1939 errichteten die Nationalsozialisten eine 630 Kilometer lange Grenzbefestigung. Ein Teil des sogenannten Westwalls hat sich in Bad Bergzabern erhalten. Ein Bollwerk aus Bunkern und Panzersperren, deren Geschichte Martin Galle lebendig hält. Indem er vom Alltag der Soldaten, von Zwangsarbeit und Enteignungen, aber auch von der Hoffnung in Kriegszeiten erzählt.
Pink war das Papier, das durch die Bürgermeistereien den Menschen überreicht wurde. „Marschausweis“ stand oben in altdeutscher Schrift, daneben „Fußmarsch“. Dann ein Hinweis: „Dieser Ausweis ist auf dem Marsch stets mitzuführen“. Von einem auf den anderen Tag mussten Anfang September 1939 Hunderttausende Menschen im damaligen Gau Saarpfalz ihre Häuser und landwirtschaftlichen Höfe verlassen. Sie sollten die Läden schließen, die Schlüssel in den Türen stecken lassen, die Polizei, so hieß es, würde sich kümmern. Ein Jahr zuvor, am 28. Mai 1938, also noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, hatte Adolf Hitler den „gewaltigen und beschleunigten Ausbau unserer Verteidigungsfront im Westen“ befohlen. So auch in der Südpfalz.
Drei massive Bunkeranlagen als Mahnung: Das Westwallmuseum in Bad Bergzabern.
Die Planungen, die bereits seit 1936 existierten, sahen vor, innerhalb weniger Monate eine etwa 630 Kilometer lange Grenzbefestigung von Kleve bis zur Schweizer Grenze mit rund 18.000 Bunkern und Panzersperren fertigzustellen. Sie führte auch an Bad Bergzabern entlang. Strategisch diente der Westwall zur Vorbereitung des Angriffskrieges von Hitler-Deutschland im Osten. Psychologisch sollte er die Deutschen auf den Krieg vorbereiten und die Westmächte von einer Intervention abschrecken, wobei die Anlage propagandistisch als uneinnehmbar dargestellt wurde.
Martin Galle leitet das Museum ehrenamtlich.
Heute ist der Westwall Geschichte. Dass er aber besichtigt werden kann, dass die Erinnerung an das einstige Bollwerk des Krieges wach bleibt, ist Leuten wie Martin Galle zu verdanken. Er leitet das Westwallmuseum in Bad Bergzabern, die französische Grenze ist von hier aus nur wenige Kilometer entfernt. Das Museum ist ein grüner Hügel, darauf verteilt liegen drei Bunkeranlagen. Von außen sind nur ein paar graue, oben abgerundete Betonwände zu sehen. Wer mehr erfahren will, muss hinabsteigen ins Innere: Dort ist es kühl, zehn Grad, sommers wie winters. Von den einst tausenden Anlagen ist heute nur noch ein Bruchteil erhalten, die drei Artilleriebunker in Bad Bergzabern stehen inzwischen unter Natur- und Denkmalschutz. Und sie vermitteln ein Gefühl davon, was das Bollwerk damals bedeutete – für die Soldaten vor Ort. Aber auch für die Zivilbevölkerung.
Nur wenige Kilometer von der französischen Grenze liegt das Westwallmuseum.
Wer das Museum in Bad Bergzabern erkunden will....
...muss hinabsteigen ins Innere.
10 Grad hat es hier – sommers wie winters.
Martin Galle will, dass die Menschen nicht vergessen.
Und dokumentiert im Museum die Schrecken des Krieges.
Und den Alltag der Soldaten in den Bunkern.
Seit vielen Jahren betreut Martin Galle das Gelände, seine Frau sitzt an der Kasse, wenn das Museum zwischen Ostern und Ende Oktober geöffnet ist. „Das ist fast ein Vollzeitjob“, sagt der Mann mit dem grauen, kurzen Haaren über seine ehrenamtliche Tätigkeit. Das Museum finanziert sich allein über die Eintrittsgelder und sporadische Spenden. „Krieg findet nicht nur im Fernsehen statt, Krieg ist real“, sagt der Museumsleiter, der will, dass die Menschen nicht vergessen: Erst vor wenigen Jahrzehnten hatte der Krieg auch in Deutschland getobt, und er griff in das Leben der Menschen ein, zerstörte Existenzen.
Es sind diese Einzelschicksale, die Ungerechtigkeiten und Leid von damals illustrieren
Museumsleiter Martin Galle
Etwa durch die Evakuierung ganzer Dörfer, die dem Westwall und der sogenannten Roten Zone an der Grenze zu Frankreich im Weg standen. Oder durch die Enteignung von Unternehmen, die in dem Geländestreifen lagen. Die sogenannte „Reichsstelle“ wollte die „saarpfälzische Grenzindustrie“ beseitigen. Ihr Erhalt, so hieß es im Behördendeutsch, sei „durchaus nicht erwünscht“. Deshalb habe man die Maschinen bereits beschlagnahmt und der Firma Salamander „überwiesen“, musste da etwa die Firma Rheinberger aus Pirmasens erfahren. „Es sind diese Einzelschicksale, die Ungerechtigkeiten und Leid von damals illustrieren“, sagt Galle. Daten, Fakten, das könne jeder irgendwo nachlesen, er aber will die Menschen berühren, in dem sein Museum von Lebenswegen erzählt.
