Mit Lichtermacher und weißen Frauen durch Heppenheim
Wenn in Heppenheim die Dunkelheit anbricht, leuchten sie auf: Sagenhafte Gestalten, die Straßenlaternen in der Altstadt zieren. Bei Laternenführungen erwachen diese Gestalten und ihre Geschichten zum Leben – in den Raunächten ein ganz besonderes Ereignis.
Die Gassen der Heppenheimer Altstadt sind fast menschenleer an diesem Winterabend. Nur hier und da sind dumpfe Schritte oder leises Stimmengemurmel zu hören. Fast ein wenig unheimlich – wäre da nicht der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz, der mit tausenden Lichtern gegen die Dunkelheit anleuchtet. Etwas abseits des Platzes scheint eine Laterne in die Schunkengasse, die hier vom Marktplatz abzweigt. Darunter steht eine Gestalt auf einer Leiter. Weißes Gesicht, schwarzer Hut, langes Kleid, die Hände ruhen auf einem großen Buch.
Für die Raunächte wählen die Laternenführer:innen besondere Sagen aus.
Im Schein der Laterne fängt Pia Keßler-Schül an zu erzählen, von einem Lichtermacher aus Kirschhausen, einem Ortsteil von Heppenheim. Sein Sohn hätte jeden Tag seine Kerzen in der Stadt verkauft. Bis er eines Tages einen seltsam gekleideten Mann traf. Dieser führte ihn durch eine Geheimtür im Hang des Schlossbergs in ein unterirdisches Schloss und gab ihm dort viel Geld für seine Kerzen. Nichts davon solle er einem anderen Menschen erzählen, verlangte der Mann. Und als der Sohn es schließlich doch tat, blieb die Tür verschwunden. „Und der Junge und auch kein anderer haben sie je wieder gefunden.“
Ganz in ihrem Element: Pia Keßler-Schül liebt es, Menschen mit den Geschichten zu unterhalten.
Mit einem geheimnisvollen Lächeln schließt Pia Keßler-Schül das Buch vor ihr. Die Laterne über ihr zeigt eine Szene aus der Sage: Ein Junge, der einem mysteriösen Mann eine Kerze überreicht. Ein Scherenschnitt des Künstlers Albert Völkl. Einer von 150, die seit dem Hessentag 2004 überall in der Heppenheimer Altstadt zu finden sind. Für das Fest hatte Stefan Behr, künstlerischer Leiter des Straßentheaterfestivals „Gassensensationen“, gemeinsam mit Völkel das Konzept für den Laternenweg entwickelt. Mit Motiven aus hessischen Sagen, aus allen Regionen des Landes. Über die Riesen vom Felsenmeer , den Wachhund Melampus von der Starkenburg bis zu Geistern, die Frauen nachts mit Mehl bestäuben.
Quer durch die Heppenheimer Altstadt...
führt seit 2004 der Laternenweg.
Pia Keßler-Schül ist seit den Anfängen dabei.
Sie liebt Geschichten und alte Sagen.
Die für den Laternenweg aus allen Teilen Hessens zusammengetragen wurden.
Gut 20 mal im Jahr schlüpft Keßler-Schül in die Rolle als Laternenführerin.
Und trägt unter den Laternen die Sagen vor.
Pia Keßler-Schül ließ sich damals für den Hessentag als Stadtführerin ausbilden. Die Aufgabe reizte sie. Sie ist in Heppenheim aufgewachsen, hat bis zur Geburt ihrer Kinder beim Kreis Bergstraße in der Verwaltung gearbeitet. Doch die waren mittlerweile groß, ihre Tochter machte die Schulung zur Stadtführerin mit ihr gemeinsam. „Obwohl ich mein ganzes Leben hier verbracht habe, war ich sicher, dass es vieles gab, was ich nicht über meine Heimatstadt wusste.“
Es ist immer eine besondere Atomsphäre. Die Menschen werden still und hören aufmerksam zu.
Pia Keßler-Schül
Der Lehrgang machte ihr Spaß und als die Stadt auch für den neuen Laternenweg Führer:innen suchte, meldete sie sich sofort. „Ich fand die Idee wunderschön – ich habe Geschichten schon als Kind geliebt.“ Auch heute, über 20 Jahre später, schlüpft sie immer noch gerne in die Rolle der Laternenführerin. „Es ist immer eine besondere Atomsphäre. Die Menschen werden still und hören aufmerksam zu.“ Dass die Laternenführungen auch in digitalen Zeiten funktionieren, in denen Formate immer kürzer und lauter werden, freut sie besonders. „Die Führungen sind immer entschleunigend.“
Entschleunigend: Die Führungen in den Raunächten haben eine ganz besondere Atmosphäre.
