Andreas StanitaJulian Beekmann

Die Schnapsidee aus der Pfalz

Die Milchstraße zählt rund 200 Milliarden Sterne, die Südliche Weinstraße exakt 44. In Hochstadt bei Landau steht jeder Stern für die Zutat eines Getränkes, das im Herzen des Weinbaugebiets noch klar zu den Exoten gehört: dem Pfälzer Gin.

 

Samstagvormittags brummt es in der Pfalz. Auf der Suche nach feinen Tropfen drängen Besucher aus der gesamten Region in die kleinen Weindörfer. Mancher steuert sein Ziel direkt an, andere lassen sich von den reich mit Reben verzierten Namensschildern locken, die an den Fassaden prangen. „Darf ich Ihnen was zum Probieren anbieten? Vielleicht einen St. Laurent? Ein würziger Roter, der nach Kirsche und Cassis duftet, mit schönen Noten von Schokolade und Eichenholz.“ Dominic Stern ist Routinier, wenn es darum geht die Weine aus dem eigenen Anbau zu beschreiben. Kein Wunder – denn schon im Alter von 19 Jahren ist der heute 35-Jährige in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters getreten und ist in den elterlichen Betrieb miteingestiegen.

Winzer und Gründer des 44 Star Gin: Dominic Stern.

„Die Qualität der Weine aus unserer Region hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Schub erfahren. Mein Opa war früher Holzküfer; er baute Fässer und Bütten für Winzerkollegen. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.“ Dominic kennt sie, die Geschichten von damals, aus der Zeit als Pfälzer Weine noch nicht mit internationalen Preis-Medaillen überhäuft wurden. „Pfälzer Riesling hat mittlerweile auch international einen hervorragenden Ruf. Mein Ziel ist es, dass wir das Gleiche auch mit unseren Rotweinen schaffen. Mit meinen Winzerfreunden bin ich viel unterwegs, mal in Spanien, oft in Frankreich, zuletzt in Ungarn. Wir besuchen Weingüter und tauschen uns mit den Kollegen aus. Die sind oft überrascht, wenn sie hören, dass ich hier einen besonderen Akzent auf meine Roten lege. Klar gibt’s noch Luft nach oben, aber mit einigen der Etablierten können wir schon heute mithalten.“

Noch erstaunter reagieren ausländische Winzerkollegen, wenn Dominic eine glasklare, farblose Halbliter-Flasche aus dem Reisegepäck zieht: den 44 Star Gin. „Gin ist ein echter Hype. Jeden Monat kommen neue Sorten auf den Markt und schon lange versuchen sich auch deutsche Destillerienauf dem Gebiet. Bei uns in der Pfalz war ich 2014 noch einer der Ersten, die sich an das Thema gewagt haben.“

Die Rot- und Weißweinflaschen sind vom Tresen verschwunden. Stattdessen stehen nun zwei mit Eiswürfeln gefüllte Gläser auf der Bar. Geschickt löst Dominic Stern mit dem Schälmesser einige Zitronenzesten und verwandelt sich vom Winzer in einen versierten Bartender. Fünf Zentiliter gießt er ins Glas, gibt Zitronenschalen hinzu, verrührt fachmännisch und füllt aus einer kleinen Dose spanisches Tonic Water auf. Fast scheint als seien Sterns Gäste aus dem beschaulichen Hochstadt in eine urbane Kreuzberger Szene-Bar gebeamt worden.

„Die Sache mit dem Gin war zunächst eine Schnapsidee. Hier bei uns gibt’s nur wenige Bars, aber solche Trends bekommt man mit, wenn man viel auf Reisen ist. Nach und nach habe ich mich immer mehr für Gin begeistert und verschiedenste Sorten probiert. 2014 kam mir der Gedanke: ich will selbst einen produzieren – wenigstens einen Testlauf muss ich wagen.“

„So sehr mich Gin auch fasziniert, Wein bleibt meine erste Liebe.“

Da die Produktion der jährlich rund 100.000 Flaschen Wein heute fast vollständig in Dominics Verantwortungsbereich liegt, widmet sich Vater Wolfgang seiner zweiten Passion: der Herstellung und Veredelung von Obstbränden. Ob Kirschen, Äpfel, Pfirsiche, Zwetschgen oder Mirabellen – es gibt keine Pfälzer Frucht, die von ihm nicht eingemaischt, vergoren und sorgsam destilliert wird. Gleiches gilt für Trester-, Hefe- und Weinbrände, die ebenfalls vom Senior produziert werden. „Das Equipment für die Gin-Produktion hatte ich durch meinen Vater schon. Was gefehlt hat, war das Gin-Know-how.“ Frei nach dem Motto „nichts ist unmöglich“ beginnt Dominic 2014 sich autodidaktisch in die Gin-Thematik einzuarbeiten.

„Für mich stand von Anfang an fest, dass unser Gin auf regionalen Botanicals basieren soll: Pfälzer Ingredienzien wie Maronen, Feigen und Zitrusfrüchten, die in unserem Garten wachsen und der Spirituose eine unverwechselbare Note geben. Wie der Name 44 Star verrät, sind es insgesamt 44 Botanicals, die wir verwenden. Das Aromageheimnis liegt aber weniger in der Zusammensetzung als im Verhältnis der Zutaten zueinander – da verrate ich nichts!“ Bei der Herstellung sind traditionell verschiedene Verfahren erlaubt, von denen zwei im Weingut Stern kombiniert werden: die Mazeration und die Perkulation. „Grob erklärt werden bei der Mazeration die Botanicals in Alkohol eingelegt, während sie sich bei der Perkulation in einem Sieb befinden durch den der Alkoholdampf durchsteigt.“

Die Gin-Liebhaber am Tresen folgen Dominics Ausführungen andächtig und bemerken dabei kaum, wie der Winzer ihnen unauffällig nachschenkt. „Der erste Anlauf war noch etwas scharf im Abgang. Gin-Produktion ist eben ein Lernprozess, aber mittlerweile bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Die ersten Preise haben wir mit unserem Produkt auch schon gewonnen. Ständig erwische ich mich dabei, wie ich über eine Zweitsorte nachdenke, oder über Möglichkeiten, Gin durch Lagerung in Barrique-Fässern zu veredeln. Für solche Projekte fehlt mir momentan nur leider die Zeit, denn so sehr mich Gin auch fasziniert, Wein bleibt meine erste Liebe.“

Bei der Namensgebung seines Gins war für Dominic Stern die Anzahl der verwendeten Botanicals entscheidend. Die Zahl 44 markiert aber auch den Prozentgehalt Alkohol, den der zitrusfrische Wacholderbrand beinhaltet. Wer also zur Weinprobe in die Pfalz aufbricht, der sollte darauf achten, dass er beim Getränkewechsel nicht irgendwann beginnt Sterne zu sehen. Am deutschen Gin-Himmel ist jedenfalls ein neuer Stern aufgegangen – hoch oben in der Gemeinde Hochstadt, über denWeinreben des Weinguts Stern.


www.44stargin.de

www.weingut-stern.de