Andreas StanitaJulian Beekmann

Wo auch Fabelwesen leben

Ein Zoologischer Garten mitten in der Stadt in Nachbarschaft einer Festung – so etwas gibt es nur in Landau in der Pfalz. Auf 4,5 Hektar Fläche leben 110 Tierarten und genießen das milde Pfälzer Klima und die Hingabe ihres Zoodirektors Dr. Jens-Ove Heckel.

 

Sind das wirklich Kamele, die da auf der Wiese in der Innenstadt grasen? Ja – wobei der Einzelhöcker es schon von weitem verrät, dass es sich ganz genau genommen um Dromedare handelt. In Landau weiß das bald jedes Kind, denn so etwas lernt man in der Zooschule.

Gerngesehene Nachbarn: Die Dromedare.

Dr. Heckel tritt aus dem kleinen Verwaltungsgebäude, die Sonne strahlt ihm ins Gesicht. Der Winter war lang – selbst hier in der Südpfalz. Jetzt endlich, im April, leuchtet der Zoo in sattem Grün und seine Bewohner wagen sich wieder vermehrt in die Außengehege. Genussvoll saugen sie die wärmenden Sonnenstrahlen in sich ein und lassen sich bereitwillig von ihren zumeist jungen Fans bewundern. „Es ist schon ein außergewöhnlicher Arbeitsplatz, den ich hier habe, und das schon seit über 18 Jahren. Meine Frau und ich waren damals drauf und dran, auf den Philippinen tätig zu werden. Sprichwörtlich in letzter Minute erreichte mich die Zusage für die Zoodirektorenstelle in Landau, sonst wären wir wohl in den Flieger gestiegen. Bereut habe ich die Entscheidung nie. Die Pfälzer machen es einem mit ihrer aufgeschlossenen Art besonders leicht, sich hier heimisch zu fühlen.“

Zoodirektor Dr. Jens-Ove Heckel.

 Man hört es Dr. Jens-Ove Heckel gleich an: er gehört zu einer eher etwas selteneren Spezies in der Pfalz – er spricht Hochdeutsch. „Ich stamme aus Niedersachsen, aufgewachsen bin ich jedoch in meiner frühen Jugend im Ausland. Mein Vater war u.a. in Afghanistan in der Entwicklungshilfe tätig. Dort gab es eine kleine Veterinärstation, dorthin haben die Menschen viele kranke Tiere aus der Umgebung gebracht und ich war dort regelmäßig interessierter Zaungast. Aber auch zu Hause hatten wir bald einen kleinen Zoo mit vielen Wildtieren, die uns zur Pflege gebracht wurden. Darunter auch Affen, einen jungen Fuchs, Kraniche und andere Vögel. Zu sehen, dass vielen dieser Tiere geholfen werden konnte und mitzuerleben, wie es ihnen wieder besserging, hat mich beeindruckt. Mir war früh klar – Tierarzt, das will ich später auch mal werden.“

Das Bergzebra Hartmann.

Eine Berufswahl mit weitreichenden Folgen, denn um Tiermedizin studieren zu können, brauchte es das deutsche Abitur. „Nach der 6. Klasse bin ich in Deutschland auf eine Art Internat gegangen. Meine Eltern habe ich daher dann nur in den größeren Ferien gesehen. Andererseits, während die Klassenkameraden in den Schwarzwald oder bestenfalls mal nach Italien gefahren sind, war ich mehrmals im Jemen, in Niger, in Somalia, Uganda und auf den Kapverden. Diese Reisen haben sicher auch dazu beigetragen, dass es mich später immer eher zu den exotischen, als zu den heimischen Tieren hingezogen hat.“

Ganz ohne Risiko ist ein Besuch des Landauer Zoos nicht. Eines der großzügigen Affengehege ist für die Tiere über eine Gehegebrücke erreichbar, unter der die Besucher besser schleunigst hindurchhuschen sollten. Die pfiffigen Primaten nutzen ihren „Arc de Triomphe“ durchaus mal ganz gerne als Plumpsklo und haben offensichtlich Gefallen an der Aufmerksamkeit der Besucher. Stars des Zoos sind die Sibirischen Tiger in einer 7.000 Quadratmeter großen Außenanlage, aber auch die Südamerikanischen Seebären und die Humboldtpinguine. „Als Tiermediziner interessieren mich dabei auch besonders potentiell zwischen Mensch und Tier übertragbare Erkrankungen. Nach dem Studium habe ich 3,5 Jahre in der Stuttgarter Wilhelma als Assistenz-Tierarzt gearbeitet und über ein entsprechendes Thema promoviert. Das war eine spannende und lehrreiche Zeit, in der ich die Freude hatte eng mit Dr. Wolfram Rietschel, dem damaligen leitenden Zootierarzt zusammenzuarbeiten. Er ist eine echte Koryphäe und ich bin bis heute dankbar dafür, ihn als meinen Lehrmeister bezeichnen zu dürfen.“

