Balancieren, hangeln, klettern, fliegen: der Ninja-Sport fordert von Athlet:innen nicht nur viel Kraft, sondern auch Ausdauer, Balance und Geschicklichkeit. Als Kind schaute der Weinheimer Julian Lind begeistert die Show „Ninja Warrior“ – und ist einige Jahre später selbst dabei.
Julian Lind fliegt. Vier, fünf Meter weit – in einem hohen Bogen. Dann kommt er auf einer Matte auf und federt die Landung in den Knien ab. Leicht sieht das aus, spielerisch. „Schon besser“, kommentiert er laut und geht sofort wieder zurück. Hängt sich wieder an die zwei Griffe, die er zuvor mit Seilen an einer Stange befestigt hat, gut vier Meter über dem Boden. Vor und zurück schwingt er, immer höher. Am höchsten Punkt lässt er los. Noch höher, noch weiter will er kommen.
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Fliegend von Hindernis zu Hindernis: Unser Video zeigt Julian Lind beim Training.
Julian ist Ninja-Sportler. Eine junge Sportart, die erst 2016 von Japan über die USA nach Deutschland schwappte, als der Fernsehsender RTL mit „Ninja Warrior Germany“ die erfolgreiche japanische Show adaptierte. Darin müssen die Teilnehmer:innen einen komplexen Parcours mit vielen unterschiedlichen Hindernissen überwinden. Sie balancieren, hangeln, klettern und fliegen. Sie rennen über rollende Reifen, schwingen an Seilen und halten manchmal nur noch mit den Fingerspitzen ihr komplettes Körpergewicht an schmalen Griffleisten. Kraft allein reicht dafür nicht aus, die Sportler:innen brauchen auch Ausdauer, Balance und Geschicklichkeit.
Da fliegt er: Julian trainiert seine Schwingweite.
Spektakulär sieht das aus – und auch Julian klebte 2016 als Elfjähriger zur ersten Staffel der Show vor dem Fernseher. „So was hatte ich noch nie zuvor gesehen – das sah beeindruckend aus und nach richtig viel Spaß.“ Seitdem fieberte der Weinheimer jedes Jahr aufs Neue der Show entgegen. Sportlich war er damals jedoch deutlich graziler unterwegs: Er tanzte in der Lateinformation der TSG Badenia in Weinheim, die damals in der zweiten Bundesliga antrat.
In der Jump4All-Halle in Ladenburg wird vor allem gehüpft.
Ein paar Saltos zum Aufwärmen...
...ein paar Dehnübungen...
...bevor es zum Ninja-Parcours geht.
Balance ist hier ebenso gefragt...
...wie Geschicklichkeit auf rollenden Stangen.
Genauso braucht man als Ninja Kraft...
und den richtigen Schwung.
Dann kam die Corona-Pandemie und Julian suchte nach Abwechslung vom tristen Lockdown-Alltag. Er fand sie im Calisthenics-Park im Weinheimer Schlosspark, eine Art Outdoor-Fitnessstudio mit Stangen, Barren und Hangelleitern. „Ich habe versucht, von einem Gerät zum anderen zu gelangen, genau wie die Ninja-Sportler im Fernsehen – und es hat total Spaß gemacht.“ Als die Sporthallen nach dem Lockdown wieder öffneten, suchte er nach einer Möglichkeit, an richtigen Hindernissen zu trainieren. Und fand sie Anfang 2021 in der Trampolinhalle Jump4All in Ladenburg, in der damals eine Gruppe zweimal in der Woche im Ninja-Parcours trainierte.
Es wäre ideal, wenn der Ninja-Sport olympisch wird.
Julian Lind
Hier balancierte Julian zum ersten Mal über rollende Stangen, hangelte an Seilen und flog von Ring zu Ring. Und merkte, dass ihm die Bewegungsabläufe leichtfielen, er schnell besser wurde. „Ohne den Tanzsport hätte das sicher länger gedauert“, sagt Julian. Denn dadurch hatte er bereits ein gutes Körpergefühl. „Ich wusste, wie ich meine Arme und Beine einsetzen muss, und hatte schnell ein Gespür für den richtigen Rhythmus bei den Schwüngen.“ Als er fünf Jahre nach seinen Anfängen wieder durch den Parcours gleitet, wirkt er fast ein wenig zu groß für die Hindernisse. Mit nur einem Zwischengriff schwingt er durch den kompletten ersten Teil des Parcours, balanciert im Vorbeigehen über die Rollen und fliegt mühelos von einer Hängewippe zur nächsten. Ein wenig wie Tarzan, der einmal quer durch den Dschungel fliegt.
Würde an einer Liane auch funktionieren: Julian Lind schwingt zu einer Hängewippe.