Normalerweise finden die öffentlichen Laternenführungen in Heppenheim von April bis Oktober statt. „Doch die Nachfrage ist auch im Winter nicht abgerissen“, erzählt Pia Keßler-Schül. Also entschied die Stadt, zusätzliche Touren anzubieten. Aber nur an ganz besonderen Tagen: zwischen Weihnachten und Neujahr, dem ersten Teil der Raunächte. Sie gelten als magische Zeit, in der die Grenzen zur Anderswelt dünner sind. „In dieser Zeit gab es früher viele Rituale, wie das Räuchern von Wohnungen, das Geister vertreiben soll“, erzählt Keßler-Schül. „Man sollte in der Zeit auch keine Wäsche waschen und draußen aufhängen. Denn es könnten sich Geister in der Wäsche verfangen und so weiße Laken als Leichentücher enden.“
Die Sage von der Wichtelkirche gehört zu Pia Keßler-Schüls Lieblingsgeschichten.
Eine ideale Zeit also, um auf sagenhafte Streifzüge zu gehen. Für Keßler-Schül beginnen die Vorbereitungen dafür schon einige Stunden zuvor, in ihrem Haus im Norden Heppenheims. Über die Jahre hat sie einen kleinen Fundus zusammengetragen. Kleider für verschiedene Jahreszeiten, schwarze Stiefel, mehrere Hüte. Gut 30 Führerinnen und Führer gibt es derzeit, manche gewanden sich mittelalterlich, andere eher mystisch. „Alle suchen sich ihr Kostüm selbst aus.“ Keßler-Schül schlüpft immer in die gleiche Rolle. Sie zieht ihr Kleid an, ein langes, schwarzes Gewand mit Stickereien und Bordüre. Dann schminkt sie ihr Gesicht weiß und malt schwarze, geschwungene Linien um ihre Augen. Eine bestimmte Figur stellt sie nicht dar. „Ich mag einfach den Kontrast zwischen der Dunkelheit, meinem schwarzen Kleid und dem weißen Gesicht.“
Gut 20 Laternenführungen macht sie im Jahr. Jedes Jahr wählt die Stadt für die öffentlichen Führungen neue Sagen aus, entsprechend ändern sich auch immer wieder die kleinen Laternen, die Keßler-Schül mit sich trägt. Die alten stehen im Esszimmer oder im Wintergarten, eine hängt direkt über der Haustür. Dass sie ihre Tätigkeit gerne macht, ist nicht zu übersehen. Auch ihr Mann Norbert Schül unterstützt sie, wo er kann.
Norbert Schül unterstützt seine Frau, ob musikalisch oder hier auch mal als Leiterträger.
Bei besonderen Führungen begleitet er sie auch musikalisch. Dann zieht er mit Gitarre und Mundharmonika durch die Heppenheimer Gassen. Dort steht auch Norbert Schüls Elternhaus, in der Marktstraße 1, wo heute das „Muse Chocolat“ für Gaumenkitzel sorgt. Im alten Gewölbekeller des Gebäudes hat sich 2015 auf Keßler-Schüls Initiative die Gilde der Stadt- und Laternenführer:innen gegründet. „Das ist kein Verein, sondern einfach eine gesellige Runde zum Austausch von Erfahrungen und Ideen.“
Im Gewölbekeller – die ideale Atmosphäre für die Gründung einer Gilde.
Immer wieder bringt sie auch neue Ideen ein. Wie zuletzt gemeinsam mit Inge Schäffauer die Leseförderung auf dem Laternenweg. Sie holt einen alten Koffer und öffnet ihn. Darin sind Straßenschilder, ein Plan der Altstadt, mehrere kleine Umhänge. „Mit dem Plan und den Straßenschildern finden die Kinder den Weg durch die Altstadt – fast wie eine Art Schnitzeljagd.“ Mit Laternen als Schnitzel. Im Koffer sind auch einige Sagen, einfach formuliert und groß gedruckt. „Dann bekommen die Kinder einen Umhang, dürfen auf die Leiter klettern und die alten Geschichten lesen.“ Keßler-Schül lächelt. „Und manche vergessen dabei dann völlig, dass sie eigentlich gar nicht gerne lesen.“
Auch auf dem Laternenweg gibt es immer wieder Führungen speziell für Kinder. Und wenn die Heppenheimerin mal nicht mit einer Laterne unterwegs ist, wird ihr sicher nicht langweilig. Sie macht sein Jahrzehnten Taekwondo und trägt den schwarzen Gürtel. Wie ihr Mann, der im Vorstand ist, ist sie bei den Heppenheimer Altstadtfreunden aktiv, hat gemeinsam mit ihm erstmalig eine Fachwerkführung durch die Heppenheimer Altstadt konzipiert. Immer auf der Suche nach neuen Themen und Geschichten, die sich aus der alten Stadt Heppenheim erzählen lassen.
Die Laternenführungen in den Raunächten finden vom 26. bis 31. Dezember jeden Tag um 19 Uhr statt. Treffpunkt ist der historische Marktplatz. Die Führung kostet 6 Euro für Erwachsene und drei Euro für Kinder.Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
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