Andreas StanitaJulian Beekmann

Zwei linke Gummistiefel und feine Tropfen

Nicht nur zum größten Weinfest der Welt, sondern das ganze Jahr über lockt der Wein die Menschen ins pfälzische Bad Dürkheim. Eine beachtliche Menge des Lockstoffs stammt aus einem „Familienbetrieb“ der besonderen Art – dem Weinbau des Vereins Lebenshilfe.

 

Ganz schön gewachsen ist er in den letzten 30 Jahren. Nein, nicht Winzermeister Jan Hock, sondern der Weinberg der Lebenshilfe Bad Dürkheim. Gerade mal zwei Hektar standen dem Verein zur Verfügung, als in den 1980er Jahren mit dem Weinbau ein einzigartiges Experiment begann: Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu bieten aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen – als Winzer in einem Weinbergsareal, das heute bereits 25 Hektar umfasst.

Der Weinberg der Lebenshilfe Bad Dürkheim.

Bad Dürkheim, morgens kurz nach sieben: Mehrere Kleinbusse biegen in den Feldweg in Richtung der alten Dürkheimer Sägmühle ab, vorbei an dem hohen Siloturm, der leuchtendblau in den pfälzischen Himmel ragt. Hier ist jeden Morgen der Treffpunkt gut gelaunter Weinbauern, die täglich eine weite Strecke hierher zurücklegen. Sie kommen aus Ludwigshafen, aus Eisenberg oder aus Bad Bergzabern, wohnen dort bei ihren Familien, in integrativen Wohnprojekten oder in Wohngemeinschaften. Mit Unterstützung des Teams von Jan Hock sind sie wichtiger Teil eines Winzerbetriebs, der im Jahr bis zu 120.000 Flaschen Wein produziert – und inzwischen sogar international reißenden Absatz findet.

Winzermeister Jan Hock.

Jan Hock mag es, sich mit den Kunden auf dem kleinen aber feinen Biomarkt zu treffen, den die Lebenshilfe hier betreibt, um Produkte aus eigener Herstellung anzubieten. Der gebürtige Deidesheimer ist Anfang 30 und kennt den Betrieb der Lebenshilfe doch schon seit gut über einem Jahrzehnt. „Nach dem Schulabschluss habe ich hier in der Abteilung Weinbau meinen Zivildienst geleistet. Jeden Tag früh morgens raus und im Betrieb kräftig mit anpacken – dank des Teamgeists hat mich das nicht abgeschreckt, sondern begeistert.“

Derart begeistert, dass sich der junge Weinbautechniker nach seinem Abschluss an der Weinbau-Hochschule Geisenheim für eine der offenen Stellen im Lebenshilfe-Betrieb bewirbt und dann einen Direkteinstieg erlebt: Aufgrund eines tragischen Todesfalls wird ihm einen Tag nach der Abschlussfeier schon die Leitung des Betriebs angeboten – eine krasse Verantwortung für einen 24-jährigen Berufseinsteiger. „Eingelassen habe ich mich darauf nur, weil ich meinen guten Freund Martin Fußler mit ins Boot nehmen durfte, der auch heute noch unser Produktionsleiter ist und sich die Aufgaben mit mir teilt.“ Für die damals zwei Dutzend zu betreuenden Mitarbeiter ist das Duo ein Glücksfall. Der Betrieb konnte nahtlos weitergeführt werden und sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickeln.

„Insgesamt arbeiten bei uns 33 Personen mit geistigem Handicap.“

Ein Erfolg, der etwas mit der Freude an der Arbeit im Weinberg zu tun haben muss, die man hier nicht nur spüren, sondern auch hören kann: es gibt wohl kaum einen anderen Weinbaubetrieb in Bad Dürkheim, wo so viel gelacht und der freundlich-rücksichtsvolle Umgang miteinander so gepflegt wird wie hier. „Insgesamt arbeiten bei uns 33 Personen mit geistigem Handicap“, erklärt Jan Hock, „und das sorgt natürlich schon für ein anderes Arbeitsklima. Manchmal komme ich morgens an und bin ziemlich im Stress, gerade während der Weinlese. Alles soll schnell gehen, doch dann geht der Trubel los: Einer von den Jungs hat zwei rechte Gummistiefel an, ein anderer zwei linke und alle lachen sich schief. Meistens ist der Stress dann schnell vergessen. So ist das nun mal bei uns: alles ist viel emotionaler.“

Das bedeutet für die Teamleitung aber auch: Wenn ein Mitarbeiter mal traurig ist, dann braucht er Trost. Und wenn es mal Probleme gibt, dann will das besprochen sein – selbst wenn eigentlich gerade die Zeit dafür fehlt.

Kein Wunder, dass man in dieser eingeschworenen Team-Familie schnell mal eine zweite Berufung neben dem Weinbau finden kann – wie zum Beispiel Stefan, der auch als Entertainer und Showmaster durchgehen könnte. „Der Stefan hat einen so abgedreht lustigen Humor, der begleitet uns bei der täglichen Arbeit und seine Hauptaufgabe ist es nun, gute Stimmung zu verbreiten. Klar packt Stefan auch bei der Arbeit mit an, aber die meiste Zeit sorgt er mit seinen lustigen Sprüchen und Aktionen einfach dafür, dass bei der Arbeit alle gut drauf sind.“

Für gute Laune sorgen im Lebenshilfe-Team aber nicht nur Stefans Slapstick-Nummern. Was alle sehr stolz macht, ist die wachsende Qualität. Nicht nur der Sekt räumt einen Preis nach dem anderen ab, sondern auch die Weine sind begehrt und da staunen auch die „normalen Betriebe“ entlang der Weinstraße nicht schlecht. Wurden die Ambitionen des Vereins zu Beginn noch teilweise milde belächelt, sehen mittlerweile alle den Erfolg des mit seinen 30 Jahren noch recht jungen Weinguts. Das hat auch damit zu tun, dass sich der Ganzjahresbetrieb zu einem Spezialisten im Bereich des „Rebholzziehens“ entwickelt hat. Eine in der Pfalz ungeliebte Nebensaisontätigkeit, die die Lebenshilfe anderen Weingütern jetzt erfolgreich als Dienstleistung anbietet.

Aber wichtiger als jede Wein-Medaille ist dem Verein, dass hier Menschen arbeiten können, die so gut in ihrer Tätigkeit aufgehen, dass sie sogar den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. „Das sind die Momente, in denen ich wirklich stolz bin auf das, was wir hier leisten“, sagt Jan Hock und freut sich, wenn die ganze Stadt stolz ist auf den Verein, der bereits seit 1965 viel mehr ist als nur ein Selbsthilfeverein. Es ist eine große Solidargemeinschaft der Lebensfreude.


Weinbau der Lebenshilfe Bad Dürkheim