Funken schlagend rollt die Sonne ins Tal

Wenn es am Fastnachtsdienstag dunkel wird, lodern im Süden des Odenwalds Flammen auf. Dann rollen riesige Feuerräder die Hänge hinab und bringen Frühling und Fruchtbarkeit – so jedenfalls der Glaube. Woher kommt der Brauch? Larissa Anton hat einen Film über die Bräuche im Odenwald gedreht.

Frau Anton, Sie leben ganz im Norden des Odenwalds, im hessischen Reinheim. Wie sind Sie auf die Tradition der Feuerräder gestoßen, die ja eher im Süden Richtung Neckar verbreitet ist?

Larissa Anton: Das war 2015, als ich einen Film über Geistergeschichten und Geisterglauben in früheren Zeiten gedreht habe. Damals bin ich auf verschiedene Feuerbräuche gestoßen, die die Geister des Winters vertreiben sollen. Darunter waren auch die Feuerräder.

Heiße Sache: Das Feuerrad in Wilhelmsfeld wird von Feuerwehrleuten bewacht. Foto: Freiwillige Feuerwehr Wilhelmsfeld

Wie muss man sich so ein Feuerrad vorstellen?

Früher bestand es aus einem großen, hölzernen Wagenrad, das vor dem Abrollen wochenlang im Wasser lag. So wollten die Menschen verhindern, dass es selbst Feuer fängt. Das Rad wurde dann mit Stroh umwickelt und angezündet. Heute sind die Feuerräder eher walzenförmige Metallkäfige, in die Stroh gestopft wird.

Früher wurde das Stroh um ein Wagenrad gewickelt. Foto: Dr. Heinrich Winter / Museum für Stadtgeschichte und Volkskunde Heppenheim

Ihr erstes Feuerrad haben Sie in Brombach, einem Ortsteil von Eberbach, erlebt. Wie war das?

Das war schon sehr schön. Damals lag viel Schnee und das Feuerrad schlug wahnsinnig viele Funken. So ähnlich muss es früher gewesen sein, als die Felder an Fastnacht meistens noch unter einer Schneedecke lagen und die Menschen die grünen Wiesen herbeisehnten. Die Brombacher sind außerdem die einzigen weit und breit, die ihr Rad – wie früher – das letzte Stück frei den Berg herunterrollen lassen. In allen anderen Orten wird das Feuerrad an zwei langen, schmalen Baumstämmen ins Tal geleitet, die seitlich im Stroh stecken. Dazu braucht man auf jeder Seite mindestens fünf Mann. In Brombach ziehen die Männer die Baumstämme auf ein Kommando heraus. Das Feuerrad wird dann wirklich sehr schnell.

Welche Bedeutung steckt hinter dem Brauch?

Das Feuerrad symbolisiert die Sonne, die über die Flur und die Felder rollt und dort Fruchtbarkeit verbreitet. In Brombach zeugt davon der Spruch: „Sinnbild der Sonne, springe zu Tal, grüße den Frühling vieltausendmal.“ Der Brauch geht vermutlich auf die Germanen zurück. Auf jeden Fall gab es ihn schon im frühen Mittelalter. Damals sind große Teile des Klosters Lorsch abgebrannt, weil sie von brennenden Holzscheiben getroffen wurden. Das sogenannte Scheibenschießen gehörte damals ebenfalls zur Tradition der Feuerräder: Die Menschen legten Holzscheiben ins Feuer und brachten sie so zum glühen. Dann schleuderten sie sie Richtung Sonne. Wo die Scheiben landeten, war allerdings schwer zu kontrollieren. In Brombach, einem Stadtteil von Eberbach, wird das heute noch gemacht, wenn auch in leicht abgewandelter Form mit besonderen Eichenfackeln. Sie werden im Kreis geschleudert und stellen das Kreisen des Sonnenrads dar.

Sinnbild der Sonne, springe zu Tal, grüße den Frühling vieltausendmal

Feuerrad-Spruch in Brombach

Oft unterscheiden sich Traditionen ja schon von einem Ort in den nächsten. Wie sieht das bei den Feuerrädern aus?

In Darsberg gehört zum Abrollen des Feuerrads heute zum Beispiel ein Hexenumzug mit alemannischen Hexenmasken. In einigen Orten wird am Fastnachtsdienstag statt eines Feuerrads auch ein Fastnachtshaufen angezündet. Das kann ein kegelförmiger Scheiterhaufen sein oder ein Rost, auf dem man zum Beispiel ausgediente Christbäume verbrennt. Ein Dorf fällt allerdings ganz aus dem Rahmen, das ist Groß-Breitenbach. Dort gibt es eine Fasselsäule: ein etwa acht bis zehn Meter langer Fichtenstamm, der mit Stroh umwickelt, aufgerichtet und dann angezündet wird. Diesen Brauch gibt es in der Region sonst nirgends. Man findet ihn unter dem Namen „Hom Strom“ aber in der Schweiz. Wie er nach Groß-Breitenbach kam, konnte ich leider nicht herausfinden.

