Andreas StanitaJulian Beekmann

Jenseits von Rülzheim

Plötzlich bebt die Erde. Eine Herde urzeitlich wirkender Tiere, manche bis zu 170 Kilogramm schwer und alle blitzschnell – ist in Aufruhr. Dumpfes, rhythmisches Stampfen dröhnt von der Mhou-Farm herüber in den Biergarten, wo die Gäste unter Sonnenschirmen sitzen und sich fragen: Jurassic Park? Oder doch Rülzheim in der Pfalz?

 

Rülzheim, wenige Kilometer südwestlich von Germersheim, birgt ein Geheimnis: Deutschlands traditionsreichste Straußenzucht, die Mhou-Farm von Christoph Kistner und Uschi Braun, die sich vor 25 Jahren dazu entschieden haben, nicht nur ihr Berufsleben dem Vogel Strauß zu widmen.

„Bestimmt war da ein lautes Flugzeug oder ein Heißluftballon am Himmel – oder vielleicht ein Raubvogel“, sagt Christoph Kistner – und nur langsam weicht die Anstrengung aus seinem Gesicht. Die Lage im Straußengehege hat sich wieder beruhigt, die bis zu zweieinhalb Meter großen Tiere beginnen mit ihren langen Hälsen wieder friedlich zu grasen. „Als ob Raubvögel ihnen was anhaben könnten“, sinniert Christoph Kistner – Herr über mehr als hundert pfälzische Strauße. „Aber diese Unruhe steckt in denen drin, seit Jahrmillionen schon. Einmal in Panik, können sich unsere Tiere leicht verletzten, und ein Beinbruch kommt beim Strauß einem Todesurteil gleich. Das wächst dann nicht mehr zusammen.“

Ein Leben für den Vogel Strauß: Christoph Kistner und Uschi Braun, die Macher der Rülzheimer Mhou-Farm.

Ein Schicksal, das vor einigen Jahren auch Henne Clara ereilte. Clara war Uschi Brauns Liebling und der Star unter den Pfälzer Straußenhennen. Mit ihrem 2720 Gramm schweren Weltrekord-Ei wurde sie zum globalen Straußen-Star – bis zu ihrem tragischen Unfall. Strauße, die das Glück haben auf der Rülzheimer Mhou-Farm zu schlüpfen und aufzuwachsen, haben in der Regel aber ein schönes, entspanntes Leben vor sich. Christoph Kistner und seine Frau betreiben eine reine Zuchtfarm, die den Tieren viel Auslauf, Abwechslung und ausgewogene Ernährung bietet. Geschlachtet werden die Tiere hier grundsätzlich nicht, denn dafür sind diese Prachtexemplare viel zu wertvoll.

„Zu unseren Straußen pflegen wir ein enges Verhältnis. Wir kennen nicht nur jedes einzelne Tier beim Namen und verfolgen genau dessen Entwicklung, auch die exakten Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Population sind uns bekannt. Alles wird genau dokumentiert und präzise festgehalten. Wir besitzen sogar den genetischen Fingerabdruck eines jeden Tieres. So können wir die Zucht optimieren und einzelne Merkmale gezielt kombinieren – das gibt’s sonst nirgends auf der Welt.“

„Auf unserer Weltreise haben wir in Simbabwe Bekanntschaft mit dem Tier geschlossen, das unser Leben verändern sollte…“

25 Jahre Erfahrung in der Straußenzucht, auf so eine lange Tradition kann in Deutschland sonst niemand zurückblicken. Kein Wunder, dass Christoph Kistner in Fachkreisen als „Straußen-Papst“ bezeichnet wird. Ein Zeichen des Respekts, den er sich durch jahrzehntelange Recherche, Grundlagenarbeit und unermüdliches Studium der Tiere hart erarbeitet hat.

„1992 stand für meine Frau und mich fest, dass sich in unserem Leben grundsätzlich etwas ändern muss. Wir waren beide als Journalisten im Rundfunk tätig, wollten aber lieber reisen und die Welt sehen. Als passionierter Segler hätte ich mir damals gut vorstellen können, mein restliches Leben auf den Weltmeeren zu verbringen, doch dann kam alles anders. Auf unserer Weltreise haben wir in Simbabwe Bekanntschaft mit dem Tier geschlossen, das unser Leben verändern sollte, dem Blauhals-Strauß. Das simbabwische Volk der Shona nennt ihn Mhou, daher stammt auch der Name unserer Farm.“

Mit einer verwegenen Idee, viel neu erworbenem Know-how und einem ganzen Flugzeug voll ausgewachsener Strauße kehren die beiden Abenteurer in die alte Heimat zurück – und glauben an den Erfolg ihres gewagten Vorhabens.

