Andreas StanitaClaus Geiss

Die bunten Wände von Heidelberg

Alte Brücke, Schloss und Universität – jeder kennt die Heidelberger Sehenswürdigkeiten. Seit 2015 ist außerhalb der Altstadt aber auch ein „Kulturtourismus“ entstanden, der riesige Wandbilder zum Ziel hat: überdimensionale fotorealistische Portraits, abstrakte Muster oder surreale Fabelwesen an ehemals grauen Hauswänden – im Rahmen des jährlichen Metropolink Street-Art-Festivals sind öffentliche Kunstwerke entstanden, die das Stadtbild erfrischen.

 

Die Idee, Künstlern in Heidelberg eine neue Plattform zu bieten, hatte Pascal Baumgärtner schon vor über zehn Jahren. Bei Besuchen in Barcelona und Rom lernte der heutige Macher des Metropolink-Festivals die dortige Kreativszene kennen und begeisterte sich für deren Community-Gedanken.

 

2008 gelingt es ihm zum ersten Mal, in Heidelberg freistehende Gewerbeflächen zu organisieren, in denen lokale Kreativschaffende vorübergehend ihre Kunst präsentieren können. Unter wechselnden Namen und in immer neuen Locations überrascht Baumgärtners Pop-Up-Gallery Jahr für Jahr, bis sie schließlich unter dem Namen Willi Bender ihren festen Platz in Heidelbergs Kunstszene findet. In jedem Jahr und in allen Räumlichkeiten mit vertreten ist der Graffiti-Künstler Cedric Pintarelli – in der Street-Art-Szene besser bekannt als Sweetuno.

Cedric Pintarelli – in der Street-Art-Szene bekannt als Sweetuno.

 

Mechanisch surrt die Hydraulik der roten Hebebühne, die im Heidelberger Stadtteil Rohrbach an einem Mehrfamilienhaus aufgebaut ist.  Oben in der etwas wackeligen Gondel steht Cedric Pintarelli und steuert per Joystick die Hauswand entlang. Mit der Hand schüttelt er die rasselnde Kugel durch eine schwarze Farbdose. Mal im gebündelten Strahl, mal eher wolkig strömt der Lack durch den Sprühkopf auf die Fassade. In tagelanger Arbeit entsteht so ein überdimensionales Wandbild, das die Anwohner und Nachbarn inzwischen ebenso fasziniert wie die Kunstfans, die gezielt anreisen, um die inzwischen 26 Fassaden zu besuchen, die in den letzten Jahren im Rahmen des Metropolink-Festivals entstanden sind.

Bis der erste Farbklecks auf der Hauswand landet, vergehen oft Monate der Vorbereitung. An der Umsetzung mancher Projekte sind bis zu 14 Heidelberger Ämter beteiligt, denn mit einer Unterschrift des Hauseigentümers ist es noch lange nicht getan. Vom Baurechtsamt über das Stadtplanungsamt bis hin zum Forstamt haben eine Menge Menschen ein Mitspracherecht. Umso schöner, wenn es am Ende klappt und alle glücklich mit dem Ergebnis sind.

In Heidelberg ist man sich einig: die Zukunft wird bunt.

Sweetunos Kunstverständnis hat sich über die Jahre ebenso gewandelt wie das Bild der gesamten Streetart-Szene in der Öffentlichkeit. Als Ende der 1980er Jahre die Graffitiwelle mit voller Wucht über den Atlantik schwappt, schlugen Hausbesitzer Alarm. Die mit Filzmarkern und Sprühfarben an Wände gemalten, kryptischen Buchstabenkürzel werden als Sachbeschädigung empfunden und nicht als künstlerisch wertvoll erachtet. Damals gilt Heidelberg als Wiege der deutschen Rap- und Graffiti-Szene und inzwischen ist die rohe Subkultur, ebenso wie ihre Protagonisten, den Kinderschuhen entwachsen. Viele „Problemkinder“ von einst sind heute erfolgreiche Designer, Architekten und Künstler wie Cedric Pintarelli, für den Heidelberg zur Wahlheimat geworden ist. „Es ist schon erstaunlich: vor zwanzig Jahren hatte ich noch Angst, wegen Sachbeschädigung verurteilt zu werden und heute hängen meine Leinwände in Zürich in einer Galerie. Nachts sind wir maskiert um die Häuser gezogen, jetzt gestalten wir im Rahmen mehrtägiger Kunsthappenings ganze Fassaden – legal, mit Bewilligung der Behörden und finanziert von Sponsoren. Das hätte sich damals keiner ausmalen können.“

Der Macher des Metropolink-Festivals: Pascal Baumgärtner.

 

So wie sich Sweetuno an Heidelberg gewöhnt hat, haben die Heidelberger die bunte Fassadenkunst für sich entdeckt. Am Römerkreis sitzen Cafébesucher zu Füßen der bunten Figur des peruanischen Künstlers Danny Figueroa. Schräg gegenüber tanken Autofahrer unter den überdimensionierten Händen, die Marcus Genesius und Case auf der Hausfassade verewigt haben. Nur eine Hausecke weiter in der Kaiserstraße, werden Passanten visuell in ein spiralförmiges, dreidimensionales Treppenhaus hineingesogen, das der polnische Künstler Robert Proch auf der Hauswand angebracht hat. Kreuz und quer durch alle Stadtteile sind die Wandbilder verstreut. Sie fallen auf und fügen sich doch wundersam harmonisch ins Gesamtbild der Stadt.

 

Auch für die Zukunft planen die Metropolink-Macher  Großes. Unter dem Motto – „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ wird sich ein Teil der ehemaligen Kasernensiedlung Patrick-Henry-Village in eine Künstlerkommune verwandeln. Auf dem San-Jacinto-Drive werden 10 Tage lang Ateliers, Werkstätten und Studios entstehen, in denen Besucher sich einen Überblick über das kreative Potential der Stadt verschaffen können. Selbstverständlich werden die Fassaden Heidelbergs auch nach diesem Festival wieder um einiges farbenfroher sein. In Heidelberg ist man sich einig: die Zukunft wird bunt.


www.metropolink-festival.net