Als Christo das DAI verpackte

Seit Jahrzehnten ist das Deutsch-Amerikanische Institut in Heidelberg ein Ort für Austausch, Debatten und Kunst, wie die erste große Verpackungsaktion von Christo im Jahr 1969 zeigte. Gegründet 1946, sollte es die Werte der westlichen Welt einst ins ehemalige Nazi-Deutschland bringen. Heute wird im Haus der Kultur über den Fortbestand der Demokratie diskutiert. Und über den Zustand der Welt.

Das Schloss einpacken? Auf gar keinen Fall! Als Christo im Mai 1969 eine Anfrage beim Heidelberger Gemeinderat stellte, ob er den Glockenturm des ehrwürdigen Baus mit Folie verhüllen könnte, war die Antwort schnell klar: Das Gebäude sei baufällig und dürfe nicht einmal angetastet werden, befanden die Stadtoberen. Schon gar nicht verhüllt! So suchte sich der damals noch völlig unbekannte Künstler kurzerhand einen anderen Ort: das Deutsch-Amerikanische Institut, das DAI.

Ein roter Roller rast an der Gründerzeitvilla des Heidelberger DAI vorbei.
Das DAI in Heidelberg liegt an einer vielgefahrenen Straße. Der zweite Blick zeigt aber Reste eines Botanischen Gartens, den es einst hier gab.

Jahrzehnte später ist Lena Jöhnk, seit Anfang 2025 Direktorin des DAI, noch immer von Christos Kraftakt und seiner ersten Verpackungsaktion beeindruckt: Mit 20 Helfer:innen, 1900 Metern weißer Gitterfolie, 900 Metern Draht und 450 Metern Seil ließ er das Gebäude in ein Kunstwerk verwandeln – auch wenn einige Menschen lästerten, seine Aktion gleiche eher einem überdimensionalen Notverband als einer Installation. „Aber Christo wollte zeigen, welche Rolle Kunst im öffentlichen Raum spielen kann“, sagt Jöhnk – und welche das DAI. Diskussionen waren ihm jedenfalls sicher. Und Aufmerksamkeit.

Lena Jöhnk steht am ehemaligen Treppenaufgang des DAI in Heidelberg. Foto: Julian Beekmann
Lena Jöhnk ist seit Anfang 2025 Direktorin des DAI.

Nach Jahren bei Goethe-Instituten in der Türkei und in den USA hat Jöhnk das DAI von seinem langjährigen Direktor Jakob Köllhofer übernommen. Und die Frage nach der Außenwirkung ihres Kulturinstituts ist vielleicht aktueller denn je: Der Wandel der transatlantischen Beziehungen stellen das einstige „Amerikahaus“ vor immer neue Herausforderungen. Dem Dialog gibt die Direktorin dafür umso engagierter Platz: „Demokratieförderung ist Teil unserer DNA. Dafür suchen wir immer neue Formen.”

Beratschlagt wird an diesem sonnigen Morgen in der öffentlichen Bibliothek der schönen stuckverzierten Gründerzeitvilla tatsächlich – über Kurzfilme und Kinderliteratur. Eine kleine Gruppe von Zehnjährigen hat sich für ein Film-Camp zwischen den deckenhohen Bücherregalen vor Laptops postiert, um gemeinsam kurze Videos zu planen. Der kleine Ausschnitt aus dem Ferienprogramm des DAI zeigt, für wen das Programm hier gedacht ist: für alle. Es gibt Näh-Cafés und Debattierclubs, Vorlesestunden und Sprachkurse auf unterschiedlichsten Niveaus. Ein Kinderbuchfestival, ein internationales Literaturprogramm sowie jeden Herbst ein Wissenschaftsfestival gehören zum Profil des Hauses. Zudem ist das DAI mit drei englischsprachigen Kitas verbunden.

„Wir arbeiten politisch unabhängig.“

Die DAI Library ist die einzige nicht akademische englischsprachige Bibliothek in der Metropolregion Rhein-Neckar mit einem breiten Angebot an Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur. Ein Teil davon könnte zukünftig ein Café werden. „Wir wollen ein öffentliches Wohnzimmer sein“, sagt Lena Jöhnk, die gemeinsam mit ihrem Team regelmäßig nicht nur Musiker:innen, Künstler:innen, Journalist:innen oder Schriftsteller:innen wie Daniel Kehlmann, Nora Gomringer oder Bernhard Schlink zu sich einlädt, sondern die gesamte Stadtgesellschaft.

