Johannes HuckeClaus Geiss

Wald, Dünen, Muscheln

Die Exkursion ins Herz des Bienwaldes beginnt häufig mit einem typischen Geräusch. Pffft! Pffft! Pffft! Es hört sich an wie ein modernes Kammermusikstück für Sprühflaschen, und tatsächlich wagen sich nur Unkundige ohne Insektenschutz in das 12.000 Hektar messende Waldgebiet im Süden der Pfalz. Und so ist der nahende Herbst die perfekte Zeit für eine Entdeckungsreise in die „pfälzischen Everglades“.

„Es gibt Touren, die mach‘ ich lieber im März oder im Herbst“, gesteht der zertifizierte Natur- und Landschaftsführer Norbert Rapp – und erklärt auch gleich die Ursache der sommerlichen Stechmückenplage: die vielen Bächlein, Rinnsale und von Erlen bewachsenen Feuchtstellen in diesem einzigartigen Waldgebiet. „Wenn wir mal wieder eine Überschwemmung haben“, sagt Norbert Rapps Kollegin Michaela Stöhr, „sieht’s hier ein bisschen aus wie in den Everglades!“

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Doch ist man erst mal unterwegs in den „pfälzischen Everglades“, denkt keiner mehr an pieksende Flattertierchen, wenn Heidrun Knoch, die erste Vorsitzende der Bienwald-Naturführer mit wahrhaft kreativen Führungen aufwartet: da gibt es „Naturkundliche Homöopathieführungen“, Kriminologisches zu Wildpflanzen wie „Arsen und Pfaffenhütchen“, unbekannte Prominente wie den „Würzwisch – die Kräuter zu Mariä Himmelfahrt“ … oder auch Geschichtliches: „Natur erobert Westwall.“

Hat man erst mal gesehen, wie die Bäche des Pfälzer Waldes den Wald versumpfen und sich vorstellt, wie früher der Rhein so fröhlich wie rüpelhaft hier herummäandrierte, kann man gut verstehen, dass für unsere frühen Vorfahren an dauerhafte Großsiedlungen im Bienwald kaum zu denken war.

Bis auf ein paar Hügelgräber, vermutete Wehranlagen, keltische und natürlich römische Reste, kann der Bienwald nicht mit seit alters her besiedelten Kulturlandschaften konkurrieren. Will er auch gar nicht – und muss er auch nicht; seine Besonderheiten pflegt er anderweitig. Dass die Wassermengen schlecht abfließen können, liegt nicht zuletzt an dichten Mergel- und Tonschichten imUntergrund, und die waren gut nutzbar für die Römer, um in Rheinzabern das feine Tafelgeschirr Terra Sigillata herzustellen.

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Das Naturführer Team: Heidrun Knoch, Michaela Stöhr und Norbert Rapp

Dennoch, an Historie mangelt es nicht. Kriegszeugnisse bis in die jüngste Vergangenheit, weisen auf dauerhafte Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Franzosen hin. Auffällig ist die Rodungsinsel Büchelberg, ziemlich genau in der Mitte gelegen und immer wieder von den Naturführern angesteuert. Gern auch mal per Fahrrad, um die nicht unerheblichen Kilometer-Distanzen besser zu überbrücken.

In der Tiefe des Bienwalds geht Heidrun Knoch gerne in die Tiefe – und verrät, wie der Bienwald zu seinem Namen kam. Die Vorsilbe „Bi“ sei tatsächlich eine alte Namenswurzel für Biene, manche aber führen das keltische „behe“ an, welches „Wald“ bedeutet, wobei, das soll hier mal deutlich gesagt sein, „Waldwald“ sich nicht eben großartig anhört.

Eine weitere Erklärung liefert Naturführer-Kollege Norbert Rapp: Eine französische Teilnehmerin habe auf die muttersprachliche Bedeutung der Silbe „bien“ verwiesen, „Gutwald“ also, was man spätestens beim dritten Schoppen vor dem herrlich gelegenen Naturfreundehaus Kandel durchaus für eine plausible Erklärung hält.

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Das gastliche Haus zählt zu den traditionellen Anlaufstellen der Naturführer. Sogar übernachten kann man da, zu Preisen, die wir hier nicht angeben wollen, da sie uns niemand glauben würde. „Unsere Besucher wollen und sollen einen Erholungseffekt erleben“, sagt Michaela Stöhr.

„Wir haben uns zusammengeschlossen“, sagt Naturführerin Heidrun Knoch, „um andere Menschen mit unserem Wissen zu beglücken.“

Schulklassen, Betriebe; Hochzeiten und Freizeitgruppen aller Art folgen gerne dem Führerteam. Das ist aber gar nicht so einfach. 240 Stunden in neun Monaten muss ein zertifizierter Naturführer büffeln, eine 20seitige Hausarbeit vorlegen und noch jede Menge Privatinitiative zeigen, damit das begehrte Zertifikat ausgestellt wird.

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2008 fand der erste Kurs zum Bienwald und zu den südpfälzischen Rheinauen statt. Ein riesiger Erfolg, denn aus acht Teilnehmenden wurden inzwischen vierzig, die Vereinsgründung erfolgte 2009. Modern-interdisziplinär ist der Mitgliederstab jetzt zusammengesetzt: Biologie, Pädagogik, Landschafts- und Gartenbau, Geologie, Ingenieurwesen, Jurisprudenz und Privatgelehrtentum ergänzen einander. Es wird kooperiert mit sämtlichen für den Nah- und Ferntourismus bedeutsamen Institutionen, vorneweg die Regio-Akademie Neustadt und die Volkshochschule. Die Themenvielfalt ist spektakulär: Von den Reiserouten der Wanderfalken über die Lebensbedingungen der Schnaken und Zecken, allerlei mythischen Begebenheiten bis hin zu Königsfarn und Orchideen reicht das Spektrum.

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Ein Würfelchen aus hellem Holz

Naturbewusstsein und Umwelterziehung stehen ganz oben auf der Liste der Vereinsziele. Dazu lassen sich die Naturführer einiges einfallen. Wie veranschaulicht man das eher trockene Thema Holwachstum? Norbert Rapp führt immer einen Würfel aus hellem Holz mit sich: Die Menge entspricht genau dem Wachstum des gesamten Kandeler Stadtwalds in einer Sekunde! Das vergisst kein Kind je wieder.

Anschaulich beschreibt Norbert Rapp die Entwicklung: „Wenn wir die Kinder mit dem Käscher im Waldbach fischen lassen, heißt es erst noch igitt! Eine halbe Stunde später patschen die Kinder aber schon mit nackten Armen und Beinen im Wasser rum.“

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Norbert Rapp

Und am Ende ist für alle Besucher der wahre Schatz des Bienwalds sein unglaublicher Artenreichtum. Lange staunt man an mehrhundertjährigen Baumriesen hinauf, lauscht atemlos den Erzählungen über das Treiben der Wildkatzen, lässt sich erklären, dass die 15.000 Jahre alten Dünen nur noch sichtbar sind, wenn man sie freilegt und zweifelt an der eigenen Zurechnungsfähigkeit, wenn man vernimmt, dass in diesem Zauberwald sogar Krebse leben: Urzeitkrebse und sogar Bachmuscheln, höchst selten – und ohne Naturführer kaum zu finden.


www.naturfuehrer-pfalz.de