Der Pater und die Kunst

Bis in die 90er Jahre war Ralf Sagner nicht einmal getauft. Heute leitet der ehemalige Softwareentwickler das Wormser Dominikanerkloster – und öffnete seine Tür für das wandernde Kunstprojekt „Matchbox Rhein-Neckar“, mit dem ein Künstler-Paar aus New York jetzt die Kulturlandschaft der Region neu vermisst.

Ein Stuhl, ein Tisch, ein Bett, ein Schrank. Wer in diese Zimmer zieht, ist entweder Novize oder sucht Abstand von der Welt. Pater Ralf lebt hier seit November. Und seine Gäste, Pavol Liska und Kelly Copper, sind weder das eine, noch wünschen sie sich das andere. Mit ihrem Nature Theatre of Oklahoma mischen die beiden New Yorker Künstler Oper, Tanz, Theater und Film zu eigenwilligen Performances. Am Wiener Burgtheater, beim Berliner Theatertreffen, beim Festival in Avignon – und nun für das Kunst- und Kulturprojekt „Matchbox Rhein-Neckar“, mit dem sie im Auftrag des Kulturbüros der Metropolregion vom 1. bis zum 27. September die regionale Kulturlandschaft durchwandern. Bei „Matches“ in Orten wie Einhausen, Lindenfels, Mörlenbach oder Rimbach werden sie Leute vor Ort in ihre Kunst-Aktionen einbinden. Zum Start haben sie statt einer Bühne nun aber zunächst dieses Dominikanerkloster in Worms betreten, das an die 1000 Jahre alt ist, schlicht und still. In dem es feste Regeln gibt. „Wir frühstücken ab 7“, sagt Pater Ralf. Und dreimal am Tag wird gemeinsam gebetet.

Die Idee von „Matchbox Rhein-Neckar“: Kelly Copper und Pavol Liska besuchen auf einer Radtour zehn Orte in der Region und entwickeln mit den Einheimischen einen Film. Los geht es im Wormser Dominikaner-Kloster – und bei jenem Pater, der sie eingeladen hat. Warum? „Ich glaube an die Freiheit der Kunst“, sagt der Prior so lapidar, als sei es selbstverständlich, was die Performancekünstler in seiner Paulus-Kirche treiben: Unter dem Titel „Nibelungen Cycle“ drehen Liska und Copper eine neue Fassung des Nibelungenliedes: mit einem Siegfried, der von den Kapverden stammt und der eine Frau um die 60 heiratet. Am Anfang stand die Doppelhochzeit des Helden mit Kriemhild, Gunther und Brünhild. Und nein, Pater Ralf ist nicht derjenige, der hier vermählt. „Ich schaue mir das Ganze nur an“, sagt er und gibt zu: Ja, etwas Lampenfieber habe er schon. Denn diese Kunstaktion ist ein Experiment. In einer ganz realen Kirche.

Das Kloster führt der Prior erst seit November. Seine neun Mitbrüder hatten ihn gewählt – in seiner Abwesenheit, während er eigentlich als Kaplan in Leipzig eingebunden war. Fremd war ihm Worms allerdings nicht, 2006 war er hier selbst Novize gewesen.

„Der Ortswechsel gehört zu unserem Leben dazu“, sagt der Pater, der zu Kurzhaarfrisur und Hornbrille den traditionellen Habit trägt, die weiße Ordenstracht der Dominikaner.

Außerhalb des Klosters heißt der Prior Ralf Sagner. Und er kam erst spät zum Glauben und noch später zu seinem Orden: Geboren 1962 in Potsdam, hatte der Chemiefacharbeiter zunächst Informationstechnik studiert – in Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß. „Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Offizier“, erzählt der Wormser Hausobere. Die Sagners lebten im sozialistischen System der DDR, dessen Zusammenbruch plötzlich alles in Frage stellte. Ralf Sagner begann, sich mit der Kirche zu beschäftigen, während er in Berlin als Softwareentwickler arbeitete. 1993 ließ er sich taufen, trat ganze 14 Jahre später dann in den Orden ein und studierte Theologie in Mainz und Wien. 2012 weihte man ihn zum Priester.

Matchbox_2Foto-Claus-Geiss

Wormser Klostergartentalk

Vielleicht ist es diese späte Berufung, die ihn zum idealen Prior macht, denn in Worms ist das Ausbildungshaus der Dominikaner für den gesamten deutschsprachigen Raum. Drei Ordensanwärter leben hier zurzeit. Sie haben, mit Anfang 20, ihr ziviles Leben vorläufig beendet. Das Noviziat sei so etwas wie eine „beruhigte Situation“, erklärt der Pater, in der die jungen Leute für sich klären müssen, ob das Leben im Orden für sie das Richtige ist. Ausbildungen werden dafür unterbrochen. Freundschaften entstünden nicht zwingend und auch ein Familienersatz seien die Mitbrüder nicht. Gleichwohl eine enge, selbst gewählte Gemeinschaft.

In der nun die Künstler aus New Yorker leben. „Gäste sind an sich nichts Besonderes bei uns“, sagt Pater Ralf. Speziell sei vielmehr, dass die beiden an etwas arbeiten – an ihrem Film und der Nibelungen-Doppelhochzeit, bei der sich Fiktion und Realität vermischen: Denn ganz real wird es am 1. September so etwas wie eine Vernissage geben, mit offiziellen Ansprachen etwa vom Wormser Oberbürgermeister – und dann jene inszenierte Hochzeitsfeier, die das Hermann Art Kollektiv musikalisch begleitet. Geplant ist schließlich ein Stummfilm, für den sich Copper und Liska Outfits im Stil der 20er Jahre haben schneidern lassen. Als Hommage an den legendären Fritz Lang und seinen Nibelungenfilm von 1924.

Kunst und Kirche – wer mit dem Pater durch das jahrhundertealte Kloster geht, vorbei an barocken Kreuzigungsszenen oder einem Fresko aus der Romanik, der versteht, dass sie schon immer zusammengehören.

Der neue Prior will das in der Stadt sichtbarer machen. Er plant Ausstellungen, vielleicht auch mal ein szenisch begleitetes Oratorium. Der Nibelungenfilm ist ein Auftakt: Im nächsten Jahr soll er in die Region zurückkehren und an den Orten gezeigt werden, an dem er entstand, bevor er auf Festivals in Kanada oder Irland läuft.


Wormser Dominikanerkloster

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