Anne-Kathrin JeschkeClaus Geiss

Die Ochsentour

Wie viele Emotionen kann ein Mensch in eine Vision investieren? Um ein neuartiges Beweidungsprojekt zu starten, hat der Pfälzer Peter Hiery eine Herde Auerochsen von Spanien nach St. Martin geholt. Die Tiere sind hier heimisch geworden – und ein ewig Rastloser hat seine Ruhe gefunden.

 

Ganz still steht Esmeralda im Schnee. 550 Kilogramm wiegt die stattliche Dame. Friedlich sieht sie aus – nur ihre langen Hörner wirken selbst aus sicherer Entfernung respekteinflößend. Die Kuh mit dem dichten, rotbraunen Winterfell lässt Peter Hiery keinen Moment aus den Augen. Esmeralda ist Teil einer Herde Auerochsen, die am Ortsrand von St. Martin im Wald ganzjährig im Wald lebt – auch im Winter, wenn Schnee und Kälte die Landschaft prägen. Genau genommen sind es sogenannte Heckrinder, eine Nachzüchtung der im 17. Jahrhundert ausgestorbenen Auerochsen. Sie weiden hier eingezäunt auf einer Waldfläche von rund 44 Hektar – auf umgerechnet rund 62 Fußballfeldern. Die Tiere sind Teil eines ungewöhnlichen Beweidungsprojekts – oder wie Peter Hiery sagt: „Sie gestalten die Landschaft.“ Hier, am Fuße des Pfälzerwalds.

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Dass die Tiere sofort auf Peter Hiery reagieren, hat einen guten Grund: Ohne ihn wären sie gar nicht hier. Der Frührentner sitzt für die Freie Wählergruppe im Gemeinderat von St. Martin – und war verwundert darüber, wie viel Geld es kostete, die Fläche am westlichen Ortsrand zu bewirtschaften. Als er 2009 im Urlaub im französischen Zentralmassiv eine Rinderart sah, die dem Auerochsen ähnelt, reifte in ihm eine Idee. Also sprach er beim Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen vor. „Sie schickt der Himmel“, antwortete der Mann hinter dem Schreibtisch. So jedenfalls erzählt es Hiery Jahre später, der mit dem Satz „Wir haben zehn Auerochsen und kein Land“ in St. Martin offene Türen einrannte. Denn die Gemeinde hatte Land – aber keine Auerochsen.

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Peter Hiery

Natürlich gab es Zweifler. Gibt es heute noch. Es brauchte ein Jahr und viele Argumente, bis Hiery und seine Befürworter die Tiere in die Pfalz bringen konnten. Das Geld für ihre Anschaffung, für den Zaun, für den Tierarzt stammt seinen Angaben zufolge aus Ausgleichszahlungen: etwa wenn Unternehmen zum Ausgleich für Bauprojekte den Naturschutz unterstützen. Und aus Spenden, „nicht aber aus öffentlichen Mitteln“. Trotzdem: Der Weg war gesäumt von bürokratischen Hürden. Peter Hiery, der „Einzelkämpfer“ – er hat sie alle genommen. Eines habe ihm dabei geholfen. Er grinst schelmisch: „Dass ich selbst 40 Jahre lang für eine Behörde gearbeitet habe.“

Heute geht der Tierfreund jeden Tag auf „Ochsentour“ und besucht seine Schützlinge. Zwei Stunden verbringt der 60-Jährige dann im Wald: „Die Tiere wirken total beruhigend auf mich.“ Auf einen, der es eigentlich „schnell und hektisch mag“. Der nicht nur Hobbywinzer ist und in der Volkstanztrachtengruppe, sondern auch im Gemeinderat und im Verbandgemeinderat Verantwortung übernimmt. Einer, der schneller redet als manch anderer denken kann. Hiery war früher Headhunter, arbeitete als Arbeitsvermittler unter anderem für die Europäische Kommission und die Agentur für Arbeit. Immer unterwegs, immer erreichbar. Bis sein Herz dieses Tempo nicht mehr mithalten konnte. Jetzt ist er Frührentner – und widmet dem Auerochsen-Projekt sehr viel Zeit und Liebe.