2018 war der Dalai Lama in Heidelberg zu Gast - und besuchte auch das DAI. Hinter ihm steht der langjährige DAI-Direktor Jakob Köllhofer. Foto: Diemer Schemel
2018 war der Dalai Lama in Heidelberg zu Gast – und besuchte auch das DAI. Hinter ihm steht der langjährige DAI-Direktor Jakob Köllhofer. Foto: Diemer Schemel

Zwölf Deutsch-Amerikanische Zentren gibt es in Deutschland, mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Das Heidelberger Haus gehört zu den größten und ist breit aufgestellt. Untergebracht ist es in einer ehemaligen Ärztevilla – an der vielbefahrenen Straßenkreuzung wenige Meter von der Plöck, von der Universitätsbibliothek mit seinem Codex Manesse und dem Bismarckplatz entfernt hat sich der kleine Rest eines einst üppigen Botanischen Gartens erhalten. Im Laufe der Geschichte hat das Gebäude schon einige Wahlnächte (und Parties) miterlebt, aber auch Protestaktionen wie gegen den Vietnam-Krieg. Politiker wie zuletzt Angela Merkel oder Würdenträger wie der Dalai Lama waren hier schon zu Gast, das Vortragsprogramm ist hochkarätig, aber nicht elitär, bekräftigt Jöhnk, die von 2013 bis 2018 das Programm des Goethe Instituts in Washington leitete. 

Stuckverziert: Das DAI ist in einer alten Gründerzeitvilla untergebracht, vor der es sogar mal einen üppigen Botanischen Garten gab.
Stuckverziert: Das Gebäude des DAI war einst als Ärztevilla entstanden.

Was hat sie in dieser Zeit von den US-Amerikanern gelernt? „Offenheit“, sagt die gebürtige Norddeutsche. In den USA habe sich über einen langen Zeitraum eine Willkommenskultur etabliert. Ja, das Land habe sich zuletzt stark verändert, die Pole etwa zwischen einer ausgeprägten Spitzenwissenschaft und krasser Bildungsarmut würden immer weiter auseinanderdriften. Aber der Freiheitsgedanke und der Glaube an die Kraft der Selbstverwirklichung sei nach wie vor sehr ausgeprägt.

Die Geschichte des DAI zeigt aber auch, wie sehr sich Deutschland seit der Gründung verändert hat: „Re-Education“ war damals das Schlagwort, um den Menschen im ehemaligen Nazi-Deutschland die Demokratie nahe zu bringen. Als das DAI 1946 gegründet wurde, stammte das Geld noch zu 100 Prozent aus den USA. Heute wird das Haus durch eigene Einnahmen, durch die Stadt Heidelberg und das Land Baden-Württemberg finanziert. Dazu kommt ein kleinerer finanzieller Anteil vom Auswärtigen Amt und US-amerikanische Gelder. Jöhnk: „Wir arbeiten politisch unabhängig.“


Allerdings sei es immer wichtiger, „Denkräume“ zu schaffen und zu verteidigen: Wie sollte man mit Krisen umgehen – in den USA, in Nahost oder weltweit? „Unser größtes Anliegen ist es, Dialoge zu fördern, ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben“, sagt die promovierte Kulturwissenschaftlerin. Dafür testet sie auch immer wieder neue Veranstaltungsformate. Wie Fishbowls, bei dem sich die Zuschauenden in die Mitte einer Expertenrunde begeben. Und so die Grenzen zwischen den Akteur:innen auf der Bühne und den Menschen im Publikum aufweichen. Das direkt miteinander gesprochene Wort sei noch immer unersetzbar – zu oft würden Debatten digital und dadurch leider auch sehr polarisierend geführt. 

1969 fand das Kunst-Festival "Intermedia" statt, das Klaus Staeck organisierte. Teil davon war auch Christos erste, große Verpackungsaktion - des DAI. Foto: Jochen Goetze
1969 fand das Kunst-Festival „Intermedia“ statt, das Klaus Staeck organisierte. Teil davon war auch Christos erste, große Verpackungsaktion – des DAI. Foto: Jochen Goetze

„Ich beobachte immer größere Verhärtungen in der Gesellschaft.“ Daher ist es Lena Jöhnk so wichtig, Grautöne im „ständig zunehmenden Schwarz-Weiß“ zu fördern. In einem Haus, das international aufgestellt ist und Weltoffenheit lebt: „Unsere Aufgabe ist es nicht, zu bekehren, sondern zu inspirieren, neue Sichtweisen zu vermitteln“. Ihr größter Wunsch? „Ich bin glücklich, wenn die Leute sagen: Jetzt habe ich etwas Neues erfahren.“ Das passt jedenfalls wunderbar zu dem Ansatz, den auch Christo 1969 verfolgte: In stoischer Gelassenheit ließ er das DAI-Gebäude umwickeln, auch wenn Dachziegel zerstört wurden und ein hoher Sachschaden entstand. Dass die erste Verpackungsaktion des Künstlers damals so dilettantisch wirkte, störte ihn nicht. Denn der Anfang seiner Künstlerkarriere war gemacht: „Wahrscheinlich war es Christos unvollkommenstes Werk“, so erinnerte sich der Künstler Klaus Staeck an die gemeinsame Aktion später. Dafür aber sei eine Faszination entstanden, „die in der Perfektion nur selten gelingt“.


www.dai-heidelberg.de

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