Die Burg ertasten, die Stadt mit den Ohren erkunden und im Rollstuhl durch den Park flanieren – das alles geht in Annweiler am Trifels. Das historische Städtchen in der Südpfalz gehört zu den Vorreitern des barrierefreien Tourismus. Eine Erkundungstour für alle Sinne.
In jungfräulichem Schwarz erhebt sich der Bergfried der Burg Trifels in den herbstlich blauen Himmel. Von abgegriffenen Türmen und goldglänzenden Stellen noch keine Spur. Doch wenn das Tastmodell am Eingang zur Altstadt in Annweiler am Trifels die Erwartungen erfüllt, wird sich das bald ändern.
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Die Burg Trifels ertasten: Unser Video zeigt, wie barrierefrei Annweiler erlebbar ist.
Vorsichtig, aber bestimmt gleiten Ralf Augspurgers Finger an der Ringmauer entlang. „Wo geht man in die Anlage rein?“, will er von seinem Begleiter wissen. Der greift seine Hand und führt sie erst unter der Brücke zum Brunnenturm durch, dann zum unteren und schließlich zum oberen Burgtor. Von dort aus wandert Augspurger weiter, bleibt an den zerklüfteten Felsen hängen, dann an den Beschriftungen, die in Brailleschrift in das Modell eingelassen sind und die einzelnen Teile der Burg bezeichnen. „Diese Ausmaße waren mir nicht klar“, sagt er schließlich. „Ich war zwar schon mal auf der Burg, aber ich habe mir sie eher als Ruine vorgestellt.“
Mit der Hand erfasst Ralf Augspurger zum ersten Mal die Dimensionen der Burg.
An diesem sonnigen Tag im Herbst ist Augspurger nach Annweiler gekommen, um die barrierefreien Angebote der Stadt zu testen – oder zumindest einige davon. 2015 hatte das Land Rheinland-Pfalz die Südliche Weinstraße als Modellregion für barrierefreien Tourismus ausgezeichnet. Seitdem haben sich in der ganzen Region etliche barrierefreie Angebote entwickelt. Für Menschen mit Gehbehinderungen gebe es bereits ein gutes Angebot, findet Christian Bohr, Projektleiter für barrierefreien Tourismus an der Südlichen Weinstraße – „vom Wein übers Wandern bis hin zu Hütten“. Für andere Gruppen kommen Stück für Stück Angebote hinzu – wie etwa das Tastmodell der Burg Trifels.
Das Tastmodell der Burg Trifels...
...ermöglicht auch Blinden einen Eindruck von der Burg.
Und ein Audioguide erzählt weitere spannende Geschichten über Annweiler.
Die Markwardanlage leuchtet in herbstlichen Farben.
Sie gilt für Sehbehinderte...
...als "teilweise barrierefrei"
Menschen mit Gehbehinderungen können hier problemlos flanieren.
Ermöglicht wurde das Modell im Rahmen des Interreg-Projekts „Burgen am Oberrhein“ – gemeinsam mit Modellen der Burg Landeck und der Madenburg. Und es überzeugt selbst Augspurger. Der drahtige Mann trägt die grauen Haare in einem Zopf, seine Füße stecken in Wanderschuhen, in der Hand hält er einen Blindenstock. „Ich wurde ohne Iris geboren“, erzählt er. Seit er 40 Jahre alt ist, ist er blind.
Ich höre, dass hier eine Mauer ist. Nehme war, wenn ein Baum auf mich zukommt. Ich spüre die Sonne, merke wo der Wind herkommt.
Ralf Augspurger über das Wandern als blinder Mensch
Den dreifach gespaltenen Felsen, der der Burg Trifels ihren Namen gab, die majestätischen Ausmaße von Turm und Palas, die Anordnung der Tore und Wege – all das konnte er bis dato nur erahnen. Und auch wenn er sich seine Umgebung eigentlich lieber wandernd erschließt, so ist das Tastmodell für ihn doch eine gute Ergänzung: „Ich finde es gut, dass es wirklich nur die Burg abbildet, statt die ganze Stadt oder die Topografie der Region.“ Andere Tastmodelle erlebt er oft als unübersichtlich. Das Exemplar in Annweiler habe ihm aber tatsächlich ein neues Bild von der Burg vermittelt.
Christian Bohr, Projektleiter für barrierefreien Tourismus an der Südlichen Weinstraße, will noch viele weitere Angebote in der Region schaffen.