Das Museum erzählt die Lebensgeschichten verschiedener Menschen im Krieg.
Um den Alltag in der Bunkeranlage zu veranschaulichen, hat er einen der Bunker mit originalen Ausrüstungsgegenständen fast wie damals eingerichtet: Darin finden sich Feldbetten, Lüftungsanlagen, Öllampen, Gewehrständer, Öfen, eine Trockentoilette, Klapptische und -stühle. Dazu Radios, Seifen, Liederbücher oder auch ein Notfallbehälter für Lebensmittel.
Blick in die Vergangenheit – mit originalen Ausrüstungsgegenständen.
Ein anderer Bunker widmet sich den Schicksalen von Menschen. An den Wänden hängen Zettel und Dokumente, die von damals erzählen. Eben von der Firma Rheinberger, die enteignet wurde. Von Heinrich Hubert, einem Arbeiter zur Errichtung des Westwalls, der wegen angeblicher Plünderung durch ein Sondergericht zum Tode verurteilt wurde. Oder von Eugène Kurtz, der wie Hunderttausend andere Männer aus dem von den Deutschen besetzten Elsass in der Wehrmacht Kriegsdienst ableisten musste; Malgré-nous, wider unseren Willen, werden sie heute genannt. „Als die Männer später, nach dem Krieg, in ihre Heimat, also nach Frankreich, zurückkehrten, wurden sie argwöhnisch beäugt oder gar ausgegrenzt, schließlich hatten sie beim Feind gedient“, erklärt Martin Galle. Es gibt aber auch Geschichten wie die von Renate Bechtold, die die Zeit der Bombenangriffe auf Bad Bergzabern, die den kleinen Pfalzort verwüsteten, in einem der Bunker verbrachte. „Als kleines Kind hat mich dieser Bunker gerettet“, hat sie Jahre nach dem Krieg ins Museumsgästebuch geschrieben.
Martin Galle kennt diese und noch mehr Geschichten, er hat viel gelesen und selbst recherchiert. Alles Militärische interessiert ihn, schon seit jeher. „Ich bin Hobbymilitärhistoriker“, sagt er. Schon mit 16 Jahren habe er zusammen mit französischen und deutschen Interessierten in Frankreich am Erhalt der Maginot-Linie, der französischen Befestigungsanlage, gearbeitet. Zugleich betont Galle, dass das Westwallmuseum kein Kriegsmuseum sei. Im Gegenteil: Die Menschen sollen vielmehr spüren, was Krieg anrichtet, dass er nichts Gutes ist, keine Lösung. Etwa 2000 Besucher:innen kommen jedes Jahr, um die Bunker zu besichtigen. „Denen versuche ich das dann zu erklären.“ Dass der Nationalismus zunimmt, ebenso die Geschichtsvergessenheit, treibt Galle um. Er weiß aber auch: „Ich kann nur im Kleinen versuchen, meinen Beitrag zur Aufklärung zu leisten.“
Martin Galle kämpft mit seinem Museum gegen das Vergessen.
Wirklich fertig gestellt wurde der Westwall im Übrigen nie. Mit der Besetzung der Beneluxländer und Frankreichs durch Nazi-Deutschland 1940 hatte sich die militärische Bedeutung der Anlage vorerst erledigt. Erst kurz vor Kriegsende, als der Ostfeldzug längst verloren war, richtete sich Hitlers Blick zwangsläufig wieder gen Westen. Die Propaganda vom uneinnehmbaren Westwall war zu der Zeit aber nur noch das: eine Lüge. Die Alliierten rückten unaufhaltsam näher, das Kriegsende war eine Frage der Zeit. Ab Mitte März 1945 fanden die schwersten Kämpfe um die Einnahme der Bunkerlinie statt. Bad Bergzabern wurde den Nationalsozialisten am Abend des 22. März 1945 abgerungen. Drei Tage später hatten die Amerikaner den Rhein bei Germersheim erreicht – die Südpfalz war befreit.
Früher Unterschlupf für Soldaten, heute Heimat von Pflanzen und Tieren.
Eine der ersten Aktionen der Besatzungsmächte galt der Zerstörung der meisten Wehranlagen. Die neue Bundesrepublik Deutschland setzte das Aufräumen fort. Bis Historiker:innen und Naturschützer:innen einschritten. Denn neben dem Mahnmal erfüllt das, was vom Westwall noch übrig ist, auch noch einen anderen Zweck: In den Relikten siedeln heute Pflanzen und Tiere. Der einstige Ort des Krieges – für sie ist er nun ein Lebensraum.
Geöffnet ist das Westwallmuseum ab Karfreitag bis Ende Oktober an jedem 2. und 4. Sonntag im Monat sowie an Feiertagen in Rheinland-Pfalz von 11 bis 17 Uhr (geschlossen an Ostersonntag und Pfingstmontag)
Gruppen und Schulklassen können es ganzjährig besichtigen: Kontakt per Telefon: 0152/59659063 oder via E-Mail: westwallmuseum@Bad-Bergzabern.de
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