Stephen WolfClaus Geiss

Es zischt, rattert und vibriert

Im weltweit einzigartigen „Erlebnispark Fördertechnik“ in Sinsheim geht es um alltägliche Aspekte der Bewegung – mit nicht alltäglicher Technik.

Ein leichter Knopfdruck und schon beginnt die 20 Meter lange Briefsortiermaschine zu rattern. Von vielen hundert Rollen befördert und über Schienen geleitet, landen Briefe und Päckchen wie von Geisterhand in dafür vorgesehenen Fächern, um sauber sortiert ihre Reise zum Empfänger antreten zu können. Im weltweit einzigen „Erlebnispark Fördertechnik“ in Sinsheim geht es um alltägliche Aspekte der Bewegung – mit nicht alltäglicher Technik. Ohne innovative Fördertechnik wären viele Aufgaben in des Alltags gar nicht zu leisten“, sagt Norbert Axmann, der Gründer des 2013 eröffneten Museums.

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Unübersehbar: der Erlebnispark Fördertechnik – in unmittelbarer Nähe des Technikmuseums Sinsheim.

Ob es unsere Koffer sind, die am Flughafen zur Gepäckausgabe befördert werden, oder Hebebühnen, die unsere Autos zur Reparatur in die Höhe hieven – ohne hydraulische Systeme oder maßgeschneiderte Mechanik, die Förderbänder in genialer Weise um Kurven schlängeln lässt, wären viele Aufgaben nicht zu bewältigen, weiß Axmann. Fördertechnik ist deshalb sein Lieblingsthema. Und seine Leidenschaft. Und eines Tages hat der heute 74jährige Ingenieur und Unternehmer dann einfach beschlossen, einen „Erlebnispark Fördertechnik“ Wirklichkeit werden zu lassen.

Wer die Ausstellung in Sinsheim besucht, nimmt plötzlich viel bewusster wahr, welche Energie und welch komplexe Techniken der Mensch entwickelt, um Dinge von A nach B zu schaffen. Oder um Lasten nach oben oder unten zu befördern.

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Vor allem als Angebot für Kinder und Jugendliche hat Norbert Axmann seinen Erlebnispark konzipiert – aber er weiß genau: auch Erwachsene beginnen hier zu Spielen.

Die Briefsortiermaschine, die wie ein Stahl gewordener Dinosaurier im 1.700 Quadratmeter großen Museum thront, ist nur eines von etwa 100 erstaunlichen Exponaten. Eine Grubenbahn, die einst unter Tage unterwegs war, ist ebenso Teil der Ausstellung wie Hebebühnen, ein klassischer Flaschenzug oder auch eine malerische Gondel, die einst über einen Fluß gezogen wurde.

„Wer weiß heute schon genau, wie solche Maschinen funktionieren? Und wo kann man so eine Maschine überhaupt erleben?“ hat sich Norbert Axmann gefragt, der in Essen im Ruhrgebiet geboren wurde und seit Jahrzehnten in der Nähe von Sinsheim lebt. Als Entwickler und Erfinder hat er mehr als 100 Patente im Bereich der Fördertechnologie angemeldet – mit einem Partner betreibt er in Zuzenhausen das Unternehmen „Axmann Technology AG – Innovation in Automation“.

„Also sprach Zarathustra“ – aus pneumatischen Kanonen in die Luft geschossen

Heute präsentiert er in unmittelbarer Nachbarschaft des Sinsheimer Technik-Museums eine Vielzahl unterschiedlichster Förderanlagen. Viele Exponate wurden von Unternehmen gespendet, aber es gibt hier auch Stücke zu entdecken, die speziell für das Museum erschaffen wurden. Dazu gehört ein perfekt funktionierendes Volleyballspiel, bei dem die Bälle zu den strauss’schen Klängen von „Also sprach Zarathustra“ aus pneumatischen Kanonen in die Luft geschossen werden. Humor hat der Museumsmacher also auch – und Spaß sowieso. Besondere Freude macht es ihm, wenn Schulklassen die Ausstellung besuchen und Kinder sich von seiner Begeisterung anstecken lassen, wie Dinge in Bewegung gebracht werden.

