Annika WindClaus Geiss

Der Geschmack von Erinnerung

Seit fast 40 Jahren verkauft die leidenschaftliche Schaustellerin Welda Heinen Lebkuchen, Kletzenbrot und ihre berühmten gebrannten Mandeln und dabei geht es noch um sehr viel mehr …

„Prinz“ steht mit Zuckerguss auf einem der Lebkuchenherzen geschrieben. „Ich liebe dich“. Und „Frohe Weihnachten“. Wer an Welda Heinens Stand auf dem Mannheimer Weihnachtsmarkt kommt, der verliert sich fast zwischen all den Hexenhäuschen und Elchköpfen, Lollis, Liebesperlen und Weingummifröschen. Dabei wissen viele schon ganz genau, was sie kaufen werden: Kletzenbrot. Aus Datteln, Mandeln und Feigen muss es gemacht sein, mit Nüssen, getrockneten Birnen und Rosinen versetzt. Nicht zu süß und nicht zu klebrig. Eine kleine Köstlichkeit aus Roggenteig.

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Süßer Kult: Welda Heinens berühmtes Kletzenbrot

Wer am Wasserturm Zuckerwatte, Hutzelbrot, Lebkuchen oder eben dieses besondere Früchtebrot kauft, der sucht den Geschmack nach der eigenen Kindheit, dem Gebäck der Oma oder von Weihnachten – und auch das Gesicht der Verkäuferin. Welda Heinen ist das gewohnt. Sie lebt und liebt diesen Stand – und sie weiß, dass es erst um das geht, was hier verkauft wird. Und dann um die, die es anbietet. Aber Welda Heinen ist nicht irgendeine Schaustellerin, die für die kurze Zeit eines Weihnachtsmarktes Süßwaren über die Theke reicht.

„In meinem Beruf geht es um Menschen“, sagt Welda Heinen. Es geht um Qualität, um regionale Tradition – und um Zeit.

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Seit fast 40 Jahren Welda Heinens Arbeitsplatz: der Mannheimer Weihnachtsmarkt.

An die 40 Jahre sind vergangen, seitdem die Heinens ihren ersten Weihnachtsmarktstand am Mannheimer Wasserturm aufbauten. Und die Tradition des Schaustellens an sich – sie reicht ganze Generationen zurück: Schon die Großeltern waren mit dem Wohnwagen unterwegs gewesen. Die Oma stammte aus einer Schauspielerfamilie, die mit einem Wandertheater durch die Lande zog, in dem ihre Mutter die Hauptrolle spielte. „Mein Vater war Hochseilartist“, erinnert sich die 65-Jährige. Das Leben „auf dem Platz“ haben nicht nur ihre Eltern schon geführt, sondern auch ihre Groß- und Urgroßeltern. „Ich bin im Wohnwagen geboren und aufgewachsen“, erzählt die Schaustellerin, die heute in Worms lebt. Schiebetüren trennten die Welt der Kinder vom Elternbereich – theoretisch. Denn die Familie lebte eng beieinander, nicht nur räumlich gesehen. Abgesehen vom Schulunterricht verbrachten Eltern und Kinder ihre Zeit gemeinsam beim Auf- und Abbau und den Reisen zu Kerwen und Volksfesten.

Heute ist Welda Heinen immer noch 32 Wochen im Jahr unterwegs. Los geht die Saison mit dem Frühlingsvolksfest in Würzburg, Schlusspunkt ist immer der Mannheimer Weihnachtsmarkt. Dabei betreibt sie nicht nur ihren Stand mit Süßwaren, sondern auch Pfeil- und Ringwurfbuden, Schieß- und Eisstände, die sie bis nach Straubing führen. „Mein Geschäft ist mein Leben“, sagt die Wormserin – dabei hatte sie als Teenager lieber Abitur machen wollen, bis die Einsicht kam: Hier, an ihrem Stand, kann sie den Menschen nah sein. Statt Psychologie zu studieren schulte sie jahrzehntelang ihre Menschenkenntnis.

Welda Heinen ist klar, dass sie selbst eine besondere Kindheit hatte. Viele Mitschüler hätten sie um ihr Leben im Wohnwagen beneidet. Aber leicht war er wohl nicht, dieser ständige Wechsel von Orten, Schulen, Freunden. Im Wohnwagen und auf dem Platz blieben dafür manche Dinge gleich: „Die Puppenküche und der Kaufladen waren unser Reich.“ Den Kleiderschrank nutzen alle, die Bettcouch war das Elternschlafzimmer, gleich neben Nierentisch und Fernseher. Samstags und sonntags machte die Familie meist ihr Hauptgeschäft, dienstags ging es weiter zum nächsten Ort. Am „Transporttag“ kamen Bratkartoffeln mit Eiern und Salat auf den Tisch – kleine Details, an die sie sich gern erinnert.

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Und irgendwo mittendrin: Liebesperlen und Weingummifrösche.

Vielleicht kann sie deshalb auch so gut verstehen, was ihre Kunden bei ihr suchen: Den Geschmack nach Erinnerung. Ihr Geheimrezept? „Da gibt es viele.“ Gleich zweimal hintereinander sind ihre gebrannten Mandeln von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft ausgezeichnet worden. „Die Aromen, die ich dafür verwende, verrate ich natürlich nicht“, – Welda Heinen lächelt geheimnisvoll. Ja, auch unter Schaustellern gibt es Berufsgeheimnisse. Von ihrem Früchtebrot gibt sie nur so viel preis, dass es in Nürnberg nach alter Tradition produziert wird. In einem kleinen Betrieb. Und natürlich schon seit Jahrzehnten.


 

www.weihnachtsmarkt-mannheim.de