Sarah WeikClaus Geiss

Die Retter der Streuobstwiese

Unter den Füßen raschelt das Gras, bei jedem Schritt hüpfen Grashüpfer davon. Die Streuobstwiesen im Wambolter Sand bei Bensheim sind typisch für die Bergstraße. Und dennoch werden sie immer seltener. Benedikt Kuhn, Marco Daub, Florian Schumacher und Martin Schaarschmidt sind wild entschlossen, diese Kulturlandschaft zu retten.

Alle paar Meter beugt sich ein Baum über die Wiese. In ihren knorrigen Ästen hat jede Jahreszeit, jeder Sturm seine Spuren hinterlassen. In den Stämmen haben schon ganze Familien gelebt, eine Spechtfamilie zunächst, dann vielleicht ein Kleiberpärchen, später zogen Fledermäuse und Käfer ein.

Die Streuobstwiesen an der Bergstraße und im Odenwald prägen seit Jahrhunderten das Landschaftsbild, doch „in den vergangenen 50 Jahren ist der Bestand an Streuobstwiesen um etwa 75 Prozent zurückgegangen“, erzählt Martin Schaarschmidt. Gemeinsam mit Florian Schumacher steht er am Rand einer der Wiesen, die sich früher überall in Deutschland wie grüne Gürtel um die Ortsränder legten. Dann wurden die Wiesen gerodet und bebaut, von Wäldern verschluckt oder von Brombeersträuchern überwuchert.

Auch in Bensheim hat sich seit Jahrzehnten niemand mehr um die Bäume gekümmert. Doch es tut sich was im Wambolter Sand.

Zwischen dem altersschwachen Rheinischen Winterrambour und der knorrigen Schweizer Wasserbirne wächst nun eine neue Obstbaum-Generation heran. Mit klangvollen Namen wie Roter Mond, Sommerzimtapfel oder Rote Sternrenette. Verantwortlich für den Generationenwechsel sind vier junge Männer. Martin Schaarschmidt, Florian Schumacher, Benedikt Kuhn und Marco Daub – die Streuobstwiesenretter, wie sie sich nennen. Sie kümmern sich hier auf einer Fläche von gut acht Hektar um die Pflege und den Fortbestand der Wiesen.

Martin Schaarschmidt hatte sich schon als Jugendlicher daran gestört, dass auf den Streuobstwiesen seiner Großeltern nichts mehr gemacht wird. Also ließ der 16-Jährige öfter mal das Fußballtraining sausen und stutzte stattdessen Hecken und beschnitt Bäume. Auch später, er arbeitete längst als Projektingenieur bei Unilever, ließen ihn die geliebten Streuobstwiesen nicht mehr los. Er schrieb sich für das Fernstudium „Umweltschutz“ an der Universität Rostock ein, entwickelte für seine Abschlussarbeit ein Erhaltungskonzept für die Streuobstwiesen im Kreis Bergstraße. Auch beruflich hat er mittlerweile der Wirtschaft den Rücken gekehrt und lebt stattdessen seinen Traum: als stellvertretender Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands Rhein-Neckar.

Florian Schumacher und Marco Daub sind die Gründungsmitglieder des Naturschutzvereins Einhausen. „Marco kannte Martin und sagte, dass wir uns unbedingt mal kennenlernen müssen“, erzählt Schumacher. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Die zwei Mittdreißiger lachen. Mit im Boot sitzt noch Benedikt Kuhn. Der Odenwälder, Gestalter und leidenschaftliche Apfelweintrinker, erkannte die uninspirierte und nicht zeitgemäße Vermarktung des Getränks und hat mit der Getränkemarke „Bembel with care“ dem Apfelwein erfolgreich ein neues, junges Image verpasst.

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Die Vier von der Streuobstwiese: Marco Daub, Benedikt Kuhn, Martin Schaarschmidt und Florian Schumacher (v.l.n.r)

Bewusst entschieden sie sich dafür, 2011 eine Initiative zu gründen und keinen Verein. „Wir wollten eher die Vereine, die sich mit dem Thema bereits beschäftigen, zusammenbringen und eine Plattform schaffen, über die sich Interessierte informieren und austauschen können“, erzählt Schumacher. Schaarschmidt berichtet von seinen ersten eigenen Baumpflanzungen. „Die waren nichts – die meisten gingen kaputt.“ Das Wissen, das die Generation ihre Großeltern noch hatte, ging über die Jahre verloren. „Wir sind nun dabei, das wieder zusammenzutragen und wollen auch Jüngere wieder für die Streuobstwiesen begeistern.“

Auch wenn sie unauffällig daherkommen – Streuobstwiesen sind einzigartige Biotope. In und um die alten Bäume tummelt sich eine vielfältige Vogel- und Insektenwelt.

Bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten leben auf einer Wiese. Auf dem sandigen Boden fühlt sich sogar die seltene Sand-Grasnelke wohl und viele Bäume gehören zu Sorten, die mittlerweile vom Aussterben bedroht sind. „Das war richtige Detektivarbeit, bis wir herausgefunden haben, was hier überhaupt so wächst“, erzählt Schumacher. Sie bezogen Pomologen ein und verschickten auch mal 100 einzeln verpackte Kirschen zu einer Expertin nach Thüringen. „Aber bei einigen Bäumen wissen wir immer noch nicht, welche Sorte es ist.“ Teils rufen die Streuobstwiesenretter auch Fahndungsaktionen über das Internet aus, um an alte Odenwälder Sorten zu kommen. Auf der Fahndungsliste stehen unter anderem Sorten wie die Heppenheimer Renette oder die kleine grüne Schafsnase. Dank sachdienlicher Hinweise aus der Bevölkerung wächst in Bensheim nun immerhin wieder ein „Kalbfleischapfel“.

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Vertraut, aber auch selten: Apfelbaum in freier Wildbahn.

Inzwischen haben die Streuobstwiesenretter einige Verbündete gefunden. 2012 räumten die Wiesenaktivisten mit dem Projekt „Saft aus herrenlosem Obst“ den mit 10.000 Euro dotierten Bürgerpreis der Metropolregion Rhein-Neckar ab. Fast jeder der gut 180 jungen Bäume, die hier auf den Streuobstwiesen wachsen, hat inzwischen einen Paten. Schäferin Simone Häfele kommt im Juni und im Herbst mit ihrer Herde vorbei und beweidet die Flächen. Ganze Schulklassen packten bei der Baumpflege schon mit an – genauso eine Gruppe von albanischen Flüchtlingen. Die Kelterei Falter produziert den Streuobstwiesenretter-Apfelsaft und die „Genusswolke“ aus Offenbach macht daraus wiederum Gelees. „Mittlerweile bekommen wir fast jeden Tag Anfragen aus ganz Deutschland“, freut sich Martin Schaarschmidt. Es sieht ganz danach aus, als könnten durch das wachsende Interesse noch viele Streuobstwiesen vor dem Verschwinden gerettet werden.

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Man sieht es vielleicht nicht. Aber auf diesem Bild verstecken sich Hunderte kleiner Tierchen.


 

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