Die kleine Wandergruppe kehrt der Altstadt den Rücken zu und macht sich auf den Weg zur Markwardanlage. Ein barrierefreier Rundweg führt durch den großzügigen Park, vorbei am Schwanenweiher, der Kneippanlage, Rastmöglichkeiten, dem Spielplatz, der Konzertmuschel und sogar zu den Pfalz-Lamas, mit denen man durch die Umgebung wandern kann. Wie auch das Trifelsbad trägt der Rundweg das Zertifikat „Reisen für alle“, mit dem barrierefreie Angebote ausgezeichnet werden. Damit Menschen mit Gehbehinderungen problemlos flanieren können, hat die Stadt einige Wege verlegt, erzählt Christina Abele, die das örtliche Tourismusbüro leitet. Nun stören weder Entwässerungsrinnen noch zu steile Gefälle den anderthalb Kilometer langen Weg.
Herbstidylle in Annweiler.
Auch für Menschen mit Sehbehinderung gilt die Markwardanlage laut Zertifikat als „teilweise barrierefrei“. Ralf Augspurger probiert aus, ob er ohne Hilfe den Weg findet. Der Wanderer, der in Mannheim lebt, kommt gerade von einer Tour auf die Zugspitze. Anderthalb Kilometer und maximal sechs Prozent Steigung auf breiten, teils asphaltierten Wegen, wirken dagegen wie ein Klacks.
Die Markwardanlage können auch Menschen im Rollstuhl ohne Hindernisse erkunden.
Und tatsächlich sind es meist nicht die Beschaffenheit der Wege oder das Gelände, die Augspurger auf seinen Touren Schwierigkeiten bereiten. „Das größte Hindernis ist der Einstieg“, sagt er – denn dass man den findet, wird bei den meisten Tourenbeschreibungen vorausgesetzt. Für Blinde ist das aber oft gar nicht so leicht: Obwohl sowohl das Tastmodell der Burg Trifels als auch der Einstieg in den barrierefreien Rundweg durch die Markwardanlage nur wenige Meter von einer Bushaltestelle entfernt sind, hätte Augspurger sie ohne Begleitung nicht gefunden. Was helfen würde? „Eine Beschreibung, zum Beispiel auf der Homepage“, regt Augspurger an.
Mit Stock über Stein.
Vom Weiher am Eingang macht er sich auf den Weg. Ausladend schwenkt er seinen Stock nach links und rechts, bis er an den Randsteinen, die den Weg begrenzen, eine Orientierung findet. Als seine Sehkraft immer mehr nachließ, versuchte er es erst mit Fahrradfahren im Tandem. „Das war mir aber zu schnell“, erinnert er sich. „Bei dem Tempo konnte ich die Umgebung um mich herum gar nicht aufnehmen.“ Zu Fuß erlebt er alles viel intensiver: „Ich höre, dass hier eine Mauer ist. Nehme war, wenn ein Baum auf mich zukommt. Ich spüre die Sonne, merke wo der Wind herkommt. Gehe jeden Schritt zweimal – weil ich meinen Fuß erst vorsichtig tastend aufsetze und dann erst richtig auftrete.“
Beim Wandern ist Augspurger mit allen Sinnen unterwegs.
Heute wandert Augspurger fast jede Woche und bietet mit dem „Schwarzwaldverein Pfalz – Weitsicht“, dessen Inklusionswart er ist, jedes Jahr mehrere Wanderwochen für Sehende und Blinde in der Region an. Er hofft, damit Berührungsängste abzubauen. Als er vor 25 Jahren auf die Suche nach Wandergruppen ging, die einen blinden Wanderer mitnehmen würden, sagten so gut wie alle ab. „Manche denken, dass man einen Blinden an zwei Händen führen muss oder dass wir sehr langsam sind und schmale Wege gar nicht gehen können“, erzählt er. Dabei kann Augspurger so gut wie alle Wege gehen und berührt seinen Begleiter dabei nur leicht am Arm. „Bei den Wanderungen fallen meistens die Sehenden, nicht die Blinden“, fügt er noch hinzu.
In der Markwardanlage kommt er auch auf eigene Faust gut voran – abgesehen von dem ein oder anderen Abstecher in eine Zufahrt. „Mir macht es nichts, wenn ich mal in einer Einfahrt lande. Da finde ich schon wieder raus.“ Allerdings gehe es nicht allen Menschen mit Sehbehinderung so: „Viele trauen sich nicht, alleine loszugehen. Sie haben Angst, die Orientierung zu verlieren.“ Eine bessere und auch für Blinde zugängliche Wegbeschreibung – vor allem an Kreuzungen – wäre aus seiner Sicht deshalb gut. Und: „Büsche, die auf Augenhöhe in den Weg ragen, sind sehr gefährlich.“ Er schnappt sich den Ast einer Eibe, der ihn im Gesicht erwischt hatte. Christina Abele und Christian Bohr hören aufmerksam zu, fragen immer wieder nach. Schließlich soll es weiter vorangehen mit dem barrierefreien Tourismus in der Südpfalz.
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