„Alle Tiere liegen mir sehr am Herzen.“

Dr. Heckels Primatenpassion ist es zu verdanken, dass der Landauer Zoo einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Weißscheitelmangaben leisten kann. Die zu der Familie der Meerkatzen gehörende Affenart gilt als eine der am meisten gefährdeten Primatenarten weltweit. Mittlerweile hat sich der Zoobestand im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm sehr stabilisiert, nicht zuletzt wegen des engagierten Liebeslebens von Charles, einem stattlichen Zuchtmännchen, dass sich hier in der Pfalz besonders wohl fühlt.

Fühlen sich in der Pfalz wohl: Weißscheitelmangaben.

„Seit ein paar Jahren bin ich ehrenamtlicher Vorsitzender der Zoologischen Gesellschaft für Arten und Populationsschutz e.V., ZGAP. Der Verein unterstützt den Erhalt eher unbekannter, aber hochbedrohter Tierarten. Nicht jedes Tier hat das Privileg süß auszusehen und in der Kuscheltiervariante in den heimischen Kinderzimmern für sein Überleben zu werben. So war es die ZGAP, die auf den Philippinen die letzten lebenden Exemplare des Prinz-Alfred-Hirschs aufgestöbert hat. Der galt schon als ausgerottet. Mittlerweile gibt es Bemühungen zur Erhaltung der Art vor Ort, aber auch wiederum in Zoos und in Landau koordinieren wir diese Maßnahmen.“

Auch Kraniche finden es im Zoo gemütlich.

Das Herzblut, das Dr. Heckel in seinen kleinen Zoo investiert macht sich in jeder Hinsicht bemerkbar. In der Rubrik „Kleinzoos“ wurde Landau mehrfach u.a. vom englischen Zookenner Anthony Sheridan mit Bestnoten bewertet. Vor dem Urteil des ehemaligen Ökonomen zittern Direktoren der großen Zoos Europas regelmäßig. Doch mindestens so wichtig wie das Urteil der Fachleute ist für Dr. Heckel die Akzeptanz der Anlage bei den großen und kleinen Besuchern aus der Region und aus Landau selbst.

Im Landauer Zoo gibt es eine Menge unterschiedlicher Bildungsprogramme. Das fängt bei Angeboten für Kindergärten an, geht über Grundschulen weiter bis hin zu Gymnasien und der angrenzenden Universität. Angehende Erziehungswissenschaftler unterrichten als Zoopädagogen. Das Bildungsprogramm an der Schnittstelle zwischen Pädagogik und Umweltwissenschaften ist bereits sechsmal von der UNESCO ausgezeichnet worden. Die schönste Form der Anerkennung sind für den Zoodirektor und sein Team aber die rund 15.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsenen, die unsere Bildungsangebote jährlich wahrnehmen.

Dr. Jens Ove Heckel ist Arten- und Tierschützer, Marketingleiter, Eventmanager und Landschaftsarchitekt in Personalunion. Wenn es Abend wird in Landau und Ruhe einkehrt in den Gehegen, dann genießt Dr. Heckel auch mal einen Schluck Südpfälzer Wein, der im Besuchershop auch als Zoowein-Edition nicht fehlen darf. Oder aber, der Herr Zoodirektor macht sich auf zur Sitzung des Elwetrittche Verein Landau e.V. oder hält an anderer Stelle einen Vortrag auch über diese extrem seltene Spezies, die im Landauer Zoo ihr eigenes Gehege hat. Dem sagenumwobenen Fortbestand des vogelähnlichen pfälzischen Fabelwesens, hat sich Dr. Heckel mindestens so sehr verschrieben wie dem von Weißscheitelmangaben und Prinz-Alfred-Hirschen. Ein Gesetz gilt auch in der Pfalz: nur was man kennt, das kann man lieben – und nur was man liebt, das wird man erhalten und pflegen.


www.zoo-landau.de