Es gehört zum Mannheimer Stadtbild wie das Collini-Center und der Wasserturm: das Museumsschiff, das seit 1986 am Neckarufer vor Anker liegt. Dass es dort noch heute ankert und weiter Geschichten von der Neckar- und Rheinschifffahrt erzählt, ist einem umtriebigen Verein zu verdanken und dem großen ehrenamtlichen Engagement von Menschen wie Sabine Pich und Engelbert Kappen.
Kaum hat Engelbert Kappen den Knopf gedrückt, erfüllt ein dumpfes Brummen den Maschinenraum. Ächzend setzen sich die Kolben in den gut zwei Meter langen Zylindern in Bewegung, ihr Stampfen bringt das gesamte Schiff zum Vibrieren. Über eine Kurbelwelle setzen sie die Räder an den Außenseiten in Bewegung, die nach und nach ihre roten Schaufeln senkrecht in den Neckar eintauchen. Schneller und immer schneller würden sich Kolben und Schaufeln nun eigentlich bewegen. „Wenn wir ablegen und losfahren würden“, sagt Kappen. Aber die Maschine, die für Führungen über einen Hilfsmotor angetrieben wird, bleibt bei ihrem gemächlichen Tempo und das Schiff so an Ort und Stelle. Dort, wo es seit 1986 liegt: am Neckarufer in Mannheim, zu Füßen des MVV-Hochhauses.
Kenntnis- und detailreich führt Engelbert Kappen durch den Maschinenraum der „Mannheim“.
Dass es dort noch heute ankert, ist dem Verein Museumsschiff Mannheim zu verdanken. „Eigentlich war der Raddampfer schon auf dem Weg zur Verschrottung“, erzählt Vorstandsmitglied Sabine Pich. Ende 2018 stand ein Werftbesuch an, bei dem das Schiff gründlich untersucht und auf seine Schwimmfähigkeit geprüft werden sollte – eine Art TÜV also. „Es war abzusehen, dass die dafür notwendige Sanierung nicht billig wird“, erklärt Pich. Der bisherige Inhaber, das Mannheimer Technoseum, scheute jedoch die anstehenden Kosten und wollte sein einst größtes Exponat nicht weiter betreiben.
Sabine Pich erzählt, wie sie und ihre Mitstreiter:innen das Museumsschiff vor dem Vorschrotten retteten.
Diese Entscheidung, erzählt Pich, habe sie sehr bestürzt. Seit 1985 lebt die Kulturwissenschaftlerin in Mannheim. Sie war damals für ihren ersten Job nach dem Studium in die Stadt gezogen – als Volontärin am Landesmuseum für Technik und Arbeit, dem heutigen Technoseum. Etwa zur gleichen Zeit suchte der Mannheimer Schifffahrtsverein einen Ort für seine immer größer werdende Sammlung an Schiffsmodellen im Maßstab 1:50. „Die Ausstellung war mal im Schloss, mal im Foyer des Collini-Centers zu sehen – aber immer nur temporär.“ Um das zu ändern, gründete sich die „Fördergesellschaft für ein deutsches Rheinschifffahrtsmuseum in Mannheim“.
Zu Füßen des MVV-Hochhauses liegt das Museumsschiff vor Anker.
Dass es heute wieder Besucher willkommen heißen kann...
...ist einem umtriebigen Verein zu verdanken.
Sabine Pich und Engelbert Kappen führen durch das Schiff.
Auch durch den Maschinenraum.
Hier erklärt Engelbert Kappen anschaulich, ...
...wie Kolben und Zylinder funktionieren
Und wie sich die Schaufelräder schließlich in Bewegung setzen.
Diese hörte von dem alten Raddampfer „Mainz“, den die Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt AG stilllegen und verschrotten wollte. Die Fördergesellschaft erwarb den alten Dampfer zum symbolischen Preis von einer D-Mark, sanierte ihn für 1,6 Millionen Mark und baute ihn zu einem Museum um: aus der „Mainz“ wurde die „Mannheim“. Doch um das Schiff als Museum zu betreiben, fehlten dem Verein die Kapazitäten. Das übernahm schließlich das Landesmuseum für Technik und Arbeit. „Damals war das Gebäude aus dem ehemaligen Maimarktgelände noch in Bau und das Museum froh, schonmal mit einem begehbaren Exponat Werbung für das Haupthaus machen zu können.“ Als Volontärin arbeitete Pich mit am Führungskonzept des Museumsschiffs und der Gestaltung der Dauerausstellung. „Die Arbeit hat mir viel Freude gemacht.“
Es entstand eine große bürgerschaftliche Initiative, die beschloss, die Fördergesellschaft von damals wiederzubeleben und das Schiff zu retten
Sabine Pich
Deshalb war für sie 2018 klar, dass sie das Schiff nicht einfach seinem Schicksal überlassen will. Und damit war sie nicht allein. „Es entstand eine große bürgerschaftliche Initiative, die beschloss, die Fördergesellschaft von damals wiederzubeleben und das Schiff zu retten.“ Darunter auch Männer und Frauen, deren Eltern in den 1980er-Jahren die Gesellschaft mitgegründet hatten.
700.000 Euro sammelte der Verein, um das Museumsschiff wieder besuchertauglich zu machen.
2020 versammelten sich die Unterstützer:innen erstmals im Marchivum und belebten damit die Fördergesellschaft wieder, die wenig später in „Verein Museumsschiff Mannheim“ umbenannt wurde. Es folgten zähe Verhandlungen, ein Ringen um Fördergelder – aber schließlich gelang es dem Verein, 700.000 Euro einzuwerben – von Bund, Land, Stadt und dem Technoseum – um das Schiff wieder in einen besuchertauglichen Zustand zu versetzen. Zusätzlich halfen Spenden von Privatpersonen und Sponsoren wie die MVV, die ihren Stammsitz nur wenige Meter vom Museumsschiff entfernt hat.