Groß-Breitenbach ruft mit einer Fasselsäule den Frühling herbei. Foto: Heinrich Winter/ Museum für Stadtgeschichte und Volkskunde Heppenheim

Sie haben gerade einen zweiteiligen Film über Bräuche aus dem Odenwald veröffentlicht. Welche anderen Traditionen haben Sie besonders fasziniert?

Als Pferdeliebhaberin gefällt mir der Gangolfsritt sehr gut, den es in Amorbach, Neudenau und Schlierstadt gibt. Am zweiten Mai-Wochenende werden die Pferde gesegnet, um sie vor Krankheit und Unheil zu schützen. Dazu kommen etliche Kutschen und Reiter, in Neudenau auch viele in historischen Gewändern. Früher war ein Pferd für die Bauern überlebenswichtig. Wurde es krank oder starb, hat der Bauer seine Arbeit nicht geschafft und es gab weniger zu essen.

Alte Sagen und Bräuche faszinieren sie: Larissa Anton beim Dreh. Foto: Larissa Anton

Hauptberuflich arbeiten Sie als Grundschullehrerin. Wie kamen sie dazu, sich mit den Sagen und Traditionen des Odenwalds zu beschäftigen?

Ich bin mit Märchen aufgewachsen, das hat meine Fantasie sehr beflügelt. Als ich anfing, Filme zu machen, und mir selbst keine richtig spannende Handlung einfiel, war es naheliegend, auf Sagen und Legenden zurückzugreifen. Es gibt so viele Geschichten, die keiner kennt – was schade ist.

Was macht für Sie das Besondere des Odenwalds aus?

Die Vielseitigkeit der Landschaft, aber auch die drei Länder, die im Odenwald zusammenkommen. Zwischen Hessen, Baden und Bayern merkt man übrigens auch Unterschiede bei den Traditionen. Im fränkischen Teil des Odenwalds, der eher katholisch geprägt ist, gibt es etwa mehr christliche Bräuche. Zum Beispiel das Tragen der Mutter Gottes im Advent, das Marias Herbergssuche darstellt. Die Kinder ziehen mit einer Marienfigur von Haus zu Haus und sagen althergebrachte Reime auf. Die Figur wird dann jeweils für eine Nacht in ein Haus eingeladen. Einige Kilometer weiter ist diese Tradition schon nicht mehr üblich.

In ihren Filmen erzählt Larissa Anton am liebsten von alten Traditionen und Bräuchen.

Haben Sie den Eindruck, dass die örtlichen Traditionen im Odenwald noch stark gepflegt werden – oder geraten sie langsam in Vergessenheit?

Die Odenwälder sind sehr stolz auf ihre Region. Bei meinen Dreharbeiten habe ich deshalb sehr viel Unterstützung erfahren – egal, ob ich eine Kutsche brauchte, Kostüme, Schauspieler oder einen Hirsch, den ich filmen konnte. Wenn ich meine Filme über Sagen und Legenden im Odenwald zeige, stößt das immer auf großes Interesse. Noch größer ist allerdings das Interesse an der Dokumentation über die Bräuche – was mich selbst überrascht hat.

Feuerrad in Dühren: Ein flackerndes Sinnbild der Sonne. Foto: Freiwillige Feuerwehr Dühren

Glauben Sie, dass die Tradition der Feuerräder erhalten bleibt?

Die Feuerräder sind sehr spektakulär und ziehen jedes Jahr viele Besucher an, auch von außerhalb. Da sehe ich durchaus Chancen, dass sie noch lange rollen werden.


Filme von Larissa Anton

Auf Wunsch zeigt Larissa Anton ihre Filme über die Sagen und Bräuche des Odenwalds gerne bei einer Veranstaltung. Wer Interesse an einem bestimmten Film hat, kann sich ebenfalls an sie wenden: wildweibchen@gmx.net

Newsletter

Ausflugstipps und interessante Geschichten über die Rhein-Neckar-Region gibt es regelmäßig in unserem Newsletter.

Und so geht’s: Geben Sie Ihre E-Mail Adresse in das Feld ein und klicken Sie auf abonnieren. Sie erhalten daraufhin eine automatisch generierte Nachricht an die von Ihnen genannte E-Mail Adresse, die Sie nur noch bestätigen müssen. Fertig!

Abbrechen

Suche

Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors