Anne-Kathrin JeschkeRicardo Wiesinger & Dorothea Burkhardt

Die Chronistin

Wahre Schätze zieren die staufische Klosterkirche Lobenfeld im Rhein-Neckar-Kreis: Wandbilder aus längst vergangenen Zeiten sind teilweise erhalten, aber nur wenig erforscht. Doris Ebert arbeitet auch mit fast 90 noch unermüdlich daran, die historischen Kunstwerke ins Rampenlicht zu bringen.

 

Blass sind die Kunstwerke an den kalten Kirchenmauern. Nur tief hängende Lampen tauchen die Bilder in warmes Licht. Farbfragmente fordern Geduld ein, verlangen nach Kenntnis und Phantasie. Ein Mann und zwei Löwen, noch leicht zu erkennen: Daniel in der Löwengrube. Darunter zwölf Figuren – die zwölf Apostel? Doris Ebert schüttelt den Kopf. Die kluge Frau mit dem weißen, schlicht zurückgekämmten Haar weiß es längst besser. Denn wer die Südwand des Chorraums der Klosterkirche Lobenfeld, wer die Werke aus den Jahren um 1230 genauer betrachtet, erkennt, dass Frauenfiguren darunter sind. Und das Bild eines Mannes mit Krone und Zepter: ein Kaiser oder König. Vor ihm in der Reihe aber stehen die Heiligen. „Es liest sich wie eine Mahnung aus den Turbulenzen der Zeitgeschichte, Kirchenpolitik: „Erst kommt die Kirche, dann kommt der König. In einem Frauenkloster!“, sagt die 89-Jährige.

Vorsitzende des Fördervereins „Freunde der Klosterkirche“ Doris Ebert

Die Klosterkirche Lobenfeld, ein wuchtiges staufisches Bauwerk, steht auf einer kleinen Anhöhe; dort, wo Königstuhl, Kraichgau und Odenwald ineinander übergehen. Sie gibt viele Rätsel auf. So viele, dass man schier verzweifeln möchte.

In den 70er Jahren ist Doris Ebert mit ihrer Familie, Mann und drei Töchtern, von Heidelberg nach Lobenfeld gezogen. Seitdem lässt die Klosterkirche sie nicht mehr los. Schon als Kind hatte sich die technische Übersetzerin, deren Mutter künstlerisch arbeitete, für Wandmalerei interessiert.

An frühen Quellen mangelt es zwar, aber die Klosterkirche Lobenfeld muss vor 1145 entstanden sein. Augustinerkanoniker aus Frankenthal haben sie gegründet, möglicherweise schon für Frauen ihrer Gemeinschaft. Um 1270 war Lobenfeld geistige Heimat für Frauen des Zisterzienserordens und ab 1436 der benediktinisch-bursfeldischen Convention. Die wechselhafte Geschichte enthält viele Kapitel mehr, unter anderem kamen Jesuiten und englische Siebtentags-Baptisten nach Lobenfeld. Die Pfälzer Kirchenteilung brachte die ehemalige Klosterkirche 1705 in protestantische Hand, den übrigen Besitz erhielten die Katholiken. Wieder 100 Jahre später wurde das Langhaus, das die Zisterzienser um die Mitte des 13. Jahrhunderts angebaut hatten, im Tausch gegen einen Acker zur Scheune der katholischen Schaffnei. Eine Mauer im Triumphbogen teilte die Kirche, in die Chor-Ostwand wurde eine Türe eingebrochen. Die Mauer fiel 1997.

Die Klosterkirche erzählt eindrucksvoll von Vergangenem und ist gleichzeitig in der Gegenwart angekommen. Im Westen des Langhauses gibt die moderne Winterkirche mit begehbarer, lichtdurchfluteter Galerie den Blick frei auf die jahrhundertealten Sandstein- und Bruchsteinmauern. Ein aufwendiges Holzkonstrukt trägt das schwere Kirchendach. Glühbirnen hängen an langen Kabeln wie in den hippen Cafés der Großstädte. Die historische Orgel von Johann Heinrich Dickel aus dem Jahr 1773 steht heute auf einer Empore im nördlichen Querhaus. Pfarrer und Organist Hans Martin Schäfer rettete sie 1958 und gründete eine Konzertreihe, die Doris Ebert seit 1980 mit weit über hundert Konzerten betreut. Die Klosterkirche nutzt inzwischen auch das Geistliche Zentrum des evangelischen Kirchenbezirks Neckargemünd-Eberbach für Veranstaltungen und Seminare.

Wenn Doris Ebert einen Wunsch frei hätte, würde sie gerne die Menschen treffen, die die Wände „ihrer“ Klosterkirche verziert haben.

Doris Ebert kann lange in den schlichten Holzbänken sitzen. Dann schaut sie die Wandbilder an, wieder und wieder. Die Kunstwerke aus spätromanischer Zeit, aus Früh-, Hoch- und Spätgotik. Schätze, die die Wissenschaft lange übersah. Eine Ausnahme bildete ein von der Klaus Tschira Stiftung gefördertes Forschungsprojekt am Institut für Kunstgeschichte der Universität Karlsruhe, dessen Ergebnisse zu Geschichte, Architektur und Ausstattung der Klosterkirche 2001 veröffentlicht wurden.

Die 89-Jährige kennt alle Forschungsergebnisse, hat selbst unzählige Texte geschrieben, auch Bücher zum Thema veröffentlicht, sich durch Archive gelesen. In jeder Ecke der Kirche fällt ihr etwas ein: Geschichtliches, Entdeckungsmomente, aber auch Anekdoten. Etwa von einem Anrufer, der sie darauf hinweisen wollte, dass die verführerische Adelheid von Walldorf aus Goethes „Götz von Berlichingen“ in Lobenfeld begraben sei. Doris Ebert musste ihn leider enttäuschen: die Adelheid von Walldorf, deren schwerer Grabstein heute an der Kirchenwand lehnt, war weit mehr als hundert Jahre früher gestorben, bevor der fränkisch-schwäbische Reichsritter Gottfried „Götz“ von Berlichingen – Goethes Vorbild für das Schauspiel – überhaupt von Frauengeschichten berichten konnte.

1773 wurde die noch heute erhaltene Orgel von Johann Heinrich Dickel gebaut.

Doris Ebert zeigt Reste von Engelsflügeln. Sie präsentiert blasse Heiligenscheine, die von einer Marienfigur und dem Jesuskind übrig geblieben sein müssen. Sie stellt ein Bild an der Nordwand des Chors vor, das erst seit wenigen Jahren gedeutet werden kann. Früher hat man zwei der Figuren für Frauen gehalten. Sie stellen Synagoge und Ecclesia, die jüdische und die christliche Kirche, dar. Inzwischen geht Doris Ebert davon aus, dass eine davon einen Mann darstellt, der symbolisch fürs Judentum steht. Und sie hat noch  viele Fragen: „Wer hat das alles veranlasst, wer hat diese Bilder gemalt?“ Die Zisterzienser seien es nicht gewesen, da ist sie sich sicher: „Sie sollten keinen Schmuck haben. Erst recht nicht in einer Frauenkirche.“ Wenn Doris Ebert einen Wunsch frei hätte, würde sie gerne die Menschen treffen, die die Wände „ihrer“ Klosterkirche verziert haben. Aber auch diejenigen, die die Kunstwerke mit weißer Farbe übermalt haben. Und alle, die diese Farbschichten wiederum mit Drahtbürsten abgekratzt – und dabei die darunterliegenden Kunstwerke schwer beschädigt – haben. „Es ist wirklich schlimm, was sie getan haben.“ Doris Ebert schüttelt den Kopf.

Seit 20 Jahren schon bemüht sie sich, jemanden zu finden, der sich in Zukunft mit dem gleichen Herzblut um die Klosterkirche, um die Wandmalereien kümmert. Jemanden, dem sie ihre Bibliothek und ihr Wissen weitergeben kann. Ihre Leidenschaft sei zeitaufwendig und auch teuer, räumt sie ein. Mehr als 25.000 Euro habe sie in den vergangenen Jahrzehnten investiert: in Reisen, in Bücher, in Recherchen zum Thema. Nun, mit fast 90, denke sie aber wirklich langsam an Ruhestand, betont die Frau, der die kriechende Kälte auch nach zwei Stunden nichts anzuhaben scheint. Zu Hause im Warmen sitzen und lesen, das sei sicher auch ganz schön. Und doch hat sie sich bislang immer wieder dagegen entschieden.


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