die Decken und Wände, sondern auch eindrucksvolle Relikte aus der Radsportgeschichte – während Thomas Enzenauer auf Landesverbandsebene den Nachwuchs trainiert, war seine Schwester 1981 deutsche Radsport-Weltmeisterin geworden. Die jüngste in ihrer Disziplin.

Ute Enzenauer wurde 1981 deutsche Radsport-Weltmeisterin - die jüngste in ihrer Disziplin. Daran erinnern auch einige Erinnerungsstücke in der "Schwarzen Katz". Foto: Torsten Redler
Ute Enzenauer wurde 1981 deutsche Radsport-Weltmeisterin – die jüngste in ihrer Disziplin. Daran erinnern auch einige Erinnerungsstücke in der „Schwarzen Katz“. Foto: Torsten Redler

Dazu erzählen Motorradteile, stilvoll beleuchtete Erinnerungsstücke und Flaschen, aber auch Tourenbilder aus der Welt von Harley Davidson, von Enzenauers Leidenschaft. Die sich wiederum auch auf die „Katz“ auswirkt: Wenn einmal im Jahr für vier Tage die Kneipe geöffnet wird, dann helfen neben Thomas Enzenauers Frau Sandra und seinem Sohn Timon auch die „Friesenheimer Harley-Freunde“ mit. Und an die 40 weiteren Menschen – alle ehrenamtlich. Gespendet werden sämtliche Einnahmen dann für einen guten Zweck. Für soziale Projekte und Initiativen in Ludwigshafen. Um zu zeigen, dass in Friesenheim alles für die Katz ist – und doch nichts.


Die nächste Friesenheimer Kerwe findet vom 26. bis 29. September 2026. Die „Schwarze Katz“ hat am Samstag, Montag und Dienstag ab 18 Uhr, am Sonntag zum Rock-Frühschoppen ab 11 Uhr geöffnet. Die Einnahmen werden in diesem Jahr an die Street Docs Ludwigshafen und den Kinderschutzbund gespendet.

Newsletter

Ausflugstipps und interessante Geschichten über die Rhein-Neckar-Region gibt es regelmäßig in unserem Newsletter.

Und so geht’s: Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse in das Feld ein und klicken Sie auf abonnieren. Sie erhalten daraufhin eine automatisch generierte Nachricht an die von Ihnen genannte E-Mail-Adresse, die Sie nur noch bestätigen müssen. Fertig!

Abbrechen

Suche

Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors