Von Himmelsstürmern und Höllenmaschinen

Seit 1996 leitet Holger Hamann die Werkstatt des Technik Museums Sinsheim. Bei einem Rundgang durch das Museum zeigt sich: Erwachsen wird hier so schnell keiner.

Eine Putzmaschine? Ein kleiner Transporter? Ein Ausstellungsstück? Irgendwie verloren und ziemlich unscheinbar steht die kleine, rote Maschine in der Halle 2, neben dem ältesten noch existierenden LKW und leerer Ausstellungsfläche. Darauf angesprochen, kann Holger Hamann ein Grinsen nicht verkneifen. Nur Sekunden später sitzt der Werkstattleiter des Technik Museums auf dem kleinen Gefährt, zieht den Anlasser, schaltet das Licht an und aus, hupt und tuckert mit erstaunlicher Geschwindigkeit davon. Ja, ein Ausstellungsstück. Ein Muli-Mobil aus den 1960er-Jahren. Doch der alte Werkschlepper ist noch aktiv im Einsatz. „Wenn wir Autos umstellen wollen, ziehen wir sie hiermit.“ Der kleine Schlepper kann bis zu 6000 Kilogramm ziehen, ein Vielfaches seines Gewichts.

Werkstattleiter Holger Hamann fährt mit Brutussi durch das Technik Museum Sinsheim.

Hupend grüßt Hamann Kollegen, die in allen Ecken zugange sind. Die Halle 2 wird derzeit bei laufendem Betrieb umgebaut. „He, ich will auch!“ ruft ein Kollege von einem Gerüst herab. „Morgen!“ tröstet Hamann. „Brutussi“ tauften die Mitarbeiter den Schlepper. Und mit ihr fährt Hamann nun quer durchs Museum zu Brutus, ihrem großen, höllischen Bruder. Ein museumseigenes Experimentalfahrzeug, ein Rennwagen mit BMW-Flugmotor. 12 Zylinder, 750 PS. Wenn Brutus startet, klingt es, als würde der Motor gleich explodieren. Er raucht und heult, spuckt Flammen und dröhnt. Ein Rennwagen, so gefährlich, dass sie ihn Brutus getauft haben – weil er stets darauf aus sei, seinen Fahrer töten zu wollen.

Höllische Maschine: Das museumseigene Experimentalfahrzeug Brutus.

Wer kommt auf so eine Idee? „Unser Chef“, sagt Hamann und meint damit Museumspräsident Hermann Layher. „Der ist verrückt.“ Hamann lacht. „Positiv verrückt“, schiebt er schnell hinterher. „Ohne ihn, wären wir nicht das Museum, das wir heute sind.“ Er will, dass die Besucher Technik genauso erleben wie er selbst: faszinierend, begeisternd. Mit Ausstellungsstücken zum Anfassen, Reinsetzen, zum Hören, Fühlen und Runterrutschen. Dann reicht es eben nicht, wenn auf dem Museumsgelände irgendwo eine Concorde rumsteht. Wenn schon, dann soll sie rauf aufs Hallendach, in Startposition aufgestellt und bitteschön noch begehbar werden. Nicht nur einmal hat Hamann angesichts solcher Ideen den Kopf geschüttelt. „Aber irgendwie haben wir es doch immer hinbekommen.“

Das Museum war eine Stammtisch-Idee, wie Pressesprecherin Simone Lingner erzählt. Im Spätjahr 1980 trafen sich begeisterte Technik-Liebhaber, darunter der Unternehmer Eberhard Layher. Sie teilten die Liebe zu alten Fahrzeugen und ein Problem: Viel zu wenig Platz für die liebevoll restaurierten Schmuckstücke. Also beschlossen sie, gemeinsam eine große Halle zu mieten. Und – um die Miete etwas gegenzufinanzieren – für andere Technikfans zugänglich zu machen. Am 6. Mai 1981 öffnete das Museum und Woche für Woche kamen mehr Besucher.  1991 kam der zweite Standort des Museums hinzu, das Technik Museum Speyer. Die Leitung der Museen übernahm Sohn Hermann Layher. Die Ausstellungsfläche in Sinsheim wuchs von 5000 auf mittlerweile über 33.000 Quadratmetern.  Erst im vergangenen Jahr wurde die neue Halle 3 eröffnet – mit einer Sonderausstellung über den „Mythos Alfa Romeo“.

„Wir könnten locker nochmal drei Hallen mehr bestücken“

Träger beider Museen ist der Verein Auto + Technik Museum Sinsheim e. V. mit weltweit mehr als 3500 Mitgliedern. Die meisten Ausstellungsstücke gehören diesen Mitgliedern und sind nur „leihweise“ in Sinsheim. Doch nach wie vor trudeln fast täglich E-Mails ein von Menschen, die ihren Oldtimer, ihr Motorrad, ihren alten Traktor gerne dem Museum zur Verfügung stellen würden. „Wir könnten locker nochmal drei Hallen mehr bestücken“, sagt Hamann.

Die aktuelle Sonderausstellung: „Mythos Alfa Romeo“.

Er selbst kam 1990 in die Region. Er arbeitete als gelernter Schlosser in einem Metallverarbeitungsbetrieb. „Mir hat das keinen Spaß gemacht. Das war total stupide – jeden Tag Bleche biegen.“ 1991 las er eine Anzeige in der Zeitung: das Technik Museum suchte einen Schlosser. „Ich hab‘ ein Faible für Motorräder und mich sofort beworben.“ Erfolgreich. Fünf Jahre später übernahm er die Leitung der Werkstatt. Bleche biegt er heute keine mehr. Dafür fliegt er um die Welt, holte die Tupolev TU-144 aus Russland ab, begleitete die Concorde F-BVFB auf ihrer letzten Reise, organisiert, löst Probleme und – macht vieles möglich.

Hamann vor den Triebwerken der Concorde.

Er steht nun vor den Triebwerken der Concorde, unten in der Halle. Hier wird auch der Transport des Flugzeugs nacherzählt, ein spektakuläres Massenereignis. „Das ist und bleibt wohl mein schönstes Erlebnis“, sagt er. Schon als die Concorde nach ihrem letzten Flug auf dem Baden-Airpark landete, ging dort nichts mehr. „Die Straßen waren verstopft, überall standen Menschen“, erzählt Hamann. Auf dem Flughafen ließen sie das Restkerosin aus dem Tank. „Dafür haben wir die Triebwerke im Stand laufen lassen – auf Volldampf.“ Bis heute, erzählt er, kann er fühlen, wie damals der Boden bebte und ein Dröhnen die Luft erfüllte, das bis in die Brust spürbar war. Hamann badet jetzt in Erinnerungen und in Superlativen. „Spektakulär, unvergesslich“, sei das gewesen. Und so blieb es, die ganze Strecke bis nach Sinsheim. Egal ob das Flugzeug auf dem Wasser unterwegs war oder die letzten Kilometer auf der Autobahn – überall waren Menschen. „Selbst nachts um drei! Man konnte noch nicht einmal kurz pinkeln gehen, weil man immer damit rechnen musste, dass im Gebüsch jemand sitzt“.

Weltweit einzigartiger Anblick: Die Überschall-Konkurrenten Tupolev und Concorde direkt hintereinander.

Dass nun auf dem Dach des Museums die ehemaligen Überschall-Konkurrenten Tupolev und Concorde direkt hintereinander in den Himmel ragen, ist weltweit einzigartig. Aber lange nicht die einzige Besonderheit des Museums. In Sinsheim steht etwa auch das Rekordfahrzeug „The Blue Flame”. Mit dieser Kreuzung aus Auto und Rakete fuhr der Amerikaner Gary Gabelich als erster Mensch über 1000 Stundenkilometer schnell. Noch heute kommt seine Familie regelmäßig nach Sinsheim. „Das ist schon toll, wenn dann hier Gabelichs Enkel stehen und sehen, mit welchem Gefährt der Opa da unterwegs war“, erzählt Hamann.

Blick auf das Rekordfahrzeug „The Blue Flame”.

Solche Besuche sind keine Seltenheit. Sowohl nach Sinsheim als auch nach Speyer kommen oft Menschen, die eine ganz besondere Beziehung zu bestimmten Ausstellungsstücken haben. Egal ob Concorde-Pilot, Tupolev-Ingenieur, U-Boot-Kommandant – sie alle freuen sich, hier ab und an noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen. Genauso wie die Vereinsmitglieder wissen sie, dass die einzigartige Technik – die Flugzeuge ebenso wie Tanzorgeln – hier in guten Händen ist. Bei Menschen, die mit ebenso viel Leidenschaft bei der Sache sind wie die rund 650.000 Besucher, die jährlich das Museum besuchen.

Am besten erlebbar ist diese Leidenschaft am BRAZZELTAG in Speyer, jedes Jahr am zweiten Maiwochenende. An diesem Tag erwachen die Ausstellungsstücke der Museen zum Leben, Brutus und Brutussi sind hier ebenso unterwegs wie motorisierte Bobbycars oder eine historische Feuerwehr. „Ein Riesenspielplatz für Technikfans“, wie es Simone Lingner formuliert. Ein Spektakel – hinter dem jedoch jede Menge Fachkenntnis steckt. „Wir sind schließlich auch das einzige Team der Welt, das mal eine Boeing 747 auseinandergenommen und wieder zusammengeschraubt hat“, erzählt Hamann. „Dabei hat selbst Boeing gesagt, dass das nicht machbar sei.“ Doch solche Aussagen haben das Team des Museums ja noch nie aufgehalten.


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