Wieder drückt der passionierte Radfahrer und Wanderer auf einen Knopf – und prompt wird ein kleiner zylindrischer Behälter – die klassische Rohrpost – durch Druckluft in eine durchsichtige, weit verzweigte Röhre gejagt. Ein wenig erinnert die bunte und abwechslungsreiche Ausstellung an die „Sendung mit der Maus“. Wie bei der legendären TV-Serie geht es auch hier darum, mit anschaulichen Beispielen Begeisterung und Neugierde für gute Ideen und Konstruktionen zu wecken.

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Über 100 erstaunliche Exponate – in einem erstaunlichen Museum.

Tägliche Bewegung erlebt Nobert Axmann ganz bewusst, wenn Menschen, Güter oder auch Ideen im Rhythmus einer ganzen Region schwingen. Die wirtschaftliche Dynamik, aber auch die Schönheit der Metropolregion Rhein-Neckar faszinieren den Familienvater noch immer – und die Mentalität der Menschen hier glaubt er mittlerweile ebenfalls verstanden zu haben. Anders als im Ruhrgebiet, könne man hier nicht immer darauf vertrauen, spontan und ohne besonderen Grund angesprochen oder gar eingeladen zu werden. Es sei denn, man finde heraus, was die Menschen tatsächlich interessiert, wie er sagt. In Sinsheim funktioniere das auch mit dem Thema Fußball ganz gut. “Wenn ich in einem Lokal mit dem Thema Hoffenheim anfange, dann habe ich ganz schnell einen Gesprächspartner“, sagt Axmann und lächelt.

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Die Ausstellung in Sinsheim ist keine retrospektive Nabelschau, sondern zeugt von Forscherdrang und Erfindergeist. Vor allem als Angebot für Kinder und Jugendliche will Norbert Axmann den Erlebnispark verstanden wissen: „Wir leben in einer Zeit, in der das Interesse an den Naturwissenschaften bei den jungen Menschen etwas nachgelassen hat“, bedauert der Unternehmer. Nun hofft er, dass zukünftig noch mehr Besucher in sein Museum kommen. Waren es im ersten Jahr noch 1.500 Menschen, so staunten 2015 bereits 6000 Besucher über den hier demonstrierten menschlichen Einfallsreichtum.

Weil die Vermittlung fachlicher Inhalte an sogenannten „außerschulischen Lernorten“ an Bedeutung gewinnt, finanziert Norbert Axmann im Erlebnispark Fördertechnik eine Mitarbeiterstelle der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Dabei geht es darum, gemeinsam mit Lehramtsstudenten pädagogische Konzepte zu entwickeln, die das Interesse der Schüler fördern. Samuel Kreis, Dozent an der PH Karlsruhe, erarbeitet mit seinen Studenten solche Ideen. „Es ist genial, dass wir die Ausstellung zur Konzeption nutzen können“, sagt der 30 Jahre alte Dozent.

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Norbert Axmann empfand es schon immer als beklemmend, wenn Firmen ihre einst raffiniert konstruierten Fördermaschinen nach langjährigem Gebrauch verschrotten. „Zumal viele der Geräte noch gut funktionieren“, wunderte sich der leidenschaftliche Erfinder und begann 2004 mit dem Sammeln von alten und neuen Ausstellungsstücken – seine vielfältigen Kontakte kamen ihm dabei zugute.

Mit dem Museum hat der engagierte Unternehmer der Fördertechnik ein würdiges Denkmal gesetzt. Dass es im Erlebnispark – er liegt nur einen Steinwurf vom Technik-Museum Sinsheim entfernt – nun ein neues Museum gibt, das Kindern ebenso gefällt wie Erwachsenen und Technik-Fans, das liegt in der Natur dieser Technologie. Es zischt, rattert und vibriert wenn die Maschinen laufen. „Wem gefällt das nicht?“, fragt Norbert Axmann.


http://erlebnispark-fördertechnik.de