Die Verbraucher in Deutschland sind damals verunsichert durch diverse Fleischskandale; das rote, schmackhafte und äußerst fettarme Geflügelfleisch scheint „der ideale Ersatz“ zu sein. „Unsere Rechnung haben wir damals definitiv ohne die hiesige Bürokratie gemacht“, erinnert sich Christoph Kistner. „Zwar mussten wir auch in Sachen Zucht einige Überzeugungsarbeit leisten, aber die größte Herausforderung war es, einen Zugang zum deutschen Fleischmarkt zu erhalten. Mit offenen Armen sind wir wahrlich nicht empfangen worden.“ Auch heute noch stapeln sich in Kistners Büro die Ordner mit der Korrespondenz von damals. „Fünf Jahre hat es gedauert, bis wir 1998 endlich unsere Genehmigungen zusammen hatten. Der erste Betrieb in Deutschland mit Schlachtgenehmigung, bewilligt von allen maßgeblichen Ministerien – ein Präzedenzfall.“

Kistners Büro befindet sich im Seitenflügel einer ehemaligen Jugendherberge, die heute als Verwaltungsgebäude und als Farmmarkt dient. Von hier aus blicken die Straußenzüchter auf einen ehemaligen Tennisplatz, auf dem sich in den 70er Jahren der junge Ministerpräsident Helmut Kohl und der ansässige Landrat zu gepflegten Herren-Matches trafen. Der andere Seitenflügel beherbergt das exotische Spezialitätenlokal Farmhaus. Dort wird den Gästen Pfälzisch-Afrikanische Fusionküche serviert – wie Straußenbratwurst zu hausgemachtem Kartoffelsalat. In den Sommermonaten veranstalten Kistner und sein Team dort jeden ersten Samstag im Monat ein sogenanntes Braai, ein traditionell-afrikanisches Grillfest, bei dem feines Straußenfleisch aus befreundeten Betrieben zubereitet wird.

Heute zahlen sich die Mühen der Anfangszeit aus. Christoph Kistner, der jahrelang für die Akzeptanz von Straußenprodukten auf dem europäischen Markt gekämpft und geworben hat, gilt als internationaler Botschafter des großen afrikanischen Laufvogels. Als Autor eines Standardwerks zur Straußenzucht ist er um die ganze Welt gereist und hat Vorträge vor Fachpublikum gehalten. Als Chef des Berufsverbands deutscher Straußenzüchter, Vizevorsitzender des Weltverbandes und Ehrenmitglied des japanischen Zuchtverbandes erstreckt sich sein Netzwerk über den gesamten Globus. Weltweit gibt es kaum einen Züchter, den er nicht persönlich kennt, und in ganz Europa inzwischen etliche Strauße, die aus seiner Population stammen.

Kistners Straußen-Netzwerk macht es auch möglich, dass in dem kleinen Rülzheimer Hofladen die gesamte Vielfalt der Straußenprodukte präsentiert werden kann, ohne dass dabei den eigenen Tieren auch nur eine Feder gekrümmt wird. Die Palette reicht von Delikatessen aus dem Kühlregal über Staubwedel aus Straußenfedern, heilsamen Kosmetikprodukten aus Straußenfett und dekorativem Kunsthandwerk aus Eierschalen bis hin zu edlen Lederwaren. Sogar Eier für den Verzehr zuhause sind erhältlich. Wer sich allerdings in der heimischen Küche ein Straußenomelette zubereiten möchte, der sollte sich vorher aber Gedanken über die passende Pfanne machen, denn ein Straußenei entspricht der Menge von 25 bis 35 Hühnereiern.

Merchandising und Straußendelikatessen zum Trotz: die Hauptattraktion auf der Mhou-Farm sind nach wie vor die Laufvögel selbst. Die afrikanischen Giganten faszinieren Besucher aus aller Welt. Unangefochtene Superstars sind die flauschigen Straußenküken, die von April bis September schlüpfen. Und wer nach seinem Rundgang über die Farm noch immer nicht genug hat, der wendet sich am besten vertrauensvoll an Uschi Braun und Christoph Kistner. Denn eine Straußenfrage, die die beiden nicht beantworten können – die gibt es hier schlichtweg nicht.


www.mhoufarm.de