Uli Höflein vom Team der Trampolinhalle schaut ihm fasziniert zu. „Man merkt deutlich, dass er aus unserem Parcours eigentlich herausgewachsen ist“, sagt er und lacht. Die Trampolinhalle zieht vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an und ist ein beliebter Ort für Geburtstage. „Der Parcours darf bei uns nicht zu anspruchsvoll sein – er soll ja niemanden frustrieren“, sagt Höflein. Mittlerweile trainiert Julian deshalb meistens in einer speziellen Ninja-Halle in Weiterstadt bei Darmstadt. Aber um ein Gefühl für die Hindernisse zu bekommen, reiche der Parcours in Ladenburg allemal, sagt Julian. „Die grundlegenden Techniken, wie man die verschiedenen Hindernisse überwindet, kann man hier genauso gut lernen.“ In einer Trampolinhalle wie in Ladenburg können Interessierte so ihre ersten Schritte – oder Flüge – in der Sportart wagen. Aber auch einige Hallenbäder, wie etwa das Köpfel in Heidelberg, bauen inzwischen Ninja-Parcours in ihren Becken auf – mit weicher, aber nasser Landung, wenn man doch mal danebengreift. Ganz wie in der Fernsehshow.
Im Hallenbad ersetzt das Wasser die Matten. Spaß macht es genauso viel.
„Ich habe als Kind immer davon geträumt, da mal mitzumachen“, erzählt Julian. Er war allerdings zu jung, um an der Show teilzunehmen. Doch 2022 setzte RTL das Teilnahmealter auf 16 Jahre und Julian, damals 17, bewarb sich sofort. Einige Wochen später stand er dann selbst vor der Kamera und zeigte, dass im Ninja-Sport auch Teenager mit den Großen mithalten können. Mit dem Erfolg der Show wuchs auch die Zahl der aktiven Sportler:innen in Deutschland. Seit 2025 gibt es die Ninja-Bundesliga, in der sich Athlet:innen in drei Leistungsebenen messen – 150 sind es insgesamt. „Wir haben allerdings deutlich mehr Anfragen als Plätze“, erklärt Mitgründer Steffen Moritz. In Deutschland betreiben gut 1000 bis 2000 Ninjas den Sport, darunter viele Quereinsteiger vom Klettern oder Turnen. Um die Bundesliga für mehr Sportler:innen zu öffnen, bräuchte der Sport noch bessere Strukturen. „Wir brauchen mehr Schiedsrichter, eine gute Trainerausbildung und gezielte Nachwuchsförderung“, zählt Moritz auf.
Auch an den kleinsten Griffen muss sich ein Ninja festhalten können.
Denn um im Ninja-Sport richtig gut zu werden reicht es nicht, ein paar Mal in der Woche einen Parcours zu absolvieren. „Genauso wichtig ist Ausdauer und gezieltes Krafttraining“, erklärt Julian. Während sich Ninja-Sportler:innen im Parcours meist selbst trainieren und sich gegenseitig Tipps geben, hat sich Julian wie viele andere Top-Athlet:innen für das Krafttraining professionelle Hilfe geholt. „Mein Trainer kommt aus dem Klettersport und weiß genau, welche Muskeln ich für welche Hindernisse trainieren muss.“ Vom Bizeps bis in die Fingerspitzen. Wenn Julian sich für die Show vorbereitet, trainiert er sechsmal in der Woche. Viel Zeit, die der gelernte KFZ-Mechatroniker neben seiner Büroarbeit im Autohaus seiner Familie investiert und die ihm dann auch für den Tanzsport fehlte. „Ich vermisse das Tanzen sehr, will mich aber momentan ganz auf den Ninja-Sport konzentrieren.“
Full Send ist der Name des Teams, mit dem Julian 2025 in der Ninja-Bundesliga antrat.
Bei Europameisterschaften war Julian auch schon dabei, er liebt die Atmosphäre bei internationalen Turnieren. „Bei Wettkämpfen und in der Bundesliga sind die Parcours oft nochmal deutlich ausgeklügelter.“ Allerdings ist das Preisgeld für Siege in der Liga bisher überschaubar. „Dem Sport fehlen noch die großen Sponsoren – obwohl er immer viel Publikum anzieht.“ Davon leben kann bisher kaum ein Ninja-Sportler. „Das wäre auch gar nicht mein Ziel“, sagt Julian. Aber er wünscht sich, dass der Sport weiter wächst, noch professioneller und beliebter wird. „Dafür wäre es ideal, wenn der Ninja-Sport olympisch wird.“ Und ganz unwahrscheinlich ist dieser Wunsch nicht. Im Modernen Fünfkampf ersetzt mittlerweile ein Hindernisparcours das viel kritisierte Springreiten. Und dieser ist dem Ninja-Sport schon ziemlich ähnlich.
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