Engelbert Kappen stieß 2021 zum Verein. Der Frankfurter kommt ursprünglich aus dem Bergischen Land und schipperte schon als Kind mit seinen Eltern auf der „Mainz“ den Mittelrhein hinauf und hinab. „Dampfschiffe haben mich schon immer fasziniert“, sagt er. Und die Faszination ließ ihn auch als Erwachsener nicht los. Er las alles, was er über die Rheinschifffahrt in die Hände bekam, beschäftigte sich mit der Technik hinter dem Dampfantrieb und sammelte Ansichtskarten der Schiffe. Vor einigen Jahren übernahm er die Sammlung eines Mannes, ebenfalls ein großer „Dampfer“-Fan. „Darunter waren einige alte Fotos der ‚Mainz’“, erzählt Kappen. Als er dann erfuhr, dass das weitere Schicksal des Raddampfers unsicher war, beschloss er, sich ebenfalls im Verein zu engagieren – seitdem pendelt er regelmäßig von Frankfurt nach Mannheim.
Früher fuhr der Raddampfer durchs malerische Mittelrheintal.
2023 kam der Dampfer schließlich zum Schiffs-„TÜV“ auf die Werft in Köln und erlebte frisch überholt im Sommer 2024 als Museumsschiff seine Wiedereröffnung. Im April 2025 nahm das Landesdenkmalamt die „Mannheim“ wegen ihres „dokumentarischen und exemplarischen Werts“ in die Liste der Kulturdenkmale in Baden-Württemberg auf. Mit „The Tourist Trap“ setzt Chefkoch Dennis Maier, der zuvor im sternengekrönten „Emma Wolf“ kochte, mittlerweile auch die gastronomische Tradition des Museumsschiffs auf dem Oberdeck fort.
Eine Touristenfalle als kulinarisches Highlight auf dem Oberdeck.
Seit September 2025 zieren nun auch zahlreiche Vitrinen den ehemaligen Speisesaal und den früheren Rauchsalon des Raddampfers. Die Ausstellung erzählt mit ausgewählten Modellen, überwiegend Leihgaben des Technoseums, die Geschichte der Binnenschifffahrt auf Rhein und Neckar: Vom Holländerfloß, das vom 17. bis 19. Jahrhundert Holz über den Rhein transportierte, über den Bönder, einem Segelschiff mit tonnenförmigem Frachtraum, bis hin zur „Wichern“, dem Schiff der Evangelischen Schifferseelsorge, das nach wie vor im Dienst ist.
Mit so einem Holländerfloß wurde um 1800 ganz ohne Motor Holz über den Rhein transportiert.
Im Wechsel mit anderen Ehrenamtlichen führt Sabine Pich Besucher:innen über das Schiff und erzählt aus der bewegten Geschichte der „Mannheim“. Der Verein hat dafür Texttafeln erstellt und alte Plakate und Speisekarten aufgehängt. Als wertvoller Schatz erwies sich dabei die Foto- und Postkartensammlung von Engelbert Kappen. Sie zeigen die „Mainz“ in früher Pracht, als schnellsten Ausflugsdampfer auf dem Rhein, mit einem Speisesaal aus poliertem Ahorn mit Rosenholzeinlage und Menschen, die mit großen Koffern an Bord kamen, um auf ihrer Reise das Mittelrheintal nicht geschwind per Zug, sondern gemütlich per Schiff zu durchfahren.
Früher wurden hier Kassler Rippchen und Rheinsalm zubereitet.
Aber sie dokumentieren auch die schweren Zeiten, wie jenen Tag im Jahr 1956. Denn der Raddampfer stand nicht nur zweimal vor der Verschrottung, sondern überstand auch einen Untergang. Damals rammte ein Gütermotorschiff die „Mainz“ bei ihrem Wendemanöver im rechten Winkel. Der Dampfer wurde schwer beschädigt und sank schnell. „Zum Glück waren damals viele Schiffe in der Nähe und alle Menschen an Bord konnten gerettet werden“, erzählt Pich. Einige Wochen nach dem Unglück wurde der Dampfer geborgen und wieder instandgesetzt. Kappen hofft, dass sie bald noch mehr Informationen und vielleicht auch Zugang zu den Gerichtsakten von damals bekommen. „Wir wollen nach 70 Jahren den Unfall für eine Ausstellung gerne genauer aufarbeiten.“
Die „Mainz“ versinkt 1956 bei Koblenz im Rhein. Bild: Rhein-Zeitung
An Ideen mangelt es dem Verein nicht. „Aber da wir alles ehrenamtlich stemmen, geht manches doch etwas langsamer vorwärts“, sagt Pich. Gerade erarbeitet sie mit weiteren ehrenamtlich Aktiven eine Führung speziell für Kinder. Die dann bestimmt genauso begeistert vor den stampfenden Kolben im Maschinenraum stehen werden wie Kappen, der für die Vorführung extra aus Frankfurt anreist.
Das Museumsschiff öffnet derzeit immer am zweiten Sonntag im Monat seine Türen für Besucher:innen. Auf Anfrage bietet der Verein auch Gruppenführungen außerhalb der Öffnungszeiten an.
Der Eintritt kostet für Erwachsene 6 Euro, Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre zahlen 3 Euro, Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt. Die Ausstellung, eine Führung durchs Schiff sowie durch den Maschinenraum mit Vorführung der Dampfmaschine ist inklusive.
Wer den Verein unterstützen möchte – finanziell oder personell – kann sich per E-Mail melden: kontakt@raddampfer-mannheim.de
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