„Die Tiere sind wild, auch wenn sie eingezäunt sind und Ruhe ausstrahlen“.

Neben Esmeralda steht Othello. Noch einige Zentimeter größer und noch 100 Kilogramm schwerer als die Leitkuh. Dahinter Sahneschnute und Dickhorn – wer sie sieht, weiß sofort, warum sie so heißen. Zehn Tiere sind es aktuell, fünf ausgewachsene, fünf Jungtiere. Staksig, herzerweichend niedlich. Aber auch wenn sie eingezäunt sind und diese Ruhe ausstrahlen: Die Tiere sind wild, Peter Hiery, ihr „Kümmerer“, hält Abstand. Und doch führt ein Weg mitten durch „ihr Gebiet“. Ein Pfad, den Spaziergänger und Wanderer nutzen dürfen. Hiery räumt ein, dass ihm das manchmal Bauchschmerzen bereitet. Doch wer die Regeln beachtet, wer Sicherheitsabstand hält und seinen Hund an die Leine nimmt, muss sich vor den Rindern nicht fürchten. Auch bei Führungen, den sogenannten Ochsentouren, geht der großgewachsene, grauhaarige Mann mit seinen Gästen ins Gehege.

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Die 44 Hektar Land der Auerochsen sind vielfältig: Sumpf. Mischwald, dunkler Fichten-, lichter Kiefernbestand. Esmeralda, Othello und die anderen haben eine Aufgabe: Sie sollen die Landschaft pflegen und verändern, für Vielfalt sorgen. Überall entdeckt Hiery die Spuren, die die Herde hinterlässt: eine erste Lichtung, die die schweren Tiere geschaffen haben. Jahre früher als erwartet. Er zeigt Bäume, die sie geschält, Stämme, die sie umgeknickt haben. Macht vor, wie die Tiere sie regelrecht umrennen. Hiery ist in seinem Element: Erklärt, warum die Kühe Ringe an den Hörnern haben, die Bullen aber nicht – für jedes Kälbchen einen. Mit bloßen Händen hebt er einen getrockneten Kuhfladen an, zeigt die Spuren darunter: Löcher von Dungkäfern, die in den Boden führen. Sie zersetzen die Exkremente innerhalb weniger Wochen – Thema einer Doktorarbeit, denn Forscher verschiedener Universitäten begleiten das Auerochsen-Projekt. Sie dokumentieren unter anderem, wie sich das Gebiet durch die Herde verändert. Ein ausgewachsenes Tier frisst  45 bis 55 Kilogramm am Tag – und scheidet 25 bis 30 Kilo wieder aus. Und das riecht – zumindest getrocknet – nicht unangenehm, sondern „einfach nur nach Erde“. Weil die Tiere kein Zusatzfutter bekommen, erklärt Peter Hiery. Lediglich wenn im Winter Schnee liegt, rolle er einen Heuballen ins Gehege.

Im Sumpf kennt er jeden Stein und jeden Baumstamm, um das feuchte Gebiet unfallfrei zu durchqueren. Er imitiert dabei die Schmatzgeräusche, die entstehen, wenn ein Tier „bis zum Euter im Morast versinkt“. „Dabei heben sie den Schwanz hoch, damit der nicht nass wird“, erzählt er und lacht. Aber es gab auch schon schlechte Tage: Drei Auerochsen sind im Gehege gestorben. Besonders schlimm für ihn war, als Wilderer ein Kälbchen töteten – offenbar mit einer Armbrust. Hiery schaudert es jetzt noch, denkt er an die verzweifelten Schreie des Muttertiers. Damit die Herde nicht zu schnell wächst, werden allerdings auch Tiere geschlachtet. Der Abschied schmerzt ihn jedes Mal.

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Wer mit Peter Hiery im Wald von St. Martin unterwegs ist, lernt viel über die Heckrinder. Über die Landschaft. Über die Pfalz und die Menschen, die hier leben. Und darüber, wie viele Emotionen ein einziger Mensch in ein Projekt stecken kann. Dabei hat er, der ewig Rastlose, endlich Ruhe gefunden.


Ochsentour St. Martin