Jörg DonnerSabine Kress, Sea Life

Der Herr der Gezeiten

Alleine steigt kein Taucher ins große Meerwasserbecken des Sea-Life-Centers in Speyer. Das wäre zu gefährlich. Allerdings nicht wegen Bonnie und Clyde, den beiden Ammenhaien, oder den fast zwei Meter langen Riesenzackenbarschen, die hier ihre Bahnen ziehen, sondern wegen Marty, der Meeresschildkröte.

„Eigentlich ist er völlig harmlos und will nur spielen“, erklärt Arndt Hadamek, der Chef-Aquarist des Sea Life Speyer, „aber er hat ziemlich starke Kiefer. Ein Finger ist da schnell ab, wenn man nicht aufpasst.“ Während sich die Haie und Rochen bei den wöchentlichen Tauchgängen eher zurückziehen, lässt Marty den Besuchern in Neoprenanzügen keine Ruhe. „Damit einer die Scheiben des Aquariums putzen kann, muss der andere mit ihm spielen“, sagt Hadamek. Nur bei der täglichen Fütterung taucht die Meeresschildkröte schnell in das fünf Meter tiefe Becken hinab, um sich an Salatköpfen, aber auch an Fisch- und Tintenfischstücken gütlich zu tun. Die dürften ihm als Vegetarier eigentlich gar nicht schme-cken, aber davon will Marty nichts wissen. Erst nach dem Füttern lässt er sich mit der Wurzelbürste den Panzer schrubben, tollt wie ein junger Hund durchs Wasser und genießt die Streicheleinheiten der Pfleger an Schnauze und Panzer.


Zuchtstation für Haie

Bei Peggy, dem kubanischen Krokodil, das ein paar Meter weiter bewegungslos in seinem Terrarium liegt, wäre Anfassen keine gute Idee. Die Art zählt zu den aggressivsten Reptilien überhaupt und verträgt sich nicht mal mit seinesgleichen. In freier Wildbahn leben nur noch rund 3.000 Exemplare des Kuba-Krokodils. Andere Tiere, wie etwa die Glattstirnkaimane, werden hier auch nachgezüchtet und an Zoos weltweit oder eines der Sea-Life-Center – europaweit sind es 34 – weitergegeben. Fast täglich sammeln die Mitarbeiter mehrere Eier von Haien und Rochen aus dem sandi-gen Boden der Aquarien, um sie behutsam auszubrüten. „Die Eltern kümmern sich nach der Ablage nicht mehr um den Nachwuchs“, sagt Chef-Aquarist Hadamek. „Diese Aufgabe übernehmen dann wir.“

Er steht im engen Austausch mit dem Mutterkonzern in England, der die Ausstellungen koordiniert und die Tierbestände überwacht. Für Speyer ist in diesem Jahr eine neue Attraktion vorgesehen: Die „Schildkrötenbucht“ erweitert die 13 Unterwasserwelten um einen Außenbereich, in dem zukünftig junge Europäische Sumpfschildkröten auf ihr neues Zuhause vorbereitet werden. „Gemeinsam mit dem Naturschutzbund Rheinland-Pfalz züchten wir die Tiere und ziehen sie rund vier Jahre lang auf“, sagt Hadamek. Erst dann seien sie groß genug, um keine leichte Beute für Vögel und andere Jäger zu werden. „Dann wildern wir die Schildkröten aus und versuchen, sie hier wieder heimisch zu machen.“

Unbekannte Nachbarn

Seit 2008 wurden 75 Schildkröten in die Freiheit entlassen, dieses Jahr sollen es noch mal so viele sein. Im Mittelalter wurden die Tiere entlang des Rheins wegen ihres Fleisches gnadenlos gejagt und getötet. Speyer war zu dieser Zeit sogar bekannt für seinen Markt, auf dem Schildkröten angeboten wurden. Immer noch gehören die Sumpfschildkröten zu den am stärksten bedrohten Reptilien in Europa. Im geschützten Freigelände der Sea-Life-Schildkrötenbucht können sie sich nun ungestört auf Temperaturschwankungen und die Jahreszeiten einstellen.

Neben der Tierpflege gehört es zu Hadameks Aufgaben aber auch, die Lebensbedingungen zu kontrollieren. Der gelernte Chemiker prüft jeden Tag die Wasserqualität und -temperatur in den Becken, kümmert sich um die Filter- und Strömungsanlagen und steht den Besuchern für Fragen zur Verfügung. Nur etwa 20 Prozent der rund 3.000 Tiere im Sea Life Speyer sind Exoten, der Rest stammt mehr oder weniger aus der Umgebung: aus dem Rhein und dem Bodensee, aus der Nord- und Ostsee. Viele Gäste sehen Zander, Wels, Karpfen, Stichlinge, Rotaugen, Aale und die vielen anderen heimischen Tierarten trotzdem zum ersten Mal – zumindest lebendig und nicht auf dem Speiseteller. Im Anfassbecken kommt man einigen Tieren sogar zum Greifen nah. Angst um seine Finger muss dabei niemand haben: Die Seesterne und Seeigel sind völlig harmlos.

www.visitsealife.com/speyer

 

Mit freundlicher Genehmigung von: HIN UND WEG, Das Magazin des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar und Sea